Berlin - Man kennt den Fuchs, der durch den Tiergarten streift, oder die Schildkröten im Kreuzberger Engelbecken. Das sind die offensichtlicheren Versionen tierisch-menschlichen Zusammenlebens in der Stadt. Die Tiere müssen sich arrangieren, während der Mensch seine Umwelt immer wieder verändert.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm

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Dass Tiere das gut können und welche Auswirkungen der ständige Wandel hat, zeigt jetzt die von der Architekturzeitschrift Arch+ organisierte Ausstellung „Cohabitation“. Neben circa 30 Arbeiten, die in drei Kapiteln durchs Thema führen, gibt es ein umfangreiches Exkursions- und Diskussionsprogramm. Im Kapitel „Anthropocity“ wird das Zusammenleben von Mensch und Tier im städtischen Raum untersucht. Eine Verbindung, die vor allem durch Haustiere zustande kommt.

In „Pet City“ stellen Theo Deutinger und Charlotte Kaulen die Ergebnisse ihrer Studie zur Berliner Haustierwirtschaft vor. In Berlin leben 100.000 Hunde und rund 200.000 Katzen. Darum hat sich ein kompletter Wirtschaftszweig entsponnen, der weit über die einfachen Bedürfnisse des Tiers wie Futter, Napf und Decke hinausgeht. Da gibt es etwa die Hundemassage, den Hundefriedhof oder das Entertainment-Programm für Single-Katzen. Was einem irgendwie lustig-absurd vorkommt, ist eine ernst zu nehmende ökonomische Nische, besonders in Pandemiezeiten ist die Nachfrage nach Haustieren enorm gestiegen.

Daniel Poller
Ein kleiner Vogel verliert sein Zuhause: Während hier ein Gebäude abgetragen wurde, verschwand auch sein Nistplatz 

Auch der Tiergarten ist ein Biotop

Moritz Ahlert und Alsino Skowronnek haben eine interaktive Karte erstellt, die verschiedene Bereiche der Stadt in Bezug auf die Symbiose von Mensch und Tier zeigt. So ist der Tiergarten etwa als Ort zu sehen, wo Zugvögel Pause auf ihrer Route machen. Doch durch seine Nähe zum Potsdamer Platz ist er für viele von ihnen auch der letzte Stop. Wenn keine hässlichen Aufkleber den Vögeln signalisieren, dass sie hier besser abdrehen, donnern sie gegen das Glas der Hochhäuser und verenden elendiglich. Allerdings passen Tiere sich auch an. Daniel Poller hielt den Abriss des Instituts für Lehrerbildung in Potsdam fotografisch fest. Während das Gebäude Stück für Stück verschwand, verschwand auch der Nistplatz des Hausrotschwanzes, den Poller in der Ruine heimatlos verwirrt umherirrend fotografierte. Dass man durch den Abriss in den Lebensraum des Vogels eingriff, hatte man nicht bedacht.

Das Kapitel „Ecocity“ stellt sich die Frage nach den Grenzen von Natur und Stadt. Dazu sieht man unter anderem den Film „Urth“ von Ben Rivers, der sich dem grandios gescheiterten Projekt widmet, ein autarkes Ökosystem künstlich herzustellen. Schauplatz ist ein hermetisch abgeschottetes Gewächshaus in der Wüste Arizonas, wo man in den 90er-Jahren versuchte, acht Menschen und 3800 Pflanzen- und Tierarten unterzubringen, um so die Kolonisierung des Mondes vorzubereiten. Binnen weniger Monate waren alle Wirbeltiere gestorben, die Menschen zerstritten und ein weiteres Überleben unmöglich. Ökosysteme sind komplex – zu denken, man könnte sie künstlich herstellen und beherrschen, ist absolute Hybris.

Die Lösung wird letztlich in „Zoopolis“ vorgeschlagen: Der Mensch muss seine Abhängigkeit von anderen Spezies anerkennen und auch nicht-menschliche Akteure beim Bauen, Abreißen und Neuordnen berücksichtigen. So fordern Club Real mit ihrem „Parlament der Lebewesen“, dass diese Fragen nicht nur mit menschlichen, sondern auch mit nicht-menschlichen Akteuren verhandelt werden. Auf einer Baulücke im Wedding exerzieren sie diese Art transspeziezistische Demokratie durch. Dort nämlich herrscht: Organismendemokratie. In der Ausstellung gibt es einen Teppich, auf dem man die „Allgemeine Deklaration der Organismenrechte“ erklärt bekommt.

Die Arbeiten changieren so immer wieder zwischen witziger Verspieltheit und besorgniserregendem Ernst. Genau so muss man sich dem komplexen Thema der Verbindung zwischen Mensch und Tier im Zeitalter von Klimawandel und Digitalisierung nähern. Denn wenn der Mensch an die Zukunft des Planeten denkt, darf er nicht vergessen, dass er dabei nicht allein ist.

Cohabitation - Ein Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum, bis 04. Juli, bei silent green Kulturquartier Berlin

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.