Meine Schuhsohlen sind ein bisschen nass nach dem Besuch des Rinke'schen „wasserwerks“ in der einstigen Werkhalle der Lichtenberger „Fahrbereitschaft“, die das Sammlerpaar Haubrok seit Jahren mühevoll, aber erfolgreich zu einem Vorbild-Projekt für Kunst und Gewerbe entwickelt. Und ich freue mich über meine feuchten Socken. Denn so ein- und nachdrücklich hab ich selten erlebt, wie sehr doch Wasser unser – allzu oft sträflich verschwendetes und bedenkenlos vergeudetes – Lebenselixier ist. Ein Stoff, der in vielen Teilen der Erde (und leider auch im reichen Europa) immer rarer und kostbarer wird, weil es immer trockener und heißer auf unserem blauen Planeten zugeht und Millionen Arme auf der Welt keinen Wasser-Zugang haben.

Ich stehe im „wasserwerk“ des einst in Düsseldorf aktiven Pioniers der frühen ökologischen Aktionskunst Klaus Rinke, höre das Rauschen, Plätschern, Tropfen des Wassers, umlaufe Schläuche, Säcke, wassergefüllte Zinkeimer, bewundere die spiegelglatte Oberfläche eines Zinktisches. Das Objekt von 1971/1975, auf dem es erstaunlicherweise zu keinem Überlauf kommt, obwohl doch Wasser zufließt, heißt „wassertisch/ zeitdurchfluss“. Fast schon möchte ich diesen Wasser-affinen Bildhauer Klaus Rinke für eine Art David Copperfield halten.

Klaus Rinke/„Fahrbereitschaft“ Haubrok
Diese so simple wie krude Installation in der Haubrok-Halle nennt Rinke „zeitmaß-langsam sinkender wasserstand“, 1969.

Rinke hat die Lichtenberger Haubrok-Halle gefüllt mit Installationen, Objekten, Videos und Großfotografien seiner so spektakulären wie auch immer mit leichter Eulenspiegelei, also vertracktem Witz gewürzten Wasser- Aktionen, so mit „zwölf fass geschöpftes rheinwasser“, 1969, dem „begehbaren wassersack“, 1968, dem „waagerechten wasserstrahl“ aus dem gleichen Jahr. Rinke hat die Marotte, alle seine Titel und schriftlichen Zusätze konsequent klein zu schreiben.

Der Künstler mit der einstigen Lockenmähne – heute trägt er den Scheitel blank – ist Jahrgang 1939, und er mischte mit seiner auf Nachhaltigkeit insistierenden Wasser-Kunst schon seit Ende der Sechzigerjahre die Kunstszene bis in die USA und nach Japan auf. Sammler Axel Haubrok erlebte Rinke damals als einen der großen Aktionskünstler im Dunstkreis der Düsseldorfer Kunstakademie. Dort hat Rinke auch bis 2004 gelehrt. Und noch heute, sozusagen retrospektiv, führt er uns vor, dass er, wie kaum ein weiterer Gefährte von Joseph Beuys, den „erweiterten Kunstbegriff“ ins Alltäglichste hinein dehnte. Aber nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit dadaistischem Spaß – und anschließendem gedanklichen und auch emotionalen Tiefgang. Wie ein Chemielehrer, der es mit Versuchsanordnungen und lebhaften Experimenten versteht, eine ganze Klasse für den Zauber der Wissenschaft zu begeistern.

Klaus Rinke/„Fahrbereitschaft“ Haubrok
Blick in die Lichtenberger Haubrok-Halle mit Klaus Rinkes Arbeiten zum „wasserwerk“.

Etliche Arbeiten gehören der Sammlung Haubrok, andere sind Leihgaben. Auf einem Video können wir eine Schnee-Aktion in St. Georgen im Jahr 1979 verfolgen: Rinke produzierte mit Wärmegeräten und vollem Körpereinsatz am verschneiten Schwarzwaldhang 4000 Liter Schmelzwasser. Er dokumentierte eine Aktion gegen die Ölpest 1971 am Hudson River, New York, und zeigt mit einem Fass geschöpften Mittelmeerwassers, einer braungelbroten Brühe, den Verschmutzungsgrad des Meeres.

Gleichsam zum Propheten der heute so vielbeschworenen Nachhaltigkeit wird Rinke mit der Installation „zeitmaß- langsam sinkender wasserstand“, 1969: zwei große Gläser, dazwischen ein gewaltiges Pendel – als Gleichnis für die der Erde drohende Wassernot.

Klaus Rinke/ „Fahrbereitschaft“ Haubrok
„wassertisch/zeitdurchfluss“, 1970/75, Detail aus der Schau Wasserwerk Rinke“ in der Lichtenberger „Fahrbereitschaft“ Haubrok.

Überall in der Halle verteilt lesen wir dazu Rinkes biografisch-theoretische Texte zu Wasser, Zeit, Raum, Masse, Schwerkraft und seine Gleichung, mit der er den Rhythmus vom Satz des Pythagoras aufnimmt: „wasser+schwerkraft = harmonie“. Immer verweist sein Umgang mit dem Element Wasser, vor allem das „Fließen“ – egal ob im Fluss oder am Meer oder auch nur in (Öl)Pfützen – auf den natürlichen oder fatal gestörten irdischen Kreislauf. Andere Arbeiten wiederum verbildlichen die Kräfte der Gravitation. Und das Wasser als solches wird immer wieder erlebbar als das Element, aus dem das Leben kam.

Teil zwei dieser Doppelschau ist in der Galerie Kicken zu sehen. Da sind Rinkes „Projects (MoMA 1973 et al)“, seine ikonischen „primärdemonstrationen“, die zumeist seiner ersten Einzelausstellung im Museum of Modern Art, New York, entstammen. Da sehen wir ihn, damals ein langer dünner Lulatsch, quer stehend in einem Raum, es sieht beinahe so aus, als halte er mit seinem Körper die Raumwände fest, damit sie nicht einstürzen. Mit Wasser hat diese Arbeit mal nichts zu tun, dafür mit der Situation seines Körpers als Mittelpunkt einer genau ausgeklügelten Handlung in Raum und Zeit.

Doppelschau bis 17. Juni: Haubrok-Foundation in der „Fahrbereitschaft“ in Lichtenberg, Herzbergstr. 40–43, bitte nach Anmeldung: Tel. 0172 210 95 25 oder per E-Mail info@haubrok.org. Galerie Kicken, Kaiserdamm 118, Di–Fr 14–18 Uhr, Tel: (030) 288 77 882