Die Schweine aus Ton erinnern Hartmut Peters an die Salz- und Pfefferstreuer seiner Eltern, nur dass die aus Holz waren und oben Zahnstocher drinsteckten. Er steht in schwarzer Hose und weißem Hemd vor einer Vitrine im Vorderasiatischen Museum auf der Museumsinsel und deutet auf ein wenige Zentimeter großes Objekt, ein Doppelgefäß aus dem 7. oder 8. Jahrhundert vor Christus. „Knuffig sind die“, sagt er und weist auf die in den Ton geritzten Mäuler der Schweine hin. Sie scheinen tatsächlich zu lächeln. „Sie wissen ja, künstlerische Freiheit“, sagt Hartmut Peters fachmännisch. „Das gab es damals  schon.“ Vor der Vitrine steht ein Aufsteller mit seinem Foto und einem Text von Peters: „Wir haben wunderbare Objekte, die natürlich weitaus größer und imposanter sind, vielleicht auch wertvoller. Aber es gibt manchmal die kleinen Dinge des Alltags, die einen dann erfreuen oder zum Nachdenken anregen.“ Er stellt sich vor, dass die Schweine einmal als Behälter für Farbpigmente dienten, mit denen sich die Damen schminkten. „Denken Sie an Kleopatra!“

An dem Ausstellungsprojekt  beteiligen sich acht Berliner Museen

Dass Hartmut Peters auf diese Weise sein Lieblingsobjekt vorstellen darf, ist dem Ausstellungsprojekt „Jeden Tag im Museum“ zu verdanken. In acht Berliner Häusern, darunter das Ägyptische Museum, die Antikensammlung, das Kunstgewerbemuseum und das Museum Europäischer Kulturen, präsentieren 30 Aufsichtspersonen jeweils das Werk, das ihnen am besten gefällt. Es ist eine Verbeugung vor den Menschen, die die meiste Zeit mit diesen Werken verbringen, dabei unbeachtet bleiben und eine ganz andere Sicht darauf haben als etwa ein Kurator. „Weitwinkel. Globale Sammlungsperspektiven“ heißt die Veranstaltungsreihe, zu der diese Sonderpräsentation gehört. Und der Winkel ist wirklich weit. Einer Aufsicht aus der Gemäldegalerie etwa fallen an dem Caravaggio-Gemälde „Amor als Sieger“ vor allem die schwarzen Fußnägel des schönen, nackten Knaben auf. Sie wundert sich selbst darüber.

SMB/Kunstgewerbemuseum / Valerie
Olha Savielieva vor ihrem Lieblingswerk, dem Silberbuffet im Kunstgewerbemuseum.

Wie unterschiedlich die Perspektiven sind, zeigen auch zwei Blicke auf das Große Silberbuffet, eine Sammlung von Tellern und Gefäßen, die nie einen praktischen Nutzen hatten. Stattdessen dienten sie der Dekoration des Rittersaals im Berliner Schloss. Jetzt ist das Buffet im Schloss Köpenick ausgestellt. Sultan Machigov hat es als sein Lieblingswerk ausgewählt, weil er die großen Teller so mag und den majestätischen Aufbau. „Es wäre toll, so etwas zu Hause zu haben, wenn Freunde zu Gast kommen.“ Die Aufsicht Olha Savielieva dagegen erinnert das Buffet an das Porzellangeschirr ihrer Mutter aus der DDR. „Sie hat diese Porzellanteller bis jetzt und benutzt sie nur an Feiertagen.“

Eine Schale im Museum für Islamische Kunst: „Ich brauche keine Blümchen“

Michael Buchholz war mal Typograph. Wahrscheinlich gefällt ihm deshalb die Schale so gut, die im Museum für Islamische Kunst zu sehen ist und die aus dem Iran des 10./11. Jahrhunderts stammt. „Mich fasziniert an der Schale vor allen Dingen, dass sich der Künstler getraut hat, sich über die damalige Ikonographie hinwegzusetzen. Dass er gesagt hat: Ich brauche keine Blümchen.“ Tatsächlich schmückt allein die Schrift den Rand der Schale. Unglaublich modern wirkt sie. Michael Buchholz stellt sich vor, dass darin einst Gästen Früchte serviert wurden.

Alle, mit denen wir sprechen, haben früher mal was anderes gemacht. Thomas Burghardt war Sommelier in einer Weinbar am Gendarmenmarkt. Dann kam der Lockdown. Seit April 2021 arbeitet er nun im Museum. Sein Lieblingswerk ist ein Teppichfragment aus dem Iran des 16. Jahrhunderts, das Teil der großen Teppichsammlung des Museums für Islamische Kunst ist. „Obwohl ich eine Stauballergie habe“, sagt er. Es ist nicht allein der Teppich, der es ihm angetan hat, sondern auch dessen Geschichte. Er wurde 1945 bei einem Bombenangriff zerstört und von einer alten Dame wieder zusammengeflickt, „nur mit Nadel und Faden“, sagt Thomas Burghardt.

SMB/Antikensammlung / Valerie Sc
Christiane Lehmert vor dem Markttor von Milet im Pergamonmuseum: „Das Markttor gefällt mir so gut, weil es so filigran gearbeitet ist.“

Harald Peters, der Bewunderer der Tonamphore in Schweinegestalt, hat nach der 10. Klasse eine Lehre im Bereich Mikroelektronik gemacht. Das war vor der Wende. Und dann? „Sie wissen doch, Treuhand und so.“ Er hat keine Lust, ins Detail zu gehen. „Man hat sich so durchgehangelt.“ Jetzt ist er 56, arbeitet seit zwölf Jahren im Museum und hat schon ein paar Häuser durch. „Beuys, Bruce Nauman, Gordon Matta-Clark – kann ich Ihnen alles erzählen.“ Vielleicht könnte man sagen, dass er nun im Vorderasiatischen Museum seine Bestimmung gefunden hat. Mit acht habe er davon geträumt, einer wie Schliemann zu werden. „In Geschichte hatte ich durchgehend eine eins.“

Jetzt schweift sein Blick ab, er wird nervös, ist sein Auge doch auf einen jungen Mann gefallen, der eine Colaflasche in der Hand hält. Jetzt ist Hartmut Peters wieder die Museumsaufsicht.