Im Hospital-Bordell wird die reuelose Frau geheilt

Die Kalifornierin Leila Hekmat inszeniert mit „Female Remedy“ im Zehlendorfer Haus am Waldsee eine feministische Sittenkomödie.

Installationsansicht von Leila Hekmats „Female Remedy“, 2022, im Haus am Waldsee
Installationsansicht von Leila Hekmats „Female Remedy“, 2022, im Haus am Waldsee Frank Sperling/Leila Hekmat/Haus am Waldsee

Hier also soll es Abhilfe für Frauen geben? Aber wovon will man sie befreien, heilen in dieser extravaganten, sarkastischen Mischung aus orthodox-religiösem Krankenhaus, OP-Saal, Bordell-Boudoir und Sadomaso-Hölle? Was machen die Schwesternhäubchen tragenden, offensichtlich auch etwas sadistisch veranlagten Heilerinnen namens Rita, Happy und Cecil mit all den verrucht-reuelosen Frauen, deren Abbilder auf den barocken Vorhängen dieses Hospital-Bordells prangen?

Das Haus am Waldsee hat ja schon so Einiges an Anarchie erlebt. Sieben Jahre nach dem Mauerfall war es Labor für ein biologisch-zoologisches Experiment der Dresdner Gabriel-Twins: Fluxus im Schneckentempo. Eine riesige Schneckenpopulation okkupierte das von einem Förderverein getragene Ausstellungshaus vor der damaligen Teilsanierung. Und wohl nie mehr seit damals war das Haus derart beliebt bei Kindern.

Nun dürften feministisch Gesinnte und auch alle, die in der staubtrockenen, theorieüberladenen Konzeptkunst des zurückliegenden Vierteljahrhunderts die sinnliche Provokation vermissten, sich fühlen wie in einer von Marquis de Sade inszenierten Barockoper, in der sich alles Obsessive versammelt, alles Surreale, was gesellschaftliche Gesetze, Normen, Regularien, Etikette seit Jahrhunderten den Frauen zugedacht haben.

Vor dem Zugang zu diesem hybriden Stilmix aus Theater, Musical, Komödie, Bildkunst und Performance wird von den Ausstellungsmachern darauf hingewiesen, dass es in der Schau um Nacktheit und eine explizit sexuelle Sprache geht, darum der Besuch durch Minderjährige im elterlichen Ermessen liege. Nun, etliche unserer Sprösslinge dürften durch ihren Internetkonsum besser gewappnet sein für eine solches künstlerisches Mysterien-Orgien-Theater als so manch mit Biederkeit bedienter RBB-Gucker.

Leila Hekmats „wundersame, kranke Misfits“
Leila Hekmats „wundersame, kranke Misfits“ Frank Sperling/Leila Hekmat/ Haus am Waldsee

Leila Hekmat, 41, Tochter einer nach Kalifornien eingewanderten jüdisch-iranischen Familie, Wahlberlinerin aus Los Angeles, wurde von der neuen Direktorin des Hauses am Waldsee, Anna Gritz, eingeladen. Es ist Hekmats erste Einzelschau in einer hiesigen Institution und sie hatte für den ambitionierten Aufwand virtuose Helfer: Die raffinierten Holzarbeiten für die oft deckenhohen, Räume teilenden und Wände füllenden Installationen baute Niël Meyer, die herrlich abstrusen Kostüme und Wandvorhänge schneiderten Elsa Leguèvaques und Grace Kim, den unbehaglichen wilden Sound, bisweilen dominiert von einer Orgel, komponierte von Roman Ole und Roman Lemberg.

Was zunächst als lustvoll überbordendes Misfits-Melodram über einen hereinbricht, folgt, wie es sich beim Gang durch diese Sittenkomödie erweist, einer mitleidlos feministischen Strategie. Empfängt im Entree ein riesiger Wandvorhang, darauf tiefrot digital gedruckt ein lesbisches Schäferstündchen im dekadenten Fin-de-Siécle-Stil, verwandelt sich das Amüsante alsbald in ein Gefühl der Beklemmung vor dem, was nun passieren könnte, im großen „Bettensaal“ des unsittlichen Hospitals. Elf Krankenlager warten auf Belegung.  Leicht bekleidete, maskierte Krankenschwestern hocken mit Patientinnen zusammen. Auf den weißen Bettdecken sind  ihre Bildnisse aufgedruckt. Sie leiden alle an derselben „Krankheit“- Frau zu sein.

Im Obergeschoss warten ein knallrotes Nagelbett, ein mit schwülstig bebilderten Vorhängen abgeschirmtes Kabinett, darin wie zu einer Blütenform arrangierte Bettpfannen und Urin-„Enten“. Vielleicht sind diese in Krankenhäusern unvermeidlichen Foltergeräte Hekmats ironische Metapher für Baudelaires „Blume des Bösen“, ein Faustschlag ins heuchlerische Gesicht jenes Bildungsbürgertums, das in hohem Ton die Poesie preist, das Erhabene und Galante – aber den Alltag, den Dreck, das Kranke, die Unterwelt, die Ausgestoßenen ignoriert. Der französische Dichter rebellierte 1857 mit seinem Roman gegen menschliche wie göttliche Ordnung, bezichtigte den Schöpfer gar als Urheber des Bösen.

Auf Vorhängen mit digitalen Collagen geht es um die Obsession von Heilung - bloß von welcher Krankheit? Der  lustvollen Weiblichkeit?
Auf Vorhängen mit digitalen Collagen geht es um die Obsession von Heilung - bloß von welcher Krankheit? Der lustvollen Weiblichkeit?Frank Sperling/Leila Hekmat/Haus am Waldsee

Leila Hektmat macht im Jahr 2022 daraus eine surreale Tragikomödie, bei der einem in diesem „Krankenhaus“ der Moderne mit Schlafsaal, OP-Saal, diversen Behandlungsräumen und einer Kapelle mit Altar und Orgel das Lachen im Halse stecken bleibt. Ihre Kostüme, die bald an sakrale Gewänder, elisabethanische Mode, bald an Fetischkleidung denken lassen, dazu das groteske, maskenhafte Make-up und die von Lockenwicklern malträtierten Perücken – all das hat etwas von feministischer Revolte, von Parodie auf den freudschen Begriff weiblicher Hysterie und jongliert boshaft mit der libertären, anarchischen Art und Weise von de Sade und Artauds „Theater der Grausamkeit" und den entgrenzenden, rauschhaft- spirituellen Erfahrungen.

Und so macht Hekmat in ihrem  extraordinären „Porträt“ eines Krankenhauses für Frauen das Kranksein zum Ort der Selbstfindung. Sie begrüßt bei ihrer Performance mit diesem Manifest: „Willkommen im Krankenhaus Hekmat. Dies ist eine Einrichtung für eine Krankheit, die keiner Behandlung bedarf. Eine Krankheit, für die es keine Heilung gibt – die unheilbare Erfahrung des Weiblichen. Der Zweck dieses Krankenhauses ist es, die existierenden Stärken der Frauen zu untermauern, sie zu stützen, zu stählen, zu festigen und zu vergrößern…“

Hekmats digitale Collage einer Widerspenstigen: „Shirley“, 2022
Hekmats digitale Collage einer Widerspenstigen: „Shirley“, 2022Frank Sperling/Leila Hekmat/Haus am Waldsee

Und dann teilt sie mit, dass in dieser Klinik Patientinnen und die rollschuhfahrenden Krankenschwestern ein und dieselbe Hysterie teilen. Und so liest sich die ganze abgründige Schau lustvoll und grimmig als Kritik an den überkommenen und heutigen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen. Hekmat verwandelt Konventionen von Geschlecht, Gender und Sexualität in Persiflagen, bedient sich der Mittel des „Absurden Theaters“, das die Sinnfreiheit der Welt und den orientierungslosen Menschen darin darstellt, ebenso der alten Commedia dell’arte mit ihrem derbdrolligen Stegreif- und Maskenspiel. Und nicht zuletzt greift sie zurück auf die Tradition der ironietriefenden jüdischen Stand-up-Comedy.

Female Remedy. Haus am Waldsee, Argentinische Alle 30 (Zehlendorf). Bis 8. Januar 2023, Di–So 11–18 Uhr, Café geöffnet. Zur Ausstellung erschien ein Magazin, Deutsch/Englisch, 20 Euro.