Am 28. Juni sollte ein Flugzeug von Berlin-Tegel nach Antalya in der Türkei fliegen, um von dort syrische Flüchtlinge nach Berlin zu bringen. Sie sollten keine Ausweispapiere vorzeigen müssen. Der Transport hätte also gegen den Paragrafen 63 des Aufenthaltsgesetzes verstoßen.

Vor allem aber hätte er gezeigt, dass die Toten im Mittelmeer nicht Opfer der See, nicht Opfer verbrecherischer Schlepperunternehmer sind, sondern dass eine EU-Richtlinie dafür sorgt, dass sie den Banden und der Natur zum Fraße vorgeworfen werden.

Wir sehen diesem Geschehen heute im Fernsehen und auf unseren Smartphones nur wenig anders zu als einst die römischen Bürger, die in den Arenen die verzweifelten Kämpfe der Gladiatoren gegen Löwen und Tiger verfolgten. Uns graut davor, aber wir schauen zu. Und ändern nichts. Nicht einmal den kleinen Paragrafen 63 des Aufenthaltsgesetzes.

Der Staat stärkt die Schlepper

Er sei noch einmal zitiert: „(1) Ein Beförderungsunternehmer darf Ausländer nur in das Bundesgebiet befördern, wenn sie im Besitz eines erforderlichen Passes und eines erforderlichen Aufenthaltstitels sind.

(2) Das Bundesministerium des Innern oder die von ihm bestimmte Stelle kann im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur einem Beförderungsunternehmer untersagen, Ausländer entgegen Absatz 1 in das Bundesgebiet zu befördern und für den Fall der Zuwiderhandlung ein Zwangsgeld androhen. Widerspruch und Klage haben keine aufschiebende Wirkung; dies gilt auch hinsichtlich der Festsetzung des Zwangsgeldes.

(3) Das Zwangsgeld gegen den Beförderungsunternehmer beträgt für jeden Ausländer, den er einer Verfügung nach Absatz 2 zuwider befördert, mindestens 1000 und höchstens 5000 Euro. Das Zwangsgeld kann durch das Bundesministerium des Innern oder die von ihm bestimmte Stelle festgesetzt und beigetrieben werden.

(4) Das Bundesministerium des Innern oder die von ihm bestimmte Stelle kann mit Beförderungsunternehmern Regelungen zur Umsetzung der in Absatz 1 genannten Pflicht vereinbaren.“

Dieser Paragraf wurde am Freitag gegen das Votum von Linken und Grünen im Bundestag wieder bestätigt. In unserem Namen werden also weiter Tausende, Zehntausende Menschen Schleppern ausgeliefert, die ihre Infrastruktur sonst dem Rauschgift- und Waffen-Schmuggel zur Verfügung stellen. Der Staat, der eine Art von Kriminalität bekämpft, stärkt genau damit eine andere.

Die Reise der einhundert syrischen Flüchtlinge von Antalya nach Berlin sollte über Air Berlin laufen. Sie war vom Zentrum für politische Schönheit der Fluggesellschaft so angekündigt worden: „Für eine Theatervorstellung am Maxim-Gorki-Theater Berlin befördert das Zentrum für Politische Schönheit Schauspieler, Statisten und technische Mitarbeiter (Rückflug). Mit an Bord wird Betreuungspersonal sein, das die Schauspieler und Statisten begleiten wird (Hin- und Rückflug).“

Am 25. 6. erläuterte das Zentrum für Politische Schönheit gegenüber Air Berlin: „Der Vollständigkeit halber teile ich noch mit, dass es sich bei den benannten Fluggästen zum Teil um Syrer handelt, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land flüchten mussten. Visa für die Einreise nach Deutschland liegen von diesen Passagieren noch nicht vor.“

Auch die Bundespolizei klärte Air Berlin über den Charakter des Flugs auf. Air Berlin betrachtet sich als getäuscht. Es handele sich in erster Linie nicht um den Transport von Theatermitarbeitern, sondern um den „Teil einer großangelegten politischen Kampagne.“
Vergesst die Tiger!

Kunst und Politik sind nicht zu trennen

Air Berlin hat recht. Und unrecht zugleich. Der Witz des Theaters des Zentrums für politische Schönheit liegt ja gerade darin, dass Kunst und Politik nicht zu trennen sind. In jeder Sekunde ist unklar, auf welcher Bühne gerade inszeniert wird. Ist der Briefwechsel mit Air Berlin echt? Oder ist er Teil eines Skripts?

Dass der Bundestag über die Beibehaltung des Paragrafen 63 abstimmte, war Teil der Inszenierung. Die Bühne verschob sich vom Maxim-Gorki-Theater in den Reichstag. War der Ausgang des Stückes darum offen? Oder gehorchte der Bundestag mit seiner Entscheidung nicht der Logik der Autoren des Stücks des Zentrums für politische Schönheit? Gehört der Flug, also der wirkliche Transport wirklicher Menschen, zum Stück oder gehört das Scheitern dazu?

Natürlich warf sich niemand den Tigern zum Fraße vor. Politische Schönheit erinnert uns an unser Morden, aber sie praktiziert es nicht.

Am Ende des Stücks, dessen Mitspieler wir waren, las eine Schauspielerin, ein echter Flüchtling aus Syrien, einen Brief der Tiger an uns Menschen vor: Sie seien hier missbraucht worden. Sie töteten, um zu fressen. Anders als die Menschen veranstalteten sie keine Massaker unter ihren Artgenossen. Ganz am Ende erklärte die Schauspielerin noch: "Vergesst die Tiger! Denkt daran, was für Menschen ihr sein wollt!"