Fast die gesamte, legendäre Rollsiegel-Sammlung war 2003 bei der Plünderung des Museums in Bagdad gestohlen worden – und ist noch immer verschwunden. Das Chaos nach der US-Invasion 2003 im Irak ausnutzend, hatten damals Diebe zielgerichtet und mit guten Ortskenntnissen die Keller-Magazine des Museums heimgesucht und die 5000 Siegel umfassende Kollektion mitgenommen.

Jetzt bekommt der Irak erstmals Objekte aus dieser Sammlung zurück: Am Dienstag übergab Axel Stahl als Vertreter der Krefelder Staatsanwaltschaft rund ein Dutzend geraubte Kunstgegenstände dem irakischen Botschafter Hussain M. Fadhlalla Alkhateeb in Berlin.

Rollsiegel und Metallgewichte, ein Relief, eine Keilschriftplatte und Keramikobjekte waren Ende 2010 von der Krefelder Polizei sichergestellt worden. „Die Artefakte kommen nun dahin zurück, wo sie hingehören“, sagt Stahl, „in den Irak, ins Museum. Sie werden also nicht in einer privaten Sammlung und damit unzugänglich für die Öffentlichkeit verschwinden.“

Dort wären sie nach dem Willen der Hehler gelandet, die die rund ein Dutzend geraubten Kunstschätze auf den Markt bringen wollten. Im Dezember 2010 hatten sie die Objekte im Spielcasino der Stadt Viersen, in dem einer der Hehler verkehrte, angeboten. In lokalen Medien war von geforderten 15 Millionen Euro die Rede. Die Polizei habe einen Tipp aus einem europäischen Nachbarland bekommen, heißt es, sei als Käufer aufgetreten und konnte den Deal verhindern.

Gutachter des Vorderasiatischen Museums zu Berlin wurde beauftragt, sich die Objekte anzusehen. Mindestens eine Statue stellte sich als Fälschung heraus, ein Rollsiegel trug die Inventarnummer des Bagdader Museums. Es war in den 1930er-Jahren von amerikanischen Archäologen ausgegraben und dann bestens dokumentiert worden. Die anderen Objekte könnten bei Raubgrabungen gefunden worden und danach in den illegalen internationalen Antiken-Handel gelangt sein.

Einsichten in den illegalen Kunsthandel

Wie die vier damals festgenommenen Tatverdächtigen an die Objekte gekommen waren, ist bis heute nicht geklärt oder wird von der Staatsanwaltschaft nicht preisgegeben. Der Archäologe Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum sagt, dass es erstmals gelungen sei, Einsicht in die komplizierten Strukturen des illegalen Kunsthandels zu gewinnen, bei dem mittlerweile fast so viel Geld verdient werden soll wie im Drogenhandel.

Solche Hinweise sind auch deshalb wichtig, weil mit den politischen Umbrüchen in Nahost erneut Museen und Ausgrabungsstätten gefährdet sind. Im Bürgerkriegsland Syrien finden massive Raubgrabungen statt, wie auch in Ägypten, Tunesien, Libyen und Jemen. In Ägypten wurde das Inventar eines kleinen Provinz-Museums gestohlen.

Vor und nach dem Irak-Krieg 2003 waren Tausende Objekte aus dem geplünderten Museum in Bagdad sowie aus Raubgrabungen außer Landes gebracht worden − wie eben auch die Krefelder Objekte. Der Weg dieser Artefakte muss abenteuerlich gewesen sein: Die Stücke sollen aus dem Irak über Jordanien oder die Türkei in die Schweiz gelangt sein, von dort wurden sie nach Deutschland gebracht. Die Hehler selbst gaben laut Staatsanwaltschaft an, sie hätten die Stücke in den Jahren 2005 und 2006 auf einem Markt in Syrien erworben – für eine geringe Summe. Sie hätten nichts über den wahren Wert, die Herkunft oder gar davon gewusst, dass es sich um Diebesgut handele.

Müller-Karpe, der auch als Kriminalarchäologe bezeichnet wird, hält das für Unsinn: Seit 2002 stand auf Schmuggel mit Artefakten im Irak die Todesstrafe. Nach der US-Invasion und der Museumsplünderung 2003 hätte niemand solche Stücke erwerben können ohne Kenntnis, dass nach den verschwundenen Objekten international gesucht wird, dass der Handel damit verboten ist. Die Hehler seien Deutsch-Iraker gewesen und müssten gewusst haben, was sie anboten.

Ein Sprichwort sagt, Unkenntnis schützt vor Strafe nicht. Doch im deutschen Strafgesetz gibt es einen Paragrafen, demzufolge straffrei bleibt, wer im guten Glauben Kunstgegenstände zweifelhafter Herkunft erwirbt. Die Behauptung des gutgläubigen Erwerbs hat die Tatverdächtigen geschützt: Es gab kein Urteil, sie wurden nicht bestraft.