Kunstfund Gurlitt: Der Cézanne ist kein NS-Raubgut

Dieser Fall hat, nach all der Aufregung seit nunmehr fünf Jahren, wahrlich ein Happy End: Über drei Jahre lang haben die Provenienz-Forscher des Kunstmuseums Bern jeden noch so mageren Hinweis geprüft und jedes Fetzchen Dokument umgedreht.

Nun erweist es sich: Das wohl prominenteste Werk des spektakulären Kunstfundes Gurlitt von München und Salzburg im Jahr 2013, von dem große Teile seit Herbst 2017 (Teil 1) und noch bis 18. Juli (Teil 2) im Kunstmuseum Bern und in der Bundeskunsthalle Bonn parallel gezeigt wurden, ist keine NS-Raubkunst. Jeglicher Verdacht, der auf Paul Cézannes impressionistischem Bild „La Montagne Sainte-Victoire, 1897“, dieser lichten Szene mit Felsbrocken und frühlingsblühenden Gebirgsbäumen und -Sträuchern lag, ist ausgeräumt.

Kunstmuseum Bern als einziger Erbe

Das idyllische Motiv, das auf über 26 Millionen Euro geschätzt wird, ist also sauber und darf Eigentum des Berner Museums bleiben. Der 2014 verstorbene greise Sohn von „Hitlers Kunsthändler“ Hildebrand Gurlitt hatte die zur NS-Zeit 1557 angekauften oder aus jüdischem Besitz erworbenen Kunstwerke seines Vaters in zwei Wohnungen ängstlich gehortet. Er sah sich als „Beschützer“ des väterlichen Nachlasses. 2013 entdeckte der Zoll das Schatzlager, der Fund wurde beschlagnahmt. Es gab einen gewaltigen internationalen Medien-Hype, der dem schon schwerkranken Gurlitt-Sohn zusetzte und ihn mithin zu einer höchst tragischen Figur machte.

Eine staatliche Task Force nahm für zwei Jahre die Herkunftsforschung auf – und scheiterte, im Prinzip kläglich, denn in den wenigsten Fällen konnte der Beweis erbracht werden, dass es sich um NS-Raubkunst handelt. Dieser Bestand musste an den Sohn des Händlers zurückgegeben werden. Cornelius Gurlitt bestimmte noch kurz vor seinem Tod für den unbedenklichen Großteil der illustren Sammlung in seinem Groll über die deutschen Behörden und dem rigorosen Umgang mit seiner Person nicht etwa ein deutsches Museum, sondern das Kunstmuseum Bern als alleinigen Erben. Damit aber stand diese altehrwürdige Einrichtung allerdings in der Pflicht, das Geschenk akribisch zu prüfen, also eine eigene Forschungs-Gruppe zu berufen.

Ab September im Martin Gropius Bau

Mit zügigen Ergebnissen, im engen Austausch mit Provenienz-Forschern in Bonn: Inzwischen weiß man, auch ausgehend von den Task Force-Erkenntnissen , dass es sich bei sechs Werken aus dem Gurlitt-Fund tatsächlich um Raubkunst handelt. Vier Bilder konnten bereits restituiert werden und derzeit bestehen noch 61 Verdachtsfälle. Das ist der Forschungsstand kurz vor Sommerbeginn. 

Auch bei dem kostbaren Cézanne-Gemälde hatte es eine Provenienz-Lücke gegeben. Aber nunmehr konnte jeglicher Verdacht ausgeräumt werden. Der Händler Hildebrand Gurlitt hatte das Werk seinerzeit korrekt erworben. Die Familie Cézanne erkennt das Museum nun als rechtmäßige Eigentümerin an. Im Gegenzug können Cézannes Nachfahren das Bild in regelmäßigen Abständen im Musée Granet in Aix-en-Provence, Cézannes Heimatstadt, zeigen. Eine glückliche Lösung.

Im September ist die „Bestandsaufnahme Gurlitt. Entartete Kunst – Beschlagnahmt und verkauft“ auch im Berliner Martin Gropius Bau zu sehen. Es werden, wie zuvor schon In Bern und Bonn, die politischen Vorgänge thematisiert, die zur Diffamierung der Moderne als „entartet“ und deren Zerstörung und Verkauf führten. Die Berliner Ausstellung widerspiegelt dann auch den aktuellsten Forschungsstand.