Mit einer Bodenskulptur von Richard Long markierte Galerist Konrad Fischer 2019 den Umzug aus dem überteuerten Galerienhaus Lindenstraße in die Neue Grünstraße.
Foto: dpa/Wolfgang Kumm

BerlinDer Prophet gilt ja bekanntlich nichts im eigenen Lande. Kenner des Kunstmarktes warnten. Schon 2008, zur Zeit der globalen Finanzkrise, in Berlin, Stadt des Kunstbooms nach dem Mauerfall, sei „die kritische Masse erreicht“. Gemeint waren die schiere Künstlermenge und die stetig wachsende Galerienzahl. Angemahnt wurde: Weniger Quantität, mehr Qualität!

Nun, zu Ende des Jahres 2019, ist die Stimmung unter den meisten Berliner Galeristen nach einer repräsentativen Online-Umfrage der Kreativwirtschaft unter gut 200 Galeristen noch melancholischer. Fast ein Dutzend haben aufgegeben. Die Kunstszene in Berlin verlässt ihre Komfortzone: Nur ein Viertel der Kunsthändler beurteilt nach der Erhebung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) und der Landesverbandes Berliner Galerien (lvbg) die mittelfristigen Geschäftsaussichten als günstig. Der Rest schätzt die Aussichten als ungünstig (20 Prozent) oder stagnierend (56 Prozent) ein.

Die meisten würden es sein lassen

Alarmierend ist: Mit der Erfahrung von heute würden 84 Prozent der Händler, das bekennen sie frank und frei, in dieser Stadt keine Galerie mehr gründen. Berlins Kunsthandel leidet vor allem unter der 2014 von 7 auf 19 Prozent angehobenen Mehrwertsteuer. Acht von zehn Umfrageteilnehmern zählen die veränderten Besteuerungsregeln zu einem der drei Hauptprobleme. Hinzu kommen die steigenden Kosten für Ausstellungsflächen. Auch Kunstorte fallen der Gentrifizierung zum Opfer. Und, was ins Kontor schlägt: Museen haben kaum noch Ankauf-Etats.

Die alle so gern bemühten Mythos-Berlin-Euphorien dämpfende Einschätzung betrifft erneut die politischen Rahmenbedingungen im Verhältnis zur Masse der Händler. Heute sind das an die 50 hiesige Global Player (Macher des alljährlichen Gallery Weekends) mit auf dem Markt etablierten Künstlern, so an die 350 Galerien im Mittelfeld, welche noch unbekannte sowie die vielen älteren, vom Markt vernachlässigten Kunstschaffenden in den westlichen wie östlichen Stadtteilen betreuen.


Berlins Kunstlandschaft

  • 350 Galerien, die rein kommerziell arbeiten, machen Berlin zum quantitativ größten Handelsplatz Europas.
  • 20 000 Bildende Künstler aus aller Welt leben und arbeiten in Berlin, das nach dem Mauerfall wie ein Magnet wirkte.
  • 200 befragte Galeristen Berlins sehen ihrer Zukunft allerdings eher mit gemischten Gefühlen entgegen.

Das tun auch die gut 50 Kommunalen Galerien sowie Ausstellungsorte von Wohnungsbaugesellschaften, Konzernen, Kunststiftungen, die aber nicht kommerziell handeln. Gar nicht misst die Umfrage all jene zahllosen Kunstorte, die in der „Wildwuchszone“ agieren, an wechselnden Orten, in „Produzenten“-Zusammenschlüssen und oft nur temporär geduldet als „Zwischenmieter“, etwa von Immobilienprojekten.

Auf all diese vermeintlichen Ausstellungs/Verkaufschancen setzten vor allem um die 20 000 hier lebende Künstler, all die Absolventen der Kunsthochschulen, der Schulen für Fotografie. Und alle wollen in Berlin bleiben. Obwohl der schwache Markt kein Auskommen hergibt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Verkauf mittelprächtig bis flau

Die Entwicklung hat eine Vorgeschichte. 2011 erklang der bittere Abgesang des Berlin Art Forums, der jungen, mit vielen Hoffnungen belegten, aber an der internationalen Sammler-Nachfrage gescheiterten Kunstmesse der Hauptstadt. Damals schon herrschte Katerstimmung. Der Senat hatte sich aus der Förderung des Kunstmarktes zurückgezogen. Mühsam berappelte sich die private Galerien-Szene mit teils nur mäßig laufenden Ersatzmessen, schließlich kam es zu einer Kooperation mit der KoelnMesse. Resümee: nur mittelprächtig bis flau.

Die aktuelle Offenbarung ist um so bitterer. VBKI-Geschäftsführer Udo Marin betont, dass die Galerien Enormes für den Kunst- und Kulturstandort Berlin, für das kreative Image der Stadt leisten. Also sei es „im strategischen Interesse des gesamten Standorts, den Galerien eine faire Chance zu geben – und ihnen durch gezielte Programme, wie in anderen Zukunftsbranchen üblich, unter die Arme zu greifen“. Nötig sei etwa die Förderung von Messeteilnahmen, gerade im Ausland, ebenso eine Stärkung des Messe-Auftritts zur allherbstlichen Art Week.

Werner Tammen, Vorsitzender des Landesverbandes Berliner Galerien (lvbg) verlangt von der Politik ein klares Bekenntnis zum Berliner Kunstmarktstandort:   Dringend geboten, sei, so Tammen, vor allem – wie im Vertrag der Großen Koalition angekündigt – wieder der Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent. Auch wäre es wichtig, die Berliner Museen mit höheren Ankaufsetats für zeitgenössische Kunst auszustatten. Bleibt noch anzumerken, wie öde und langweilig Berlin wäre ohne seine kreative Kunst- und Galerienszene. Ohne den Treibstoff Kunst. Noch ist Zeit, die bunte Karawane zu halten.