Kunstprojekt „Dau“ : Schaut auf diese Berliner Mauer

Der Verdacht auf Größenwahn war noch selten ein überzeugender Einwand gegen künstlerischen Gestaltungswillen. Und die Umsetzung eines maßvollen politischen Pragmatismus steht gewiss nicht im Mittelpunkt der Überlegungen zum Großprojekt „Dau“, für das im Namen des Begriffs Freiheit in der Mitte Berlins ein ummauertes Stadtareal errichtet werden soll, um die Auswirkungen eines totalitären Regimes erfahrbar zu machen.

Zwischen dem 12. Oktober und 9. November wird es rund um die Staatsoper Unter den Linden Grenz- und Visakontrollen geben, und die große Aufhebung der Kunstvision ist für den Tag des Mauerfalls vorgesehen. Der Kalender liefert die schweren Zeichen der deutschen Geschichte frei Haus.

Die Mauer an einem Ort, an dem sie sich nie befand

Der politische Zuspruch war beachtlich, für das Projekt des russischen Künstlers Ilya Khrzhanovsky haben sich umgehend der Regierende Bürgermeister Berlins, Michael Müller (SPD), und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ausgesprochen. An künstlerischer Satisfaktionsfähigkeit mangelt es nicht, zu den Beteiligten gehören der Berliner Filmemacher Tom Tykwer, die stets anonym operierende Streetart-Legende Banksy und die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die mit ihren ästhetischen Grenzgängen Weltruhm erlangt hat. So viel Prominenz kann nicht irren, scheint die Devise der Macher wohl auch mit Blick auf die Skepsis gegenüber dem gigantisch daherkommenden Projekt zu sein.

Was soll die Mauer an einem Ort, an dem sie sich nie befand?, wurde gefragt. Und läuft die künstliche Simulation eines autoritären Staates nicht Gefahr, die Erfahrungen von Menschen in totalitären Regimen zu verkennen? Der Wille zum Werk findet zudem auf historisch kontaminiertem Gelände statt, und die Entstehungsgeschichte des Films „Gundermann“ von Andreas Dresen zeigt ja gerade, wie sich der Blick auf die DDR, die durch die Ortswahl zwangsläufig eine Projektionsfläche des „Dau“-Projektes ist, in den letzten Jahren verändert und verfeinert hat.

Aufregung mit Gelassenheit begegnen

Was es wird und wie es sich anfühlt, weiß man natürlich erst hinterher. Die Macher dürfen dabei auf die Neugier der Berliner vertrauen, die künstlerischen Eigensinn dieses Ausmaßes stets mit bewundernswerter Aufgeschlossenheit angenommen haben. Als paradigmatisches Ereignis darf dabei noch immer die Verpackung des Reichstagsgebäudes im Sommer 1995 gelten. Über 20 Jahre lang hatte das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude auf die Realisierung ihres Vorhabens gedrungen, ehe der Deutsche Bundestag nach intensiver Debatte 1994 seine Zustimmung zur Vollverkleidung des Reichstags mit einem aluminiumbedampftem Polypropylengewebe gab.

Aus kunsthistorischer wie aus politischer Sicht ist der Überzeugungskampf des Künstlerpaares heute selbst exemplarischer Bestandteil des Kunstwerks, das letztlich vor allem durch unprätentiöse Volkstauglichkeit überzeugte. Alle Bedenken schienen verflogen, als die Berliner und ihre Gäste die Wiese vor dem Reichstag als temporären Festplatz für sich eroberten.

Dabei sollte man nicht im Modus der Rückblende verharren. Mauern, Grenzen und Kontrollen erinnern ja nicht nur an überwundene Regime, sondern sie gehören auch zu den Instrumenten gegenwärtiger politischer Kräfte, die sich in vielen Ländern der Welt mit atemberaubender Obszönität zu etablieren versuchen. Künstlerische Produktion bietet dagegen kein verlässliches Heilmittel. Manchmal kommt sie selbst in einem totalitaristischen Gestus daher. Als Angebot, die Dinge aber auch einmal ganz anders zu sehen, besitzt sie einen oft unwiderstehlichen Charme, dem man sich nicht entziehen sollte. Erst recht nicht in Berlin, wo man es seit jeher verstanden hat, den wechselnden Aufregungen des Tages mit einer unerschütterlichen Gelassenheit zu begegnen.