Die Chilenin Irma Bernhard arbeitet an einem Fotoprojekt, das durch die Flucht ihres damals 16jährigen Vaters aus Nazi-Deutschland inspiriert ist.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Berlin Irma Bernhard legt ein Buch auf den Tisch und ihre Hand darauf, als streichele sie über etwas sehr Wertvolles. „Ich habe eine Liebe für Dinge, die die Zeit überdauern. Es ist mehr als Nostalgie“, sagt sie. „Manche Dinge lösen etwas aus.“ Irma Bernhard ist eine Fotografin aus Santiago de Chile in Südamerika. An einem sonnigen Tag sitzt sie in einer schönen Berliner Altbauwohnung in der Nähe der Karl-Marx-Allee und erzählt von ihrem Vater Joachim und einer Zeit, als dieser ein Junge war. Es ist eine lange Geschichte, aber sie ist ausführlich dokumentiert. 

Und sie ist unmittelbar. Man muss das Buch nur in die Hand nehmen und die Geschichte ist ganz nah. „Tagebuch von Joachim Bernhard 1934“ steht auf dem Buchdeckel. Auf der ersten Seite klebt eine Hitlerkarikatur, ausgeschnitten aus einer Zeitung. Daneben die Zeilen: „Weit ist der Weg zurück, ins Heimatland, so weit, weit, weit.“ Fotos wechseln sich mit Texten ab: „21.7.1934. Raus aus dem Bett. 1/2 7 Uhr. Mensch so früh.

Ach ja heute gehts ja weg von zu Hause. Nun bin ich ganz wach. Schnelles Anziehen. Kaffeetrinken. Und dann Abschied von Mutti, die nicht mit zur Bahn kommt, es ist besser so. Ach ja das ist das schwerste gewesen. Nun liegt es hinter mir. Arme Mutti“, so berichtet Joachim Bernhard auf der ersten Seite. Auf den Bildern Straßen- und Schiffsszenen: ein Eselskarren in Curaçao, ein Lotse in Bolivar, der Atlantik, der Panamakanal und schließlich die Ankunft in Santiago am 3. September.

Aufbruch nach Chile

Joachim Bernhard kommt aus Deutschland. 1934, als er 16 Jahre alt ist, entschließt er sich, sein Land zu verlassen. Er gibt seine Heimat auf und besteigt ein Schiff nach Chile. Er ist enttäuscht. Er hat den Eindruck, dass dieses Land ihn nicht will. So beschreibt er seine Gefühle in dem Buch, das mehr als 80 Jahre später in Berlin auf einem Tisch liegt.

Ein deutscher Junge mit einer protestantischen Mutter und einem jüdischen Vater erzählt auf den Seiten dieses Buches von seinem Aufbruch und dem neuen Leben auf einem fernen Kontinent in Worten und mit Fotografien. Man hat das Gefühl, dass er eine Geschichte erzählt, die größer ist, als das persönliche Erlebnis: Flucht, Vertreibung, Neuanfang – Themen, die heute so aktuell sind, wie damals.

Das Band zwischen Irma Bernhard und ihrem Vater Joachim ist stark. Es hat sie weit in die Vergangenheit geführt, über Meere und Kontinente. Irma Bernhard hat aus diesem Tagebuch heraus eine Fotoausstellung in Rostock gestaltet. Es soll eine Präsentation in Berlin geben, einen Film und noch mehr. Irma Bernhard ist im vergangenen Jahr für einige Wochen nach Deutschland gekommen.

Zwischen Flucht und Vertreibung

Sie hat Menschen getroffen, die sie zuvor nicht gekannt hat, die aber mit ihr verwandt sind. Sie hat die Orte in Mecklenburg-Vorpommern besucht, an denen ihre Vorfahren gelebt haben. In der Berliner Wohnung baut ihr Lebensgefährte neben dem Tisch eine Filmkamera auf. Das Gespräch wird aufgezeichnet. Es soll eines Tages in eine Ausstellung und in einen Dokumentarfilm eingehen.

Es soll Teil der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht und Vertreibung werden, was es bedeutet, ein neues Leben im Exil aufzubauen und was das heißt für die Nachgeborenen, für ihre Verwurzelung, für ihr Heimatgefühl auch nach langer Zeit. Irma Bernhard ist 55 Jahre alt. Sie hat nie infrage gestellt, dass Chile ihre Heimat ist. Es gab für sie lange keinen Grund dafür. Sie wusste, dass ihr Vater aus Deutschland gekommen war und warum er seine Heimat verlassen hatte.

Es interessiert Irma Bernhard aber erst heute, was das für ihn bedeutet hat. Und was es für sie selbst bedeutet. Joachim Bernhard hatte sehr viel Glück bei seiner Suche nach einer neuen Heimat. Als er Chile erreicht, gibt sich die Regierung jüdischen Migranten gegenüber offen, während die Regierungen zuvor und danach eher antisemitisch eingestellt sind. Zwischen 1934 und 39 wandern auch Nazis nach Chile ein. Es gibt eine Nationalsozialistische Partei wie in Deutschland.

Auch Nazis zieht es nach Chile

Viele deutsche Kolonisten sympathisierten mit dem Nationalsozialismus. Dass es sowohl jüdische Flüchtlinge als auch Nationalsozialisten in den 30er und 40er Jahren nach Chile zieht, gehört zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte. Nicht allen Familienmitgliedern gelingt die Flucht. Der Bruder des Vaters wird mit seiner Frau und seiner Mutter deportiert. Sie werden in Konzentrationslagern ermordet. Joachim berichtet in seinem Tagebuch über das, was die Eltern von zu Hause schreiben.

Wie die Wohnung von „der Nazivolkswut zerstört“ wird und der Vater in Schutzhaft kommt. Wie sich der ältere Bruder nach Kolumbien aufmacht und der jüngere mit dem Kindertransport nach England. Er bemüht sich um die Einreise der Eltern. „Wenig ermutigende Aussichten“, schreibt Joachim. Seine Arbeitsstellen wechseln, seine Wohnorte auch. Das Ankommen in der neuen Heimat ist schwer. Erst 1939 werden endlich die Visa zur Einreise auch für die Eltern erteilt.

Das Tagebuch bietet mehr als nur das Innenleben eines jungen Mannes. Es liefert zum Beispiel einen Blick von außen auf Europa. Am 1. September 1939 berichtet Joachim Bernhard: „Krieg ist ausgebrochen. Deutschland invadiert Polen. Endlich hat Hitler es fertig bekommen, die Welt ins Rassenmorden zu stürzen. Flugzeuggeschwader, Bomben, Gas! Was man nicht alles erfindet, um einen Menschen kaputt zu machen. Die kultivierten Europäer lernen wohl nie.“

Aufbau und Zerstörung

Joachim Bernhard ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Jahren in Chile. Er lebt in einer anderen Welt als die Verwandten in Europa. Manchmal verliebt er sich und ist fröhlich, dann wieder verliert er seine Stelle und ist deprimiert. „Den ganzen Monat rumgelaufen, geredet und geredet ... Kein Erfolg. Das Geld ist alle – die Nerven werden weich.“ Die Schwierigkeiten, im Exil Fuß zu fassen, teilt er mit allen Neuankömmlingen überall auf der Welt und zu allen Zeiten. Aber es gibt immer wieder auch gute Nachrichten.

Gemeinsam mit den Eltern zieht Joachim auf ein kleines Stück Land am Rande Santiagos. Sie schaffen Hühner an und züchten Gladiolen aus Zwiebeln, die die Mutter aus Europa mitgebracht hat und die bis zu diesem Zeitpunkt in Südamerika nicht verbreitet sind. Sie bauen am Haus und an den Ställen mit geliehenem Geld. Gleich danach kippt seine Erzählung wieder ins Dramatische. „Und während wir hier aufbauen, wird Europa zerstört. Japan und USA sind jetzt auch mit im Krieg. Wann und wie wird das aufhören?

Der Krieg ist wie eine Pest, er greift um sich und vergrößert sich, aber wann wird er seinen Höhepunkt erreicht haben“, schreibt er. Joachim heiratet und baut am Hof, eine Tochter wird geboren. Währendessen geht in Europa der Krieg zu Ende. „Göbbels schluckt Gift, Hitler soll das gleiche gemacht haben. Endlich ist die Welt von diesen Schweinen befreit, aber was wird nun?“, schreibt Joachim. Die Lage in Europa und auf der ganzen Welt erscheint ihm unübersichtlich. Aber Europa ist weit weg, Joachim baut neue Hühnerställe.

Nur noch wenige Tagebucheinträge

Das erste Auto wird angeschafft und noch ein Kind geboren. 1949 endet das Tagebuch. Anschließend sind nur noch die allerwichtigsten Ereignisse wie die zweite Heirat, die Geburt der Kinder und der Tod des Vaters vermerkt. Das letzte Foto zeigt Berlin mit Blick auf den Straußberger Platz.  Irma Bernhard hat wie so viele Menschen erst in den mittleren Jahren damit begonnen, sich mit der Herkunft ihrer Familie auseinanderzusetzen. Sie hatte von ihrem Vater anfangs nur ein paar alte Fotos und Dokumente.

„Ich wusste schon immer, dass die Familie eine interessante Geschichte hat. Und ich finde diese Fotos vom dokumentarischen Wert her auch interessant. Vor einigen Jahren habe ich mich aber entschlossen, damit noch etwas anderes anzufangen“, sagt sie. Sie fing an, die Dinge zu ordnen und nach mehr zu suchen. Dafür ist sie an die Orte gereist, die erwähnt wurden. Sie fuhr nach Dargun in Mecklenburg-Vorpommern, wo ihr Urgroßvater eine Bürstenfabrik betrieben hatte, die er später nach Rostock verlegte.

Heute liegt an dieser Stelle ein Gedenkstein zur Erinnerung an die Darguner Juden, die Opfer der Shoa wurden. Irma hat erst dort erfasst, dass es eine Notwendigkeit für solche Orte der Erinnerung gibt, die das Vergessen verhindern. Irma Bernhard ist Joachim Bernhards vierte Tochter. Sie hat eine Schwester und einen Bruder sowie drei Halbgeschwister aus der ersten Ehe ihres Vaters. Als Fotografin arbeitet Irma Bernhard bereits seit 1986.

Fotos von verwelkten Blumen

Neben der kommerziellen Auftragsfotografie hat sie künstlerische Projekte realisiert, Akt- und Porträtfotografie gemacht. Seit einiger Zeit fotografiert sie Botanik. Sie breitet Bilder auf dem Tisch in der Berliner Wohnung aus. Viele der Bilder zeigen verwelkende Blumen in verschiedenen Zuständen. Es ist eine spezielle Ästhetik. Allen gemeinsam ist, dass die Pflanzen im Verfall eine besondere Schönheit ausstrahlen. Der Verfall selbst, so scheint ist, kann schön sein.

„Ich habe eine Leidenschaft für diese Zustände, in denen deutlich wird, dass die Zeit eingreift.“ Joachim Bernhard ist 2002 gestorben. Von ihrem Vater sind Irma Bernhard viele Dokumente und Fotos geblieben. Vor fünf Jahren fasste sie den Entschluss, mit dem Material etwas anzufangen. „Die Bilder sprechen zu mir, wenn ich ein altes Dokument mit abgegriffenem, im Lauf der Zeit zerknittertem Papier fotografiere.

Dabei muss ich immer an die Umstände denken, die seine Zerstörung verhindert haben und wie das, was ich heute vor Augen habe, gerettet wurde, Bilder und Gegenstände, die eine Zeitachse und zurückgelegte Wege nachzeichnen, Bruchstücke überlebender Dinge für die Entzifferung eines ganzen Lebens. So sind diese Fotografien Hüter der Zeit und Bewahrer dieser Erinnerungen“, sagt Irma Bernhard in einem Trailer zu der Ausstellung in Rostock.

Fotografie als besondere Ausdrucksweise

Als sie ein kleines Kind war, zeigte ihr Vater ihr oft Fotos und sie hatte das Gefühl, etwas Magisches vor sich zu haben, als ob sie plötzlich ein Fenster zur Vergangenheit geöffnet hätte und in eine andere Zeit gelangen könnte.  Fotografie hat für Irma Bernhard eine metaphysische Dimension. Dass ein simples beschichtetes Papier derart viele Informationen über die Zeit transportieren kann, in der es entstanden ist, fasziniert sie. Genauso geht es ihr mit den Briefen, die ihr Vater hinterlassen hat.

Irma Bernhard betrachtet die Fotos und Papiere als Zeitkapseln. Der Gegensatz zwischen dem bedruckten, beschichteten, beschrifteten Papier und den Gefühlen, die die Betrachtung freizusetzen vermag, habe doch geradezu etwas Magisches, findet sie. „Das Papier, die Berührung mit einer Stelle, an die er seine Hand gelegt hat, ist sehr bewegend“, sagt Irma Bernhard. Sie hat das Tagebuch ihres Vaters eher zufällig bei einem Halbbruder in Kanada gefunden.

Eine Geschichte festgehalten für viele Menschen

„Mein Vater hat mir erzählt von seinen Tanten, Cousinen und ihren Nachkommen. Aber ich kannte niemanden davon“, sagt Irma Bernhard. Als sie dann weiter recherchierte, verselbstständigten sich die Dinge. Plötzlich bekam sie ständig Briefe mit Informationen über die Familie geschickt und wollte wissen, wer dahinter steckte. In der Familie hatte sich herumgesprochen, dass sie an einem Fotoprojekt arbeitete.

So kam sie nach Deutschland. Irma Bernhard sieht die Ausstellung in Rostock nur als ersten Schritt, sich mit der Auswanderung der Familie und den Umständen zu befassen. Sie hat Reisen über den ganzen Erdball hinweg unternommen. Sie hat tiefe Empörung empfunden beim Betrachten der Dokumente, die von der Vertreibung und Vernichtung ihrer Familie zeugen.

Sie will nun noch auf eine weitere Weise von der Vergänglichkeit und dem Vertriebensein sprechen. Es geht darum, die Geschichte der Familie so zu erzählen, dass es eine Geschichte vieler Menschen ist. „Alle Familien haben in Schubladen Fotos und viele Familien haben ähnliches erlebt“, sagt Irma Bernhard. Sie sollten die Bilder und Geschichten herausholen, findet sie.

"Das Schiff. Rostock - Santiago de Chile.
Bilder eines Lebens im Exil 1934 - 1964"
eine Ausstellung im Max-Samuel-Haus 
Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur in Rostock
Schillerplatz 10, 18055 Rostock
noch bis 20. Februar 2020
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag 10-16 Uhr und nach Absprache