Der narzisstischen wie auch der vom Überdruss durch inflationär-redundante Events genervten Kunstszene der deutschen Hauptstadt sei dies als erbauliche Reise empfohlen: Szczecin, nur 150 Kilometer von Berlin entfernt. Man darf auch Stettin sagen, ohne gleich des Revanchismus beschuldigt zu werden. Zumal dort jeder Dritte Englisch und recht gut Deutsch spricht. Freilich, ohne dass sich, im Gegenzug, die vielen deutschen Besucher der pommerschen Hansestadt an der Mündung der Oder zum Stettiner Haff des Polnischen befleißigen würden.

Zwei kurzweilige Stunden nach Stettin

Man fährt ab Berlin Hauptbahnhof mit dem Regio (relaxtes Umsteigen in Angermünde) zwei kurzweilige Stunden durch echte blühende Landschaften – Uckermark, Pommern. Gerade verschwenden Klatschmohn, Kornblumen, Kamille und Holunder ihre Farbenpracht. Und dann ist man in fünf Minuten vom Stettiner Bahnhof, den Bauarbeiter gerade zukunftsfähig machen, an jener Gründerzeitfassade gegenüber der St.-Johannes-Evangelist-Kirche angelangt, die alle Kunstwelt inzwischen mit leuchtenden Augen nur „Trafo“ nennt. Das architektonische Kleinod nahe dem imposanter Hafen, unweit fünf anderer schöner Museen und in der Altstadt umgeben von gotischen, barocken Bauwerken und Wohnhäusern im Art-Deco-Stil ist kein Geheimtipp mehr: „Trafo“, diese für 4,5 Millionen Euro (mit Hilfe der EU) umgebaute einstige Stromstation, ist seit 2012 das jüngste, zudem privat betriebene Zentrum für internationale zeitgenössische Kunst in Polen. Gründungschefin war dort für kurze Zeit die Berliner Kulturfrau Constanze Kleiner, Initiatorin von „White Cube“ im einstigen Palast der Republik und der Temporären Kunsthalle Berlin. Inzwischen managt der polnische Unternehmer Mikolaj Sekutowiecz das gerade bei den weit über tausend Studenten der erst vier Jahre alten Stettiner Kunstakademie beliebte Haus.

Gefragt und daher vielfrequentiert ist das Ausstellungszentrum wohl auch deshalb, weil man einerseits zeigt, was in der Gegenwartskunst international im Gespräch ist, und zugleich wagt „Trafo“ Experimentelles. Einer der derzeit angesagtesten Video-und Sound-Künstler, Gilad Ratman aus Haifa, Jahrgang 1975, hat hier seine erste Solo-Schau in Europa, nachdem er vor zwei Jahren mit viel Erfolg den israelischen Pavillon der Biennale Venedig mitbespielte. Und sein Kurator Sergio Edelsztein, ein Argentinier mit Studium in Tel Aviv, lebt in Berlin. Das Netzwerk ist die Basis allen Kunstgeschehens und internationale Kunst bloß eine Frage der Transformation. Irgendwie mache die Kunst die Welt zum Dorf, meint Ratman. Und ja, er ist glücklich mit dem „Trafo“, weil er vier Video-Installationen gleichzeitig auf vier Ebenen zeigen könne, gewissermaßen mit der Subtext-Botschaft, dass alles mit allem zusammenhängt. Die Dreh-Orte und auch die Städte, deren Kunst von Tel Aviv bis Sao Paulo längst die von Nomaden – oder Weltbürgern ist.

In allen vier (Klang)Videos bezieht er sich auf die Situation der Menschen, ihrer Identität angesichts der sich rasant verändernden politischen, ökologischen, technologischen Realität. Nur durch Plastikschläuche atmende Schlammtaucher etwa lassen an eine Art Apokalypse Now, aber auch an die altjüdische Golem-Geschichte denken und der hitchcock’sche „Swarm“ – Videos einer Drohnen-Attacke – imaginieren den Horror der längst möglichen totalen Überwachung.

Mystischer Begleitsound Umbruchs

Auf einem Feld nahe Bukarest drehte er den theatralisch-lauten Auftritt von fünf rumänischen Death-Heavy-Metal-Bands. Diese Musik, so Ratman sei hinter dem Eisernen Vorhang bis 1989 der mystische Begleitsound des Umbruchs gewesen. Wie ein System von Blutgefäßen ziehen sich in seinen Videobildern die E-Kabel der Instrumente übers Feld, während man auf der nächsten Leinwand den Musikern zuschaut, wie sie ihre einst teuer erstandenen Verstärker in einem Erdloch vergraben, Schaufel für Schaufel, religiös-metaphorisch wie in der Bibel: Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Dazu hört man den Wind, Vogelstimmen dann den gewaltsamen, wie unterirdischen Death-Metal-Klang.

Auf der nächsten Etage geht es mit „Multipillory“ um Unterwerfung aus freiem Willen. Ketzerisch eigentlich, wenn man bedenkt, dass man sich in Polen, einem erzkatholischen Land befindet und den Künstler einer biblischen Persiflage verdächtigen möchte. Auf der Leinwand erblickt man zwölf Köpfe, wie in einem mittelalterlichen Folterinstrument steckend, davor ein Baum-Labyrinth wie nach einem apokalyptischen Sturm. Und das 13. Lebewesen in diesem obskuren Szenario ist ein Affe. Alsbald zeigt das Video die vertrackte Installation von der Seite und von hinten. Nun sieht man die Besitzer der Köpfe zumeist im Adams-und Eva-Kostüm, die Extremitäten extrem und unbequem verrenkt. Auch Kunst fordert eben bekanntlich so manches Opfer.