Jürgen Wittdorf: „Baubrigade der Sportstudenten"“, LInolschnitt 1964.
Foto: KVOST/Schwules Museum Berlin

Was für eine Wiederentdeckung. Endlich sehen es alle, die es noch nicht wussten: Jürgen Wittdorf (1932–2018), Absolvent der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und einst AdK-Meisterschüler von Lea Grundig, konnte meisterlich malen und zeichnen. Doch nach dem Ende der DDR bekam er keinen einzigen Auftrag mehr. Er wurde krank, schwere Demenz, ein Leben im Dämmerzustand. Beinahe wäre sein Werk verramscht worden, denn es gab weder Testament noch Erben. Möbelpacker räumten die Friedrichshainer Wohnung aus, an deren Wänden in Petersburger Hängung mehr als 200 Bilder hingen. Alles kam zu einer Nachlass-Auktion, um die Schulden des verarmten Künstlers beim Sozialamt zu tilgen.

Welch glückliche Fügung, dass der Sammler und Galerist Jan Linkersdorff, ebenfalls aus Friedrichhain und in den 80er-Jahren Zeichenschüler von Wittdorf, diesen Schatz entdeckte, komplett ersteigerte und vor dem Trödel rettete. Zusammen mit dem von 1961 bis 1963 entstandenen „Zyklus für die Jugend“ – Wittdorf hatte die damals durch die Zeitung „Junge Welt“ als Mappenwerk aufgelegten Holz- und Linolschnitte nach der Wiedervereinigung dem Schwulen Museum geschenkt – ist nun der gesamte Nachlass im Kunstverein Ost ausgebreitet. Kurator Stephan Koal hat die Bilder dicht an dicht gereiht, fast alle in den Originalrahmen, wie einst in Wittdorfs Wohnung.

Seinen Durchbruch als Künstler in der DDR erlangte Wittdorf mit Motiven von Jugendlichen, keine pathetischen Arbeiter- und Bauernhelden, sondern Suchende, leicht Revoltierende mit ihren Träumen und Sehnsüchten, in Gruppen, mit Mopeds und Motorrädern, Jeans und Lederklamotten, beim Rock‘n‘roll-Tanzen, am Ostseestrand. Kulturfunktionäre haben den Künstler dafür der „Verwestlichung" bezichtigt. Umso mehr liebte die Jugend seine Bilder. Eines erreichte geradezu Kultstatus in der begehrten Zeitschrift „Magazin“: ein junger Mann mit Baby und Einkaufsnetz; Titel: „Noch kein Bartwuchs und schon Vater“.

„Noch kein Bartwuchs und schon Vater“ aus Wittdorfs „Zyklus für die Jugend“, 1961–1963, als Mappenwerk aufgelegt
Foto: KVOST/Schwules Museum Berlin

Wittdorfs Virtuosität  ist erstaunlich. Neben prägnanten Holzschnitten wie der körperbetont homoerotisch aufgeladenen „Baubrigade der Sportstudenten“ und einem Blatt mit duschenden jungen Männern, angesichts derer sich erahnen lässt, dass der Künstler Männer liebte, ein Coming-out jedoch in der stalinistischen Ulbricht-Ära bei Strafe noch undenkbar war, sehen wir gleichnishafte Stillleben und atmosphärische Landschaften, sensible Porträts von Frauen, witzige Tiermotive aus dem Tierpark oder LPG-Schweineställen.

Großartig sind die humorvollen Akt-Szenen aus der Schwulenszene, wo Bezüge zu den ikonischen Arbeiten schwuler Künstler aus dem Westen, etwa David Hockney oder Tom of Finland, unübersehbar sind. Diese Bilder kannten bis 1968 nur engste Freunde des Künstlers. Damals wurde in der DDR-Strafgesetzgebung der Paragraph 175 von dem etwas abgemilderten Paragraphen 151 abgelöst. Aber erst 1988 war die staatliche Diskriminierung Homosexueller Makulatur, freilich noch nicht im gesellschaftlichen Alltag.

Heiner Carows charismatischer Defa-Film „Coming out“ durfte erst 1989 in die Kinos, Premiere war zufälligerweise am Tag des Mauerfalls. Wittdorfs Outing kam spät. Seine Träume, sein Begehren lebte er wohl nur in der Kunst aus. Offiziell gezeigt aber bekam die Öffentlichkeit besagte Motive zu DDR-Zeiten eh nicht. Erst das Schwule Museum übernahm nach 2000 erstmals diesen Part. Wittdorfs Geschichte ist eine bittere. Die ihm gebührende Anerkennung im wiedervereinten Deutschland blieb ihm versagt. Man stelle sich vor, der Palast der Republik wäre nicht für ein neues Stadtschloss abgerissen, sondern Ausstellungshaus für unbotmäßige und tabuisierte Kunst aus DDR-Zeiten geworden. Was für ein Traum.

KVOST, Kunstverein Ost e. V., Leipziger Str. 47/Eingang Jerusalemer Str. Bis 14. November, Mi–Sa 14–18 Uhr (mit Corona-Abstandsregeln). Katalog (gestaltet von Hermann Hülsenberg),Distanz-Verlag, 28 Euro.