BerlinSeitdem europäische und nordamerikanische Museen im 19. Jahrhundert begründet wurden, ist die Kritik an ihnen nicht verstummt. Sie gelten als Instrumente großstädtischer Eliten, die den realen Fluss der Geschichte unterbrechen, rational und kalt die Objekte systematisieren und präsentieren, ohne Rücksicht auf Spiritualität und Emotionen. Immer wieder hat es deswegen intellektuelle und physische Attacken gegen Museen gegeben. Darin sind sich die Gegner der großen Museums- und Bibliotheksgründungen im frühen 19. Jahrhundert mit den aktuellen Debatten um die postkoloniale Reinigung der Sammlungen oft überraschend nahe. Immer schwingt das Feindbild von wissenschaftlicher Rationalität in der Kritik an den Museen und Bibliotheken mit.

Ob auch der Vandalismus auf der Museumsinsel zu solchen Attacken zu zählen ist, wird derzeit noch untersucht. Sicher ist jedenfalls, dass er nicht in zwei klassische Traditionen der Kulturzerstörung passt: Individuelle Zerstörungsnot, wenn etwa Gemälde von Rubens oder Francis Bacon ob ihrer üppigen Formen und nach außen drängenden Fleischlichkeit angegriffen werden. Und auch nicht jener Egoismus wie die Tat des Herostratos, der 356 v. Christus den als eines der Weltwunder geltenden Artemis-Tempel in Ephesos in Brand streckte, um den eigenen Namen unsterblich zu machen.

Ins Augenmerkt ist jedenfalls eine Perspektive auf die Staatlichen Museen gekommen, die bisher allenfalls im Untergrund des Internets kolportiert wurde, jetzt aber als Begründung für Vandalismus hergehalten haben könnte. Die vielen Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben nämlich einen klar erkennbaren Grund, jedenfalls, wenn man einigen fundamentalchristlich inspirierten Internetseiten und ihren Autoren und Anhängern glauben darf: Dieser Grund sei der in der Offenbarung des Johannes erwähnte „Thron des Satans”, der im Pergamonmuseum stehe. Hier fänden satanische Kulte statt bis hin zum Kindermord. Der Pergamonaltar nämlich sei dieser Thron des Satans – eine Behauptung, die schon in den 1880er-Jahren aufkam und seither regelmäßig als neuentdeckte Sensation kolportiert wird.

Der „Thron des Satans“

Ob der in der Offenbarung des Johannes um 65 bis 69 nach Christus erwähnte „Thron des Satans” in Pergamon überhaupt dieser Altar war, ist überaus umstritten. Sicher hingegen ist, dass zur Zeit des Johannes in Pergamon keine von ihm behaupteten Menschenopfer stattfanden: Die waren im römischen Weltreich seit 97 vor Christus verboten und wurden als barbarisch verachtet. Auch steht der Pergamonaltar im Museum eben gerade nicht in seiner historischen Originalform als Altar, sondern nur als Architekturkulisse. Außerdem ist er derzeit nicht zugänglich. Und einen Fluch der Pharaonen, den der Inka-Mumien oder der Schrumpfköpfe gibt es schlichtweg nicht.

Doch solche Legenden und Verschwörungstheorien befeuern kulturelle Zerstörungsgelüste: Der „Thron des Satans” im Babel der 1920er-Jahre, in Berlin, macht aus dieser Perspektive Sinn, ebenso die Vorstellung, gegen diese Monumente physisch vorgehen zu dürfen. Schließlich geht es um das Seelenheil der Menschheit. Ein Fundamentalismus, der eine lange Geschichte besonders im Christentum hat. Zwei Jahrtausende zog es eine welthistorisch wohl einmalige Spur der kulturellen Verwüstung um den Erdball, von der Zerstörung antiker Bauten und Statuen und den innerchristlichen Kampf um die Ikonenverehrung im frühen Mittelalter bis zu den „Bilderstürmen” der Reformation und der Glaubenskriege des 16. bis 18. Jahrhunderts und die koloniale Vernichtung und kulturelle Ignoranz in Nord-, Mittel- und Südamerika, Afrika, in Indien und im Pazifik.

Auch die Aufklärung kannte Zerstörungen

Aber auch die oft als Sieg des Aufklärung idealisierte Französische Revolution war verbunden mit der Zerstörung von Tausenden von Schlössern, Klöstern, Kirchenschätzen und bürgerlichen Sammlungen. Nach dem Putsch Lenins gegen die gewählte russische Regierung 1917 wurden in der neuen Sowjetunion große und kleine Museen und Bibliotheken geplündert, ihr Gut teilweise auf dem Weltmarkt verkauft, tausende Klöster und Kirchen ausgeraubt und zerstört. Die Nazis begannen den Raubzug durch Sammlungen und Museen Mittel- und Osteuropas, im Auftrag Stalins setzte ihn die Rote Armee nach 1945 fort. Unermesslich ist der Schaden, den die „Kulturrevolution” in der Volksrepublik China der Überlieferung chinesischer Kulturen antat.

Absurderweise war es gerade der Kampf gegen solche Zerstörungsorgien, die seit dem 16. Jahrhundert die Idee des Museums entstehen ließ. Doch als das irakische Nationalmuseum in Bagdad teilweise geplündert wurde, war das auch ein Angriff auf jene als „westlich”-rational betrachtete Perspektive auf Geschichte und Identitäten, ebenso die Zerstörung der Ausgrabungsstätten in Syrien durch die radikalislamistischen IS.

Immer wieder waren es gerade Museen mit ihrer dezidiert rationalen Identität, die in den Fokus von Fundamentalisten aller Art gerieten. Was auf der Museumsinsel möglicher Weise geschah und nun seine Fortsetzung fand. Wenn es sich nicht doch, was angesichts solcher Vorgeschichte fast zu hoffen ist, um einen Super-Dumme-Jungen-Streich handelt.