Berlin - Zeichnen, das ist eine andere Art von Sprache. Der amerikanische Bildhauer und minimalistische Meisterzeichner Richard Serra hat das einmal gesagt. Zeichnen sei das Destillat der Erfahrung einer plastischen Struktur.

Besser kann wohl keiner ausdrücken, was jetzt 18 Zeichner, meist viel jünger und auch nicht so berühmt wie Serra, mit „System und Sinnlichkeit“ zu sagen haben, einer Schau der Sammlung Schering-Stiftung und des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin. Serra ist nicht dabei, aber er hätte wohl seine Freude an dem Zeichnertreffen.

Es geht nicht darum, mit der Linie, dem Fleck, Punkt und rätselhaften Kürzeln oder Chiffren etwa Realität abzubilden. Vielmehr werden die zeichnerischen Mittel auf dem Papier systematisch-konzeptuell genutzt. Manchmal sehen die fragilen Gebilde aus wie gitter- oder zellförmige Linienverdichtungen. Dann wieder gleichen sie wissenschaftlichen Notaten, unlesbaren Manuskripten oder Experimentalanweisungen aus dem Labor.

Kein modischer Trend bestimmt Motiv

Sichtbar werden die Neigungen der Zeichner für Abstraktion, Geometrie, Minimalismus. Kein Zeitgeist, kein modischer Trend bestimmt hier ein Motiv. Bei Carsten Nicolai tanzen Spiralen, halb Kosmos, halb Strandlandschaft. Tom Chamberlains Blätter, streng markiert von waagerechten Linien, sind eine Abfolge von mathematischen Gleichungen, Notenpartituren, Kalligrafien. Owen Schuh stach schwarze „Turbulenzen“ wie mit mit nadelspitzen Stiften auf rötliches Millimeterpapier, erzeugt so fast philosophische Wirkung. Alles auf dieser Welt, das dürften die sich nicht voneinander lösen könnenden Kreise besagen, hängt zusammen: Leben und Tod, Natur und Mensch, Kontinente, Meere, Himmel, Erde, Feuer, Wasser, Luft.

Auch Witziges dringt durch, etwa, wenn Claude Heath die Welt zu einer Scheibe auf Millimeterpapier werden lässt, überzogen mit einer ameisengleichen Zivilisation. Und dann packen einen die sonderbaren „Deklinationen“ der jungen Zeichnerin Jorinde Voigt – Symbiose von Kunst und Wissenschaft. Die Horizontlinie ist Referenzpunkt, dazu die mögliche Position des Betrachters. Voigt setzt Striche, Kürzel in virtuoser Grammatik auf große Bögen, schafft komplexe Kompositionen zu Zeit und Raum, als „Vermessung“ einer Welt, in der Äußeres zu Innerem wird – und umgekehrt. Punktmarkierte Himmelsrichtungen, Windstärken, Rotationen, Interferenzen, akustische Impulse, selbst Temperaturen scheinen eingefangen, als Wechselwirkungen, als Abhängigkeiten. Ruhe oder Bewegung? Innen oder Außen? Oben oder Unten? Sein oder Nichtsein?

Kupferstichkabinett am Kulturforum, Matthäikirchplatz. Bis 4. August, Di–Fr 10–18/Sa+So 11–18 Uhr.