Screenshot von der Website des kurdischen Filmfestivals Berlin
Foto: Screenshot/http://www.kurdisches-filmfestival.de/news/

BerlinUnsere verwöhnte westeuropäische Wahrnehmung verläuft selektiv. Nachrichten unterliegen weltweit inzwischen auch dramaturgischen Konzepten, zuallererst aber sind sie marktorientiert. Auf Krisenherde werden wir wohldosiert hingewiesen, es könnte sonst zu einer Übersättigung kommen. Tatsächlich wäre es unmöglich, bei allen Bürgerkriegen, Hungersnöten, Fluchttragödien, Korruptionsskandalen, Mafiaaktivitäten oder Völkermorden auf dem letzten Stand zu sein. Man würde den Überblick verlieren und wahrscheinlich  noch den Verstand. Diesem immanenten Zynismus zu entkommen, wird angesichts in Sekundenschnelle übertragener Neuigkeiten schwieriger denn je.

Die Kunst, insbesondere die Filmkunst, kann jedoch helfen. Durch die Umwandlung in ästhetische Abläufe werden Krisen abstrahiert als auch konkret greifbar. Die Zuschauer können – die notwendige Empathie vorausgesetzt – ihr eigenes Leben zu den scheinbar weit entfernten Vorgängen in Bezug setzen. Genau diese Möglichkeit bieten zahlreiche Berliner Festivals, die oft von Betroffenen organisiert werden. So wie das Kurdische Filmfestival, das zum zehnten Mal stattfindet.

Neben den jüdischen und armenischen Communities bilden die Kurden heute die am weitesten verstreute Nation. Ohne eigenen Staat, sind sie in ihrer angestammten Region härtesten Repressionen ausgesetzt. Das hat eine anhaltende Fluchtwelle zur Folge. So handeln die meisten Filme von Entwurzelung oder vom Pendeln zwischen alten und neuen Heimaten. In dem Eröffnungsfilm „Im Feuer“ von Daphne Charizani lässt sich die junge Bundeswehrsoldatin Rojda in den Nordirak versetzen, um als Sprachmittlerin zwischen den deutschen Ausbildern und den Peschmerga-Milizen zu arbeiten. In Wahrheit sucht die in Köln vorbildlich integrierte Rojda nach ihrer Schwester, die sich den Kämpferinnen gegen den IS angeschlossen hat. Der Film nimmt sich thematisch viel vor, vielleicht zu viel. Er vermag aber auf spannende Weise, zwei Pole von Identitätssuche aufzuzeigen, vor allem die dazwischen liegenden Abgründe.

In den vier Sektionen des Festivals laufen mehr als 60 Filme, daneben gibt es Rahmenprogramme, wie ein Panel zur Traumataverarbeitung durch Kunst. Unter dem Titel „Out of Focus“ widmet sich eine Sektion explizit dem Filmschaffen in den mehr oder weniger „autonomen kurdischen Regionen“ sowie in der weltweiten Diaspora. Einen Höhepunkt bildet hier der mittellange, mehrfach preisgekrönte Spielfilm „Jiyan“ der DFFB-Studentin Süheyla Schwenk. Ihr intensives, von der Poesie Nazim Hikmets eingerahmtes Kammerspiel zeigt die Suche eines türkisch-kurdischen Paares nach Normalität. Doch die Albträume aus ihrer alten Heimat reichen bis nach Berlin und holen die Liebenden und ihr Neugeborenes unerbittlich heim.

10. Kurdisches Filmfestival Berlin 8. bis 14. Oktober, Babylon Mitte und Moviemento. „Im Feuer“ läuft am 8.10., um 19 Uhr, und „Jiyan“ am 10.10., um 19.30 Uhr, jeweils im Babylon und in Anwesenheit der Regisseurinnen. Teile des Festivals finden online statt.