Kurfürst Friedrich Wilhelm - Sklavenhändler und Förderer  der Religionsfreiheit

Vor 400 Jahren kam der "Große Kurfürst" zur Welt. Mit ihm wurde Berlin zur mächtigen Residenz, gefeiert wird er aber kaum.  

Berlin-Er war einer der Hohenzollern, auf die man bis vor einigen Jahren noch vergleichsweise gerne zurück sah: Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg, der an diesem Sonntag vor 400 Jahren geboren wurde.

Der Große Kurfürst von Brandenburg, Friedrich Wilhelm (1620 - 1688)
Der Große Kurfürst von Brandenburg, Friedrich Wilhelm (1620 - 1688)imago stock&people

Er galt als einer der Väter der Religionsfreiheit in Deutschland, dank des Toleranzedikts von 1664, in dem er lutherischen Pastoren die Hetze auf ihre reformierten Kollegen untersagte, der Aufnahme von 40 jüdischen Familien, die aus Wien 1671 vertrieben worden waren, und der von Ludwig XIV. bedrängten französischen Hugenotten mit dem Potsdamer Edikt von 1685. Und er galt als Reformer der Landwirtschaft und der Hofkultur, des Handwerks und der Industrie in Brandenburg und Berlin, auch des Militärs. Der „Große Kurfürst“ war sein Beiname schon zu Lebzeiten, „le Grand Electeur“ in der Hofsprache der Zeit, seit 1675, seit dem Sieg über die als unbesiegbar geltende Armee des schwedischen Königs in der Schlacht bei Fehrbellin.

Begründer des preußischen Königreichs?

National bewegte Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts bauten ihn systematisch als "teutsches" Kontrastbild zu dem angeblich französelnd prunkliebenden Nachfolger Friedrich III. auf, der sich 1701 dank reichlicher Bestechungsgelder an den Kaiserhof in Wien zum König in Preußen krönen konnte. Was aber, so diese Sicht der Dinge, nur möglich war, weil sein Vater Friedrich Wilhelm schon 1660 die volle Souveränität (Ost-)Preußens erreicht hatte, das bis dahin ein Lehen der polnisch-litauischen Könige war. Indirekt sei also er, der „Große“ Kurfürst, Begründer des preußischen Königreichs gewesen – und damit, so die nationalistische Perspektive, auch der „Aufgabe“ Preußens, Deutschland gegen die Habsburger zu vereinen.

All dies ist schon lange teils differenziert, teils widerlegt. Bereits in der Kaiserzeit erschienen überaus kritische Biografien Friedrich Wilhelms, auch nach dem Zweiten Weltkrieg trennten sich gerade süd- und westdeutsche Historiker in der Bundesrepublik immer mehr vom Hohenzollern- und Preußenkult.

Eine neue Biografie, geschrieben von Jürgen Luh von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, kratzt nun weiter mit teils übergroßer sprachlicher Emphase am Ruhm des „Großen“. Wieder wird deutlich, das Friedrich Wilhelm, der 1640 den Thron bestiegen hatte und ein vom 30-jährigen Krieg zerstörtes Land regieren musste, meistens eher Getriebener der wirklichen Großmächte Frankreich, Habsburg, Schweden, Polen und den Niederlanden war, wieder wird die immense Bedeutung seiner beiden Ehegattinnen deutlich.

Starke Frauen an seiner Seite

Louise Henriette aus dem Haus Oranien, die er 1646 heiratete und mit der er sieben Kinder hatte, sowie die 1668 geheiratete Sophie-Dorothee von Schleswig-Holstein Sonderburg-Glücksburg waren sicherlich bei weitem gebildeter und in vielem „moderner“ als ihr Mann.

Louise Henriette brachte das Vermögen der Oranier und die überragende Kultur und Macht der niederländischen Republiken mit in die Ehe. Sophie Dorothee dagegen garantierte das antischwedische Bündnis mit Dänemark und brachte die neueste, nunmehr von Ludwig XIV. geprägte französische Hofkultur nach Berlin. Bei aller kritischen Perspektive kann konstatiert werden: Das Haus Brandenburg wirtschaftete gut mit dem Kapital dieser Frauen, trotz aller Korrutionsskandale. Als Friedrich Wilhelm 1688 starb, war das Land eine anerkannte, stabile Mittelmacht.

Trotzdem wird dieser 400. Geburtstag nich mit großen Ausstellungen, Konzerten, Kongressen und Buchserien gefeiert. Gerade einmal, dass die Stadt Minden einen Kranz an ihrem Denkmal des Großen Kurfürsten ablegen lässt. Sogar die AfD, sonst immer gut für die Vereinnahmung preußisch-brandenburgischer Geschichte, schweigt. Könnte es sein, dass hier einmal die historische Forschung tatsächlich erfolgreich einen Heros der Deutschnationalen demontiert hat – vielleicht sogar zu sehr?

Sein Regierungsmotto: Preußen First

Friedrich Wilhelm betrieb nämlich eine moralisch oft ziemlich hartherzige, vornehmlich an den wirtschaftlichen Interessen Brandenburgs interessierte Einwanderungspolitik: Reich mussten nicht nur die Wiener Juden sein, die er mit einem begrenzten Aufenthaltsrecht ins Land holte, sondern auch die Hugenotten aus Frankreich, und sie sollten zudem eine gute Ausbildung bereits mitbringen. Dass sie gleichzeitig die konfessionelle Ausrichtung des reformiert glaubenden Hohenzollernhauses, das im Gegensatz zu seiner lutherischen Bevölkerung stand, stärkte, war da eher ein Nebeneffekt. Keine Spur von Willkommenskultur.

Und ruchlos stiegen die Hohenzollern nach dem Vorbild der Oranier und der Niederlande in den Menschenhandel zwischen Afrika und den beiden Amerikas ein, finanzierten auch - wenngleich nicht nur! – mit dem Verkauf von Slaven den Aufstieg Brandenburgs, den Ausbau des Berliner Schlosses, die vielen Kanäle, Manufakturen, Haus- und Kirchenbauprojekte. Das war angesichts der auch damals schon vorhandenen Kritik am Menschenhandel keineswegs „normal“, sondern eine politische und moralische Entscheidung.

Erfolgreicher Fürst, aber nicht groß

Den Kurfürsten Friedrich Wilhelm also weiter als „Großen“ zu bezeichnen, ihm zu huldigen, so, wie sein Sohn ihm mit dem grandiosen Reiterdenkmal, das seit den 1960er-Jahren vor dem Schloss Charlottenburg steht, gehuldigt hat, das verbietet sich.

Ebenso verbietet sich die nationalistische Vereinnahmung seiner Politik als Vorwegnahme einer „teutschen“ Vereinigung – noch die DDR-Ausstellung in Postdam 1988 zehrte von dieser Legende. Auch dieser Kurfürst handelte vor allem einmal im Interesse des Fortbestands seiner Dynastie und deren unangefochtener Herrschaft in Brandenburg. Ihr diente die Zentralisierung der Behörden, die Ausschaltung regionaler Sonderrechte, die Förderung der Städte. All das ist übliche Politik deutscher Fürsten nach dem Westfälischen Frieden gewesen. Dass sie im besonders stark zerstörten Brandenburg aber so wirksam wurde – nun, das macht Friedrich Wilhelm mit seiner fast ein halber Jahrhundert währenden Amtszeit dann doch zu einem der großen Fürsten seiner Zeit.