Über Kurt Maetzig, der gestern 101-jährig in Wildkuhl verstorben ist, sind Zeit seines Lebens viele Ehrungen und manche Schmähungen gekommen. Er war, unzweifelhaft, der große alte Mann des DDR-Kinos. Maetzig war beteiligt an dessen geistigen Aufbrüchen, unterwarf sich aber auch wie kein anderer Defa-Regisseur den politischen Wellenbewegungen seiner Zeit. Am deutlichsten tat er dies in seinem zweiteiligen Thälmann-Film von 1954/55, einem Heldenepos über den von den Nazis ermordeten Führer der Kommunistischen Partei. Wer die Biografie Maetzigs jedoch nur zur Vita eines Kompromisslers oder gar Opportunisten erklärt, verzerrt sie auf ungerechtfertigte Weise. Keine Formel fasst dieses Jahrhundertleben.

Kurt Maetzig, geboren am 25. Januar 1911 in Berlin, war ein gebildeter und polyglotter Mensch. Er hatte in München und Paris studiert, gründete 1935 ein Trickfilmatelier, wurde aber wegen seiner jüdischen Mutter von der Reichskulturkammer der Nazis mit Berufsverbot belegt. Der Suizid der Mutter im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges lag dem Sohn, der die NS-Zeit in einem Chemielabor überstand, schwer auf der Seele. Dass er 1947 für seinen ersten Spielfilm „Ehe im Schatten“ einen Stoff wählte, in dem es um zwei von den Nazis in den Tod Getriebene ging, einen „arischen“ Schauspieler und dessen jüdische Frau, war ihm inneres Bedürfnis. Der Film erreichte die Welt als ein frühes, ergreifendes Bekenntnis deutscher Künstler im Diskurs über die Schuld und Sühne des eigenen Volkes.

Kein Rassenhass

Maetzig war Mitbegründer der Defa und ihr erster Künstlerischer Direktor. Er drehte den ersten Defa-Dokumentarfilm und leitete die Wochenschau „Der Augenzeuge“. Deren demokratisches Motto „Sie sehen selbst, Sie hören selbst – urteilen Sie selbst!“ entstand als Schlussfolgerung aus der propagandistischen Verfälschung der Filmkunst im NS-Reich. Zu jener Zeit und auch lange danach glaubte Maetzig fest daran, dass die Art und Weise, in der die „neue Gesellschaft“ im deutschen Osten aufgebaut wurde, grundlegend richtig sei. Seine persönlichen Erfahrungen und die Erkenntnis, dass im Westen alte Nazis in Wirtschaft und Politik hoffähig waren, ließen mögliche Zweifel am DDR-Kurs verblassen.

An die künstlerischen Erfolge seiner frühen Filme, auch des Volksstücks „Die Buntkarierten“ (1949), konnte Maetzig später nur in Maßen anknüpfen. Didaktische Arbeiten und Kalte-Kriegs-Zeugnisse wie „Roman einer jungen Ehe“ (1952) oder „Septemberliebe“ (1961) gerieten bald in Vergessenheit. Die Thälmann-Filme aber avancierten in der DDR zur Pflichtveranstaltung Tausender Schulklassen, Arbeitskollektive und Armeeinheiten. Was immer man diesen Defa-Prestigeproduktionen vorwerfen kann – etwa die Simplifizierung von Geschichte im Sinne der herrschenden Parteidoktrin –, eines unterscheidet sie wesentlich von NS-Propagandafilmen: Sie stachelten weder zu Rassen- noch zu Völkerhass an.

Tabuthemen angesprochen

Kurt Maetzig war klug genug, sich nicht auf diese Art Kino festlegen zu lassen. Nach „Thälmann“ überraschte er mit einem zweiteiligen Epos über die ostdeutsche Landwirtschaft, „Schlösser und Katen“ (1957), in dem er auch Tabuthemen ansprach, etwa die Zwangskollektivierung oder den Aufstand vom 17. Juni 1953. Seinen Thälmann-Darsteller Günther Simon besetzte Maetzig dann in der Tragikomödie „Vergesst mir meine Traudel nicht“ (1958) und im ersten Science-Fiction-Film der Defa, „Der schweigende Stern“ (1959). Überhaupt suchte sich Kurt Maetzig immer wieder auszuprobieren. Als Gründungsrektor brachte er von 1954 bis 1964 die Potsdamer Filmhochschule auf die Beine. Zur gleichen Zeit wollte er mit prominenten Regiekollegen im Defa-Studio das Filmwesen demokratisieren. Nicht mehr Kulturfunktionäre sollten über Stoffe entscheiden, sondern die Künstler selbst. Einen solchen Vorschlag auch durchsetzen zu können, dazu bedurfte es freilich einer „Tauwetter“-Periode: Erst in den frühen 1960ern, als nach dem Mauerbau eine vorsichtige Liberalisierung der DDR-Innenpolitik begann, kam Maetzigs Idee zum Tragen.

Das war auch die Zeit, in der Kurt Maetzig seinen neben „Ehe im Schatten“ vielleicht bedeutendsten Spielfilm drehte: „Das Kaninchen bin ich“ (1965). Die Defa hatte den Mut, einen nicht zugelassenen Roman auf die Leinwand zu bringen: die Odyssee des Mädchens Maria, dessen Bruder wegen republikfeindlicher Äußerungen in den Knast muss, und das sich in jenen Richter verliebt, der das Urteil sprach. Der Film ist ein Plädoyer gegen Lüge und Heuchelei, für eine Reform der Rechtsprechung, ja für einen „besseren“ Sozialismus überhaupt – er missfiel der SED über alle Maßen. Sein Titel wurde zum Synonym für alle gegenwartskritischen Defa-Produktionen, die 1965/66 zuerst ins Atelier, dann in den Tresor kamen: „Kaninchenfilme“. Maetzig führte nach dem 11.Plenum des Zentralkomitees der SED, dem Beginn dieses Kahlschlags, einen Briefwechsel mit Ulbricht; er leistete Abbitte. Später auf den Kniefall vor der Macht angesprochen, antwortete er, damit habe er andere Künstler schützen wollen. Aber auch ihm selbst saß wohl die Angst tief im Nacken.

Nach dem „Kaninchen“ ist Maetzig nie mehr ein wirklich großes Werk gelungen. 1976, mit dem Rentenalter, hörte der Regisseur auf zu drehen. Es kann gar nicht anders sein, als dass dieser Schritt von der Erkenntnis ausging, dass wahrhaftiges Gegenwartskino zu machen in der DDR nahezu unmöglich war. Maetzigs Rückzug hatte viel mit Resignation zu tun – die er als solche zu artikulieren kaum bereit war. Ein Buch über sein Schaffen, das dann „Filmarbeit“ betitelt wurde, hätte er gern „Lernt aus meinen Fehlern!“ genannt. Er trauerte zwei Stoffen nach, die er als Resümee seines Lebens gern noch verfilmt hätte: Voltaires „Candide“ und Heinrich Manns „Henri IV.“ – über die „Erfüllung des Humanismus als Regierungsprinzip“ (Maetzig).