Alles beginnt mit einer Entscheidung“. Sagt Inci Buhanye mit gespieltem Pathos. Dann lacht sie. Die Entscheidung fiel 2010 auf der Buchmesse von Istanbul. Da empfahl sie ihrer Schwester Selma mal wieder ein Buch. „Das les ich, wenn es auf Deutsch herauskommt“, antworte Selma. Klick, da war die Idee: Türkische Romane auf Deutsch herausbringen. „Lass uns das mal probieren“, sagten sich die Schwestern, denn wer nicht wagt ... Im Juni darauf meldeten sie ihren Verlag als Unternehmen an. Im September 2011 stand das erste Programm mit vier Titeln fest: Zwei moderne Klassiker, ein Krimi und ein schräger Istanbul- Roman über einen altklugen Fünfjährigen namens Alper Kamu (Albert Camus?).

Damit gingen die Neulinge im Frühjahr 2012 auf der Leipziger Messe ins Rennen. An ihrem Stand hing die Parole „Achtung! Klischeefreie Zone“. Gedruckt auf dezent türkisfarbenem Grund. Und jetzt, gerade mal ein Jahr später erhalten sie dort den renommierten Kurt-Wolff-Förderpreis. Neben der Ehre gibt es 5000 Euro aus dem Topf des Bundeskulturministeriums für den Verlag, „der sich facettenreich und mit großer Lust Entdeckungen der türkischen Literatur annimmt und dabei demonstriert, wie sich türkische und deutsche Kultur ganz ohne Klischees miteinander in Verbindung bringen lassen.“

„Klischees sind uns zu blöd“, schreiben die Senkrechtstarterinnen etwas salopper in ihrem Faltblatt. „Das hat bisher gefehlt. Also machen wir es einfach selbst“.

Das Verlagsbüro besteht aus dem großen hellen Zimmer einer Einraumwohnung. Eine blankpolierte, riesige Schreibtischfläche mit zwei Bildschirmen verströmt Effektivität, Organisiertheit. In weißen Buchregalen und gebeizten Obstkisten bis zur hohen Altbaudecke sind die Bücher des Verlags aufgereiht, in primärfarbenen Blöcken von blau, hellblau, grün, gelb, rot. Freundlich wie ein Kinderladen, aber viel aufgeräumter. Draußen rauscht Berlins Verkehr auf der Köpenicker Straße. Die Spree ist nah.

Kein Etat für das Marketing

Kreuzberg „hat sich so ergeben“. Mit den Stereotypen von Döner, Baklava oder anatolischer Familienfolklore wollen die zwei Schwestern Inci Bürhanye und Selma Wels überhaupt nicht assoziiert werden. Auch mit der theateraffinen Migrationshintergrund-Szene in der nahen Naunynstraße haben die beiden gebürtigen Pforzheimerinnen nichts am Hut. Obwohl, so eine Lesung im dortigen Kulturzentrum „Ballhaus“ könnte eigentlich auch mal nicht schaden, findet die Geschäftsfrau Inci ganz pragmatisch. Dabei überkreuzt sie angriffslustig die Arme und lehnt sich auf dem blauen Polsterhocker zurück. Selma wippt zustimmend auf ihrem hellgrauen Sitzelement. Zum schlichten Funktionalismus der Büroausstattung gehört auch ein Besuchersofa, auf dem ich Platz nehmen darf. Die Pralinenschachtel auf dem Couchtischchen kommt mir vor wie eine Gute-Laune-Offensive. Aber es sind die Schwestern selber, die dermaßen viel Optimismus ausstrahlen, dass sich noch das trübste Winterwetter verzieht.

Den Verlagsnamen „binooki“ fanden sie beim Blättern im türkisch-deutsche Wörterbuch des Herrn Karl Steuerwald. „Relativ schnell“, so berichten Selma in einer Mail an den Vorsitzenden der Kurt-Wolff-Gesellschaft, „las meine Schwester „binoki“ – das türkische Wort für den Zwicker, die Kneiferbrille – vor. Klang gut, machte Sinn, die Domain war auch noch frei.“ Damit auch das Wort book drinsteckte, fügten sie ein zweites O hinzu. „Relativ spät fiel uns auf, dass meine Schwester, die ihren Zwicker an dem Abend nicht aufhatte, anstatt binokl (das korrekte Wort für den Zwicker) binoki gelesen hatte. Zum Glück, denn bei binokl wären wir wahrscheinlich nicht hängen geblieben.“

Wie im Kleinverlagsgewerbe üblich gibt es keinen Etat für Marketing. Statt Anzeigen zu schalten, nutzen die beiden die sozialen Netzwerke. Ursprünglich dachte Inci daran, einen Blog zu schreiben, „damit das mal vorangeht“ mit der Klischeebereinigung. Parallel zur Unternehmensgründung war der Verlag ab Juli 11 online, Facebook (gefällt 2 201 Nutzern), Twitteraccount und eine „Brand Page“. Von Anfang an stand fest, diese Medien intensiv für den Dialog mit den Lesern zu nutzen.

Das machen sie so originell und effektiv, dass sie auf der Frankfurter Buchmesse im letzten Oktober den „Virenschleuderpreis“ für innovatives Marketing erhielten. Ausgezeichnet wurde ihr „literarischer Foto-Contests“, bei dem sie Booklets ihres neuen Buches in der Stadt auslegten und man seine Fotos von Lesenden auf dem Fotosharing-Programm Instagram bereitstellte. Der erste Preis der schlau eingefädelten Propaganda-Aktion war ein elektronisches Lesegerät. Selbstredend gibt es alle Binooki-Bücher als E-Book.

Weil aber das tollste Buch nichts nutzt, wenn es keiner kauft, betreiben die Jungunternehmerinnen ihren elektronischen Buchladen selbst. „Buy local“ nennt sich eine neue Initiative zum Artenschutz kleiner Buchhandlungen. Binooki unterstützt das natürlich, aber der Direktvertrieb ist ein ausbaufähiges Standbein.

„Geht auf unseren online shop!“ Und es wäre schön, sagt Inci, wenn ich das schreiben könnte! Dabei wickelt sie ein Mon Cherie aus und nickt mir verschwörerisch zu. Zur Begrüßung hat mir Selma in der Kochnische schon Cappuccino gebrüht. Das mit der traditionellen Gastfreundlichkeit haben sie drauf.

Fragen und quatschen

Lizenzen, Übersetzungen, Produktion, Businessplan, Bankkredit, Auslieferung, wie lernt man das alles mal schnell nebenbei? Wenn man den entspannt plaudernden Schwestern so zuhört, glaubt man, es sei alles ganz einfach gewesen. „Viel rumfragen und viel quatschen!“, sagt Selma und schickt ein gluckerndes Lachen hinterher. Die Kollegen der unabhängigen Verlage waren „unheimlich nett“, halfen mit Tipps, Warnungen und Ratschlägen. „Don Quijote? Los Mädels, weiter“, ermunterte sie der türkische Autor Mario Levi.

Mit Unternehmerfragen kannten sich beide schon vorher aus. Selma hat Betriebswirtschaft studiert, Inci ist Juristin mit eigener Kanzlei. Sie war eine der ersten fünf türkischsprachigen Anwältinnen Berlins. Als Fachanwältin für Steuer-, Handels- und Gesellschaftsrecht hat sie beste Kontakte zur Türkischen Gemeinde und zählt viele mittelständische Unternehmer zu ihrer Kundschaft. Aber, „das ist eine andere Welt“ sagt sie, und die der Bücher und Autoren und Verleger ist ihr offenkundig die liebere. Selma stimmt mit strahlenden Augen zu. Es macht nämlich ungeheueren Spaß, Bücher zu machen, die einen selber begeistern und an einer solchen Verbindung beider Kulturen zu arbeiten. 98 Prozent ihrer Direktkäufer haben deutschklingende Namen. Genau da wollten sie hin: Zielgruppe für die inzwischen zehn Bücher ihres Verlages sind weniger die Leser mit türkischen Wurzeln, als einfach diejenigen, die sich für unterhaltsame, schräge, internationale, urbane Literatur interessieren.

Der Schauplatz, die Stadt der Geschichten ist eben Istanbul. Dort haust der arbeitslose Musa-„Was mit Medien“ bei einem ordentlich seine Gebete verrichtenden Muslim, treibt sich Raki-trinkend in Bars herum, verdingt sich als Werbetexter in einer Geheimagentur, dessen einziger Kunde eine Glücksfirma ist und dessen Chef eine schwarze Katze. Doch es ist nicht mal allein der Glamourfaktor, das schillernde Zwielicht des multikulturellen Istanbul, das diese junge türkische Literatur so besonders macht. In den Krimis von Emrah Serbes („Jede Berührung hinterlässt eine Spur“ und „Verschütt gegangen“) ist die Bürokratenhauptstadt Ankara der Schauplatz eines mürrischen, kettenrauchenden Hauptkommissars. Serbes ist in der Türkei als Autor einer Fernsehserie und von Kinofilmen sehr populär, seine Ankara-Krimis gelten schon als der neue Trend.

Inci hatte Türkisch noch in der Kursen der Botschaft gelernt, zur Missbilligung ihrer Eltern konnte sie sogar alle Strophen der türkischen Nationalhymne singen. Die 12 Jahre jüngere Selma hingegen spricht besser deutsch als türkisch. Das Wort „Mutterzunge“, das die Berliner Schriftstellerin Sevgi Emine Özdamar für „Muttersprache“ erfand, passt bei ihr nicht. Auch Feridun Zaimoglus „Kanaksprak“ gehört schon einer älteren Generation an.

1996 starb die Mutter. Da war Selma 17, den Vater hatte es schon ein paar Jahre zuvor zurück nach Aydin am Mittelmeer gezogen, die zwei älteren Schwestern lebten in Berlin. Weil Selma nicht wusste, zu welcher der beiden sie lieber ziehen würde, mieteten die beiden älteren kurzerhand eine neue Wohnung an und zogen zu dritt zusammen.

Herkunft, nicht Heimat

Wie stolz wäre die Mutter heute auf ihre Töchter. Die ehemalige Volksschullehrerin hatte damals ihre ganze Bibliothek mit ins Gastarbeiterland gebracht. Vielleicht waren auch die feinen Erzählungen von Oguz Atay (1934–1977) oder die „Fast-Geschichten“ von Metin Eloglu (1927–1985) dabei. Mit den Übersetzungen dieser modernen Klassiker ins Deutsche setzen die beiden ihrer belesenen und literaturbegeisternden Mutter ein kleines Denkmal. Inci hofft, das ihre halbwüchsigen Kinder mal eine Zeit lang, vielleicht nach dem Abitur, in der Türkei leben, um etwas mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Herkunft, nicht Heimat.

„Wir sind in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder echter türkischer Eltern.“ So steht es stolz und leicht ironisch auf dem Faltblatt ihres Verlages. Dem „Woher wir kommen“ steht eine sehr lebendige Gegenwartsbezüglichkeit bei. Oder in ihrer Formulierung: „binooki Bücher wollen zeigen, wie wild, wie seriös, wie kaputt, wie adrett“ türkische Kultur heute ist. So viel Mission muss sein.

Der Roman von Alper Canigü über den naseweisen Alper Kamu („Söhne und siechende Seelen“) geht gerade in die zweite Auflage. Das heißt, 1 500 Bücher sind verkauft (oder verschenkt). Das rechnet sich natürlich noch längst nicht. Bevor man davon leben kann, muss die Leserschaft für das besondere Programm des binooki-Verlages noch ein bisschen herangezogen werden. Acht Bücher im ersten Jahr war vielleicht ein wenig „zu schnell vorgeprescht“.

Selma arbeitet Fulltime für den Verlag, Inci unterhält weiterhin ihre Anwaltskanzlei, für den Verlagsbetrieb nimmt sie sich ein bis zwei Tage die Woche Zeit. Und in hektischen Phasen wie vor der Buchmesse sind es wohl auch einige schlaflose Nächte. Selbstausbeutung? Das hört sich viel zu negativ an. Wenn es nicht fast ebenso altbacken und hochtrabend klingen würde, träfe „Selbstverwirklichung“ ihr Glücksmodell besser.

In ihrer Normalität und Nettigkeit sind die Beiden unwiderstehlich. Die Fähigkeit, alles mühelos aussehen zu lassen, ist wohl eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Das andere ist ihre gut gelaunte Zuversicht. Scheitern ist in ihrem Businessplan nämlich nicht vorgesehen. „Das wird ein Familienunternehmen bis in die vierte Generation mindestens!“.