Berlin - Im Spätwinter 1971 rollte eine veritable Kältewelle über den europäischen Kontinent: Von Skandinavien bis Sizilien bibberten die Menschen. Anfang März maß man in Neapel minus 1 Grad, in Saint-Tropez schneite es das erste Mal seit 100 Jahren wieder und Berlin vermeldete den kältesten Märztag seit 1900. Auch zu Himmelfahrt war es noch nicht besser geworden: Regen bis in die Nacht hinein. Der Blick in die meteorologische Vergangenheit sollte uns beim derzeitigen Blick aus dem Fenster milder stimmen. Und modegeschichtlich gesehen zeigt sich: Selbst nach den kältesten und regnerischsten Tagen kann etwas ganz und gar Sommerliches entstehen.

So kamen im Frühjahr 1971 extrem kurze, knappe Shorts auf den Markt, die als Hotpants bekannt und hierzulande etwas unbeholfen als „heiße Höschen“ eingedeutscht wurden. Vor 50 Jahren eroberten sie im Eiltempo die Modewelt.

Ihren schnellen Durchbruch verdankten die Hotpants damals der Tatsache, dass sie die praktischere Alternative zum Minirock waren. Weil der irgendwann einfach nicht mehr kürzer werden konnte, waren die eng am Körper anliegenden Hosen die logische Weiterentwicklung. An den ersten warmen Frühjahrswochenenden 1971 meldeten westdeutsche Kaufhäuser Rekordumsätze. „Die Dinger gehen weg wie geschmiert“, berichtete ein Neckermann-Mitarbeiter dem Spiegel. Auch Karstadt und C&A konstatierten: „Es läuft wie einst beim Minirock.“

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Die Sängerin Doris Bierett zeigt bei „Dalli Dalli“ im Sommer 1971 Bein.

Die Modegeschichte der frühen Seventies war noch geprägt von der ausgehenden Hippie- und Flower-Power-Bewegung. Im Ausklang der 68er-Bewegung wurden Frauen selbstbewusster, sie wollten sich keinen Modetrend vorschreiben lassen, Individualität stand im Mittelpunkt. Viele griffen im Do-it-yourself-Verfahren zur Schere und schnitten die Hosenbeine ihrer Jeans einfach ab, diese „cutoffs“ mit ausgefransten Rändern kombinierten weniger Mutige mit geschlitzten Midiröcken.

Den Hotpants heftete anfangs etwas leicht Verruchtes und Ordinäres an. Genau diese Mehrdeutigkeit machte die superengen Ultra-Shorts aber zum Verkaufsschlager. Frauen konnten viel Bein zeigen und trotzdem bequem sitzen und ungezwungen Fahrrad fahren, ohne etwas hervorblitzen zu lassen. Dabei waren Hosen für Frauen 1971 generell gefragter denn je. Neben den superkurzen Modellen gab es kniebundlange Caddyhosen, wadenlange Gauchohosen, knöchellange Röhrenhosen und natürlich Schlaghosen.

Noch schockierender als der Minirock

Einiges spricht dafür, dass Minirock-Pionierin Mary Quant in ihrer Londoner Boutique Bazaar auch erste Hotpants im Angebot hatte. Dabei waren sie zunächst wohl als bescheidene Unterhosen konzipiert, die lediglich unter Minikleidern getragen werden sollten. Doch schon bald galten sie im Swinging London als noch schockierender als der Minirock, weil sie sogar einen Teil der Pobacken freilegten.

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Sie hatte wohl auch Hotpants im Angebot: Mary Quant, britische Modedesignerin, die als Erfinderin des Minirocks gilt.

Die Modekuratorin Dorothy Tricario vom Brooklyn-Museum stellte fest, dass die Hotpants der frühen Siebziger „Teil einer größeren nostalgischen Wiederbelebung“ waren. Bereits in den 1950er-Jahren hatten sich mutige Ladys nach dem Vorbild von Hollywood-Diven wie Marilyn Monroe mit den als „Short Shorts“ bezeichneten Höschen auf die Straßen gewagt und in einigen Städten der USA für helle Aufregung gesorgt. 1958 konnte die Band The Royal Teens noch mit dem Song „Short Shorts“ einen Hit feiern, danach gelang es Sittenwächtern aber, die im High-Waist-Style geschnittenen Teile zu verbannen. Wer im Alltag Hotpants trug, musste wegen Missachtung des vorherrschenden Dresscodes mit heftiger Kritik rechnen.

Anfang der Siebziger wurden die kurzen Höschen zunächst auch als Booty oder Knockout Shorts, als Short Cuts oder Cool Pants bezeichnet. Der Begriff Hotpants tauchte erstmals 1970 in der New Yorker Fachzeitschrift Women’s Wear Daily auf, um Exemplare aus Luxusstoffen zu beschreiben. „Wir hatten all diese kleinen Hosen im Heft gezeigt. ,Wir werden sie Hotpants nennen‘, sagte jemand in der Redaktion“, erinnerte sich später June Weir, damals Moderedakteurin des Magazins. Bekannt machten die Hotpants dann vor allem viele kleine Boutiquen, die unterschiedliche Modelle anboten.

Extravagante Materialien wie Satin, Samt, Leder oder sogar Pelz

Diesen Trend griff Designer Yves Saint Laurent auf und landete einen Überraschungs-Coup, als er 1971 erstmals Hotpants aus extravaganten Materialien wie Satin, Samt, Leder oder sogar Pelz in seiner Haute-Couture-Kollektion präsentierte. Andere Luxuscouturiers wie Dior und Valentino folgten mit eigenen Kreationen. Prominente Damen wie Elizabeth Taylor, Jane Fonda oder Jacqueline Kennedy Onassis zeigten sich freizügig mit den „heißen Höschen“. Die Entrüstung hielt sich diesmal selbst im prüden Amerika in Grenzen.

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Ein mutiges Fashion-Statement: Die Abgeordnete Lene Bro trug 1971 Hotpants im dänischen Parlament.

Während Hotpants hauptsächlich für Frauen geschneidert wurden, waren sie eigentlich unisex. Auch wenn sich nicht alle jungen Männer unbedingt dafür begeistern konnten, probierten modebewusste Herren wie David Bowie, Elton John oder Marc Bolan diesen Trend aus. In Kombination mit weißen Go-Go-Boots wurden Hotpants zum festen Bestandteil der Berufskleidung von Stewardessen der Fluggesellschaft Southwest Airlines. Die Werbekampagne mit dem Slogan „Jemand anderes da oben, der dich liebt“ ist aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar. Doch selbst Proteste von Frauenrechtsorganisationen gegen die Uniformen führten nicht zu ihrer Abschaffung.

In Deutschland priesen Werbetexter Hotpants als eine Mischung aus „Freiheit und Mut“. Boulevardblätter wie die Bild und der britische Daily Mirror wollten die Gunst der Stunde nutzen und riefen eilig Hotpants-Wettbewerbe aus. In deutschen Amtsstuben waren sie allerdings nicht ganz so gern gesehen: Das Amtsgericht Heilbronn verbot das Tragen der kurzen Hosen während der Bürozeiten.

Der Stern der Hotpants als Mainstream-Mode sank indes schon bald wieder. Zu einem Comeback um die Jahrtausendwende verhalfen den kurzen Höschen zunächst Background-Tänzerinnen in HipHop-Videos. Auch Madonna und Britney Spears zogen sie wieder an. In Erinnerung geblieben ist eine goldene Lamé-Version, die Kylie Minogue in ihrem Musikclip zu „Spinning Around“ trug – die landete 2007 sogar als Ausstellungsstück im Londoner Victoria & Albert-Museum. (mit avo.)