Der Film „How to Disappear“ persifliert ein Computer-Kriegsspiel. 
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BerlinComputeranimation, Dokumentar- und Essayfilm, poetische Spielerei oder politisches Statement – das sind nur einige der Möglichkeiten, die der Kurzfilm hat. Das Schöne an den Vertretern dieses Genres sei, sagt Anna Henckel-Donnersmarck, dass sie niemandem etwas beweisen und es auch keinem recht machen müssten. Weder seien sie auf die Form einer Visitenkarte der nach Höherem strebenden Filmemacherinnen und Filmemacher festgelegt, noch erschöpfe sich ihr Potenzial in der Schrumpfform eines Langfilms. Der Kurzfilm ist vielmehr seinem Wesen nach frei in Gestaltung und Themenwahl und kann für jeden Inhalt die adäquate Form erfinden – oder wenigstens nach ihr suchen.

Die Auflösung der konventionellen Form

Nach zwölf Jahren im Auswahlkomitee gibt Henckel-Donnersmarck in diesem Jahr ihren Einstand als verantwortliche Kuratorin und Leiterin der Sektion Berlinale Shorts. Sie hat Animation und Dokumentarfilmregie studiert, und wenn sie keine Kurzfilme sichtet, erarbeitet sie etwa Videoinstallationen für Ausstellungen, Konzerte, die Opern- und Theaterbühne.

Das bedeutet nun nicht, dass sich der in den vergangenen Jahren notorisch unterrepräsentierte, abstrakt-experimentelle Kurzfilm in der diesjährigen Auswahl zur Abwechslung mal ordentlich breitmachen würde. Wieder sind die formalen Zumutungen in der Minderzahl – Freunden derselben sei „Inflorescence“ von Nicolaas Schmidt im rundum gelungenen Programm 2 (insgesamt gibt es fünf) ans Herz gelegt. Die filmischen Mittel aber scheinen sich auf Unterwanderungsmission begeben zu haben.

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So manches Mal wähnt man sich in einer knackig-verdichteten Erzählung und stellt mit einem Male fest, dass die vermeintlich konventionelle Form sich längst schon aufgelöst hat und Raum gibt dem Unvorhergesehenen, dem Unbotmäßigen, dem wilden Einfall oder eben auch einfach nur dem Adäquaten. Gut zu sehen ist dieses Verfahren in „Gumnaam Din“ von Ekta Mittal, in dem die Suche nach einem Verschwundenen im Dunst, Nebel, Rauch und in der Dämmerung und Finsternis des Handlungsraums nicht nur reflektiert wird, sondern auch immer wieder selbst verloren geht.

Subversive Möglichkeiten gibt es viele und aufmüpfige Geister, die   sich diese zunutze machen, sind in den Shorts nicht weniger zahlreich.

Man darf also gespannt sein, beispielsweise auf „Stump the Guesser“, den neuesten Streich von Guy Maddin und den Johnsons (Evan und Galen), die zuletzt 2018 mit dem filmhistorischen Gag „The Green Fog“ im Forum vertreten waren. Oder auf „How to Disappear“ von Leonhard Müllner, Robin Klengel und Michael Stumpf, die mit ihren Interventionen in Computerspielen bereits für Aufsehen gesorgt haben; diesmal haben sie sich das Kriegsspiel „Battlefield V“ und das Thema Desertion vorgenommen. Die Spitze eines Eisbergs, der den Tauchgang lohnt.