Journalisten schreiben gerne über Skandale. Topmanager, die sich von ihren Firmen Ferienhäuser bauen lassen, Politiker, die ihre Familienangehörigen mit lukrativen Jobs versorgen. Sehr selten aber, schreiben Journalisten über ihr eigenes skandalöses Verhalten. Wer zum Beispiel die Reiseseiten einer Zeitschrift oder Tageszeitung betrachtet, muss davon ausgehen, dass die Reise, über die geschrieben wird, dass das Hotel, das beschrieben wird, nicht von der Zeitung bezahlt wurden.Die Mehrzahl dieser Berichte sind das Produkt von Einladungen. Die Zeitung hat fast nichts gezahlt. Das machte das Reiseunternehmen, die Kurverwaltung, der Tourismusminister des betreffenden Landes, eine Hotelkette, ein Safari-Unternehmen. Sie alle geben viel Geld dafür aus, dass Journalisten ein paar freundliche Zeilen schreiben. Übrigens auch die Bücher, auf die ich hier hinweise, habe ich nur in ein paar Ausnahmefällen in einer Buchhandlung erworben. Sie wurden mir als Rezensionsexemplare zugeschickt. Das ist alles solange nicht ein wirklicher Skandal, so lange der Leser es weiß. Er kann sich dann seinen eigenen Reim darauf machen. Anders wird die Sache, wenn zum Beispiel eine Kosmetikfirma, ihren neuen Duft in einem Luxushotel in Istanbul vorstellt und einem halben bis einem Dutzend Journalisten die Reisen dorthin und den Aufenthalt finanziert. Bei den lobenden Worten über das Hotel, wenn auch etwas für die Reiseseite abfällt, wird die Leserin noch davon ausgehen, dass das Hotel die schöne Suite selbst zur Verfügung gestellt hat. Wenn sie aber den freundlichen Text über das Parfum liest, ahnt sie nicht, dass der mit einer Reise finanziert wurde.

Das Netzwerk Recherche hat eine Broschüre herausgebracht, in der eine Reihe ähnlicher journalistischer Verfehlungen aufgeführt werden. Redaktionen, die sich von Lobbyisten ganze Beilagen produzieren lassen, Autojournalisten, die, die Autos, die sie zum Probefahren nutzen durften, als quasi Rezensionsexemplare behalten wollen. Neben diesen Einzelaktionen gibt es so etwas wie konstitutive Korruption: Firmen geben Journalisten Rabatte und Journalisten nehmen sie. 2012 verzeichnete allein der Reiseanbieter Condor bei einem der großen Presserabatt-Portale über 60 000 Zugriffe. Hier geht es nicht mehr um einen oder zwei freundliche Zeitungsartikel, sondern es geht darum, einer ganzen Kaste Privilegien zuzuschanzen. Die kleine Broschüre ist ein Muss für Zeitungsleser. Sie kann ihnen helfen, das geliebte Produkt etwas genauer, kritischer zu lesen. Das wird auch den Zeitungen wieder aufhelfen. Es gibt die Broschüre kostenlos entweder bei der Otto Brenner Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes oder aber als Download bei www.netzwerkrecherche.de

Netzwerk Recherche: Gefallen an Gefälligkeiten – Journalismus und Korruption