Kylie Minogue auf der Bühne (Symbolbild).
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Charlie Gray

Vor zwei Jahren fragte eine durch Country geerdete Lady Gaga, wo bloß die Cowboys seien. Nun sind die harten Kerle, nach denen sich Gaga im Song „John Wayne“ verzehrte, aufgespürt.

Sie stolzieren lässig auf einer Bühnen-Rampe im Tempodrom. Wobei man dazu sagen muss, dass zwei der acht Marlboro-Männer Frauen sind. Im Hintergrund bricht der Morgen an, Grillen zirpen. Im Wilden Westen nichts Neues? Nicht ganz. Die Gauchos tanzen nach der Pfeife eines Landeis. Zumindest optisch: Kylie Minogue, die schließlich in Strass besetzten Cowboyboots hereinspaziert, trägt ein wallendes Kleid mit Blumenmuster. Als sie die Hand an die Stirn hebt, um mit abgeschirmten Blick die Tribünen zu taxieren, wirkt das unfreiwillig komisch. Ist ja nicht so, als müsste sie hier nach Kojoten und Klapperschlangen Ausschau halten.

Was der in London ansässige Superstar in der amerikanischen Pampa verloren hat, erschließt sich, als ihre jüngsten Lieder erklingen. Auf „Golden“, ihrem vierzehnten, im April veröffentlichten Studioalbum beschwören Country-Anleihen eher Verandaromantik als körperliche Verausgabung. Für die ultimative Heimeligkeit versah Minogue ihre helle Stimme mit dem stiltypischen Schmelz. Vor einigen Wochen wollten nicht alle mitschunkeln. Der zur Schau gestellte Südstaaten-Akzent irritierte, manche verspotteten Minogue sogar als Dolly-Parton-Abklatsch. Im Tempodrom stört sich daran niemand mehr.

Mehr Gestern geht kaum

Kylie Minogue ist die Stehauffrau des Pop. Vom Musik machen hielten sie weder Kritiker ab, die sie zu Beginn ihrer Karriere als „singenden Wellensittich“ bezeichneten, noch die Brustkrebsdiagnose 2005. Sie besiegte die Krankheit, und weil sich ihrem Gute-Laune-Gedudel nur die wenigsten auf der Welt verweigern können, ist Minogue, inzwischen 50, im Pop-Olymp angekommen. Da kann man schon mal das Glück jenseits der Tanzfläche suchen.

Die „Golden“-Tour folgt dem Prinzip „Kylie Tag & Nacht“. Die Leinwandbilder zeigen die Sängerin als stilvolle Schnapsdrossel, Bonnie ohne Clyde, Kopf einer Rockerbande und Motelbesitzerin. Die Sonne brennt auf das Präriegestrüpp, leere Landstraßen und heruntergekommene Zapfsäulen. Hier gehen Männer noch breitbeinig, Frauen tragen in Gesäßtaschen gesteckte Küchentücher, die Tänzer führen es vor. Auf der Leinwand stehen Menschen an Telefonzellen, mehr Gestern geht kaum. Mehr Weltvergessenheit auch nicht: Sheriffs treten als Ordnungshüter auf, nicht als Aggressoren gegen Minderheiten. Keine Karawanen verzweifelter Latinos kreuzen die Szenen, dabei könnten die Bilder aus dem mexikanischen Grenzgebiet stammen. Das vermeintlich reaktionäre Geschehen auf der Bühne ist nicht allzu ernst zu nehmen. Wirklich skurril wird es erst, als ein Cowboy durch das Bild reitet – auf einem Drahtesel in Tandemausführung.

Keine Stimme wie Country-Schwester Lady Gaga

Kylie Minogue ist bloß als Botschafterin der Liebe unterwegs. Nach drei Liedern hebt sie ihr Glas – „Auf Gesundheit, Glück und Liebe“– später überreicht sie jemandem eine rote Rose. Applaus dem nahbaren Star, als würde es sich dabei um einen spontanen Einfall handeln. Trotzdem läuft einem ein Schauer über den Rücken, als das ergebene Publikum „Where the Wild Roses Grow“ anstimmt. Die andächtige Stimmung währt kurz, dann fährt ein orgiastisches Johlen aus der Menge dazwischen.

Seinen Höhepunkt erreicht der Abend nicht in der Steppe, sondern im Studio 54 mit reichlich Glitzer, „The Loco-Motion“, Pailettenkleid und Regenbogen-Farben zum seichten „All The Lovers“. Der Gesang ist bloß ein Puzzleteil der Show, erst bei der Zugabe variiert Minogue die Melodie von „Your Disco Needs You“. Das ist auch gut so, schließlich hat sie im Gegensatz zu Country-Schwester Lady Gaga keine Stimme wie eine Naturgewalt. Dafür aktiviert Minogue den Defibrillator für längst vergessene Feierfreuden. Für eine Show voller Nostalgie reicht das vollkommen.