Lookman Adekunle Salami alias L.A. Salami aus London
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinWieder einmal so ein Corona-Konzert! Kurz nachdem Virusleugner, Reichsbürger, AfD-Mitglieder und andere Leute versucht hatten, den Reichstag zu stürmen, weil sie das Tragen von Gesichtsmasken beim Einkaufen doof finden, hielten sich zehn Kilometer weiter südwestlich rund um das Kunsthaus Dahlem mehrere Hundert vernunftorientierte Kulturinteressenten an die komplexen Sicherheitsvorkehrungen. Um einer Musikveranstaltung der Kiezsalon-Reihe beiwohnen zu dürfen, mussten sie – sollte ihnen ein Bedürfnis zur Regelung des körpereigenen Flüssigkeitsspiegels Richtung Bar und/oder Klo vom Garten ins Kunsthaus treiben – zunächst durch ein Tor im Gartenzaun auf die Straße und dann ums Gebäude herum zum Haupteingang laufen. Und später mit Bier in der Hand oder weniger Urin in der Blase wieder durch den kleineren Gartenausgang Richtung Bühne. So wurde infektionsrelevantes Gedränge im Innenbereich verhindert, und kein Gemaule war zu hören ...

L.A. Salami beim Kiezsalon in Dahlem
Foto: Roland Owsnitzki

Stattdessen hörte man die Zuschauer applaudieren, als im Garten der Pakistaner Ashraf Sharif Khan und der Hamburger Elektronikmusiker und Pudel-Club-Geschäftsführer Viktor Marek ihren selbstgetauften „Sufi Dub“ zur Aufführung brachten. Marek, der einen gemusterten Anzug ohne Hemd trug, entlockte seinen Arbeitsgeräten allerlei professionelle Rhythmusarbeit. Khan, der auf einem Podest mitsamt Teppich aus seiner Heimatregion saß, spielte wiederum äußerst fingerfertig Sitar. Dabei verwob er rockige Solis mit tanzbaren Rhythmusverzahnungen, was sogar das im Publikum vertretene Großbürgertum aus der Nachbarschaft sehr originell fand! Höhepunkt war eine Coverversion des Abwärts-Songs „Maschinenland“, die eine systemkritische Feinheit erlangte.

Im Anschluss bot der ebenfalls stilistisch treffsichere Anzugträger Lookman Adekunle Salami alias L.A. Salami aus London ein hervorragendes Solo-Set, das allerdings zur Hälfte aus dem sorgfältigen Stimmen seiner Akustikgitarre bestand. Daher sahen sich einige Publikumsmitglieder veranlasst, die meditative Stille im Garten mit unsensiblem Geplapper zu durchstören – von einer Charlotte war die Rede, die angeblich ihren Rausch mit Magic Mushrooms mikrodosiere. Diese Jugend! Selbst beim Drogennehmen optimiert sie sich selbst, aber mal eine halbe Stunde zuhören? Geht nicht!

Dabei hätte es viel zu lernen gegeben: L.A. Salami versteht es, seinen inneren Bob Dylan in eloquente Meditationen über die Nöte des postmillenialen Slackers zu kanalisieren. Möge er weiterhin schön unoptimiert Gitarre stimmen, Leistung verweigern und das Denken nicht verlernen. Letzteres tun eh schon genügend andere.

Der nächste Kiezsalon findet am 16. September im HKW statt. Weitere Infos und Tickets unter: www.kiezsalon.de