Mit den Sakramenten nimmt man es nicht so genau in Sacramento – zumal an der dortigen katholischen Highschool, an der die 17-jährige Christine McPherson (Saoirse Ronan), die unter keinen Umständen Christine, sondern Lady Bird genannt werden will, sich auf den letzten Metern bis zum Abschluss abstrampelt. Einmal liegt sie mit ihrer noch-besten Freundin Julie auf dem Fußboden eines Klassenraums und stopft sich Oblaten in den Mund, die sie wie Chips aus einer mit quietschbuntem Christusantlitz etikettierten Hostien-Vorratspackung herausfieselt. Eine biestige, viel zu katholische Mitschülerin kommt in den Raum und entrüstet sich über dieses lästerlich-gefräßige Attentat auf den Leib Jesu.

Aber halb so wild: Lady Bird hat nur wenig zu befürchten, denn ihre greise Schulleiterin hat bei all ihrer streng nach außen getragenen Ordensschwesterlichkeit auch einen ganz guten Humor und genießt es sogar ein wenig, Blasphemien wie diese milde hinwegschmunzeln zu können.

Überhaupt gibt es in der Welt von Lady Bird nur wenig zu befürchten – und genau das ist wiederum das Problem, unter dem die aufsässige Heldin aus Greta Gerwigs Regiedebüt am meisten leidet. Nach einem schulinternen Casting für eine anstehende Musicalaufführung kann sich Lady Bird beispielsweise nur mäßig darüber freuen, tatsächlich ins Ensemble gewählt worden zu sein, schließlich wurde für jeden, der sich da trällernd auf der Aula-Bühne bewarb, irgendeine Rolle geschaffen.

Raus aus Kalifornien

Das große Drama dieses Films setzt sich weniger aus den Widerständen zusammen, die den pubertären Handlungs- und Provokationsdrang bremsen, es besteht vielmehr im Mangel ebensolcher. Denn obwohl es bei den McPhersons nicht problem- und konfliktlos zugeht – Vater Larry nimmt etwa Antidepressiva, ist seit kurzem arbeitslos und bewirbt sich gelegentlich auf dieselben Stellen wie sein üppig gepiercter Sohn Miguel – ruht das Stressniveau in der Familie bei einer risikoarmen Alltagsbewältigung.

Der Gipfel an Aufregung dürfte ein Streit zwischen Lady Bird und ihrer Mutter Marion (Laurie Metcalf) über das elegantere Abschlussballkleid im Klamotten-Laden sein. Überhaupt liegt das Mädchen mit den ziemlich unprofessionell rotgefärbten Haaren, das seine ersten erotischen Kontakte erlebt und erleidet, im Dauerclinch mit seiner überfürsorglichen Mutter.

Aus guten Gründen kann es Lady Bird also kaum erwarten, nach dem Abschluss das Weite zu suchen und aus der Ödnis Zentralkaliforniens an die Ostküste auszuwandern; dorthin, wo, wie sie sagt, die Kultur zu Hause ist, wo die Schriftsteller lebten, aber auch dorthin, wo zu der Zeit, in der dieser Film spielt, erst kürzlich zwei Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme steuerten.

Kein autobiographischer Film

Greta Gerwig (bekannt vor allem als Schauspielerin in Filmen wie „Greenberg“ und „Frances Ha“ von ihrem Lebensgefährten Noah Baumbach) wuchs selbst in Sacramento auf. An diesem protokleinstädtischen Ort im Westen der USA, der von Lady Bird einmal „Midwest of California“ genannt wird, was sich als Heimstatt der kalifornischen Dumpfbacken interpretieren lässt, durchlebte also auch die Regisseurin um die Jahrtausendwende ihre Pubertät – und das lässt sich ablesen an ihrem Film, der sich, wenngleich sie ihn nicht autobiografisch verstanden wissen will, erkennbar aus historisch unterfütterten Erinnerungsimpulsen speist.

Tatsächlich ist diese Impulsebene die spannendste von „Lady Bird“, was viel mit diesem halb nahen, halb fernen Abstand zu tun haben dürfte, der zwischen der Jahrtausendwende und heute liegt. Am besten ist Greta Gerwigs tragikomischer Coming-of-Age-Film immer dann, wenn man die universelle Pubertäts-Erzählung über dieses junge Mädchen weniger als dessen altersgemäßen Existenzkampf versteht, sondern viel mehr als Katalysator deutet, der ganz bestimmte Realitätsmomente der 90er und 2000er Jahre aktualisiert.

Am schönsten ist „Lady Bird“ immer dann, wenn die Geschichte, die ihn voranbringt, gänzlich zurücktritt hinter das historische Tableau einer ungefähr zwanzigjährigen Vergangenheit, in der die ersten Schüler ihre ersten Handys anschafften, in der man pro Haushalt einen internetfähigen, fest ans Modem angeschlossenen Computer besaß, auf dem sich Solitär spielen ließ, in der sich Mausklicke und Tastaturen anhören, wie sie sich damals anhörten, in der man ausgiebig Kariertes trug, in der auf allen möglichen Röhrenfernsehern in allen möglichen Wohnzimmern von der Bombardierung Bagdads durch die Bush-Regierung berichtet wurde – immer dann also, wenn „Lady Bird“ zu einem kleinen Geschichtsfilm wird über eine Zeit, die sich längst von der Gegenwart abgekoppelt hat, aber immer noch ganz nah ist.

Lady Bird USA 2017, Drehbuch und Regie: Greta Gerwig, Darsteller: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Tracy Letts, Lucas Hedges, Timothée Chalamet, Odeya Rush u.a., 94 Minuten, Farbe. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.