Ihr Ton ist gewöhnungsbedürftig, keine Frage: „Also fick mich bis ich auch komm, sonst gibt’s was in die Fresse.“ Das ist eine der harmloseren Zeilen des Raps „Die Aufklärung“ von Lady Bitch Ray. Er richtet sich an Kollegen, die tagein tagaus mit ihren Genitalien und sexueller Dominanz prahlen. Der vollständige Rap findet sich in ihrem frisch erschienenem Buch „Yalla, Feminismus!“ Es ist eine Kampfansage an Gewalt gegen Frauen und andere Minderheiten im Rap. Und anderswo.

Lady Bitch Ray alias Reyhan Şahin geht in diesem Buch gründlich vor, weder ihr Slang, noch ihre Klitoris-, Vulva- und Schwanzmetaphern lenken davon ab: Sie erklärt Strömungen und Debatten des Feminismus und HipHop, berichtet von Vorbildern wie US-Rapperinnen und Riot Grrrls, diskutiert die Arbeit deutscher Kolleginnen und kritisiert große Teile des deutschen Rap als einen „auf Kommerzialisierung ausgerichteten Penis“.

Lady Bitch Ray ist ebenso aggressiv und explizit wie Männer - nur eben als Frau.

Sie tut es aus Sicht einer Frau, die sich der HipHop-Kultur, die als Reflex auf rassistische Gewaltverhältnisse entstand, nicht zuletzt wegen ihrer eigenen Migrationsbiografie verbunden fühlt. Ihr Buch beleuchtet diesen Zwiespalt genau. Und natürlich feiert es sie als erste „HipHop-Feministin“ der Republik, die mindestens ebenso aggressiv und explizit auftritt wie ihre Kollegen, allerdings aus offensiv weiblicher Sicht.

Sie erregte von Anfang an Aufsehen, auch davon erzählt sie in ihrem Buch: Bei Maischberger erklärte sie ihren Bitchsm, Oliver Pocher schenkte sie „ein Döschen echtes Votzensekret“, um ihre feministische Perspektive zu unterstreichen. TV-Kritiker überschlugen sich vor Abscheu, Programme, die noch zehn Jahre später Kollegah und Farid Bang zum Echo luden, stoppten Wiederholungen ihrer Talkshow-Auftritte. Wäre sie ein männlicher Gangster-Rapper oder Enfant terrible an irgendeinem Staatstheater, hätten vermutlich alle geklatscht. Lady Bitch Ray dagegen verlor ihren Job bei Radio Bremen.

Reyhan Şahin ist Rapperin, Autorin und promovierte Linguistin. Daher geht es in „Yalla, Feminismus!“ nicht nur um Deutschrap, sondern um den deutschen Wissenschaftsbetrieb, den sie „Fuckademia“ beziehungsweise „Cis-Schwanz aus Elfenbein“ nennt. Die Kritik richtet sich gegen übergriffige Professoren, untätige Gleichstellungsbeauftragte, Rassismus, Bildungsbürgerüberheblichkeit und mangelnde Solidarität. Şahin hat eine preisgekrönte Dissertation geschrieben, forscht an einem Graduiertenkolleg über Rechtspopulismus, Islam und Gender und arbeitet an ihrer Habilitation.

Sie will in der Wissenschaft offenbar etwas werden und teilt dennoch nach allen Seiten aus. Das ist unstrategisch, beziehungsweise eine Performance, die die Akademie an ihren eigenen Werten misst. Denn in einer wirklich demokratischen (Wissenschafts-)Welt müsste kein Mensch Angst haben, es sich mit irgendwem zu verderben, weil nicht Wohlwollen oder Fürsprache, sondern Talent und Leistung zählen.

Neben männlich dominierten Sphären in Pop und Wissenschaft widmet Şahin sich einem Feld, in dem die feministischen Fetzen fliegen: Der Debatte über das islamische Kopftuch, das die einen als Zeichen der Unterdrückung verdammen, während die anderen es als Symbol der antirassistischen Ermächtigung verteidigen. Statt sich auf eine Seite zu schlagen, plädiert Lady Bitch Ray dafür, die Unterschiede zwischen Millionen Kopftuchträgerinnen anzuschauen und außerdem zur Kenntnis zu nehmen, was islamische Feministinnen – ebenfalls Unterschiedliches – dazu sagen.

Die Kopftuchfrage zwischen Sexismus und antiislamischer Hetze

Sie selbst ist als Alevitin Teil des, wie sie betont, heterogenen und umkämpften Islam, hat zum Thema Kopftuch promoviert und geht die Sache mit viel Fachwissen, Innensicht und Diskussionsfreude an. Ihr Buch zeigt, wie die harschen, oft frustrierend rechthaberischen Fronten zwischen Pro- und Kontra-Kopftuch in Bewegung geraten könnten. Şahin informiert, differenziert und empfiehlt anzuerkennen, dass es im Spannungsfeld zwischen Sexismus und antiislamischer Hetze keine einfachen Lösungen gibt.

Manche werden sich die Augen reiben, dass eine so laute Person so komplexe Antworten gibt. Aber warum nicht? Sie macht es sich nirgendwo bequem, weder im Rap, an der Universität noch im Feminismus. Ihre Kritik, gerade die vehemente, persönliche, reflektiert ihre Position auf und zwischen diversen Stühlen stets mit. Immer geht es um mehrere Hierarchie-Achsen zugleich – Geschlecht, Herkunft, Religion, Bildung, Schicht, Pop- und Hochkultur. Das nie aus den Augen zu verlieren ist vielleicht die größte Stärke dieses wirklich nicht leisen, dafür ausgesprochen klugen Buchs.

Reyhan Şahin: Yalla, Feminismus! Tropen-Verlag, Klett-Cotta, Stuttgart 2019, 316 S., 20 Euro.