Eine britische Theateraufführung von D.H. Lawrences "Lady Chatterleys Liebhaber" mit Jeanne Moody und Walter Brown aus dem Jahr 1961.
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BerlinIn London wurde kürzlich „der Preis für die schlechtesten Sex-Szenen in ansonsten guten Romanen“ verliehen. Die Zeitschrift „Literary Review“ vergibt diesen Preis seit 26 Jahren, um „einer groben, geschmacklosen, oberflächlichen Verwendung von Passagen sexuellen Inhalts entgegenzuwirken“. Das hat mich natürlich sofort interessiert. Auf der Shortlist dieses Jahr stand unter anderem der Roman „The River Capture“ der irischen Autorin Mary Costello, die schreibt: „Sie bat ihn, tiefer zu gehen, und er drang tief in Geist und Körper vor, in Hohlräume voller Organe, an den Konturen ihrer Lunge und Leber vorbei, und, an ihrem Herzen vorbeitaumelnd, fühlte er ihre Perfektion.“

Eines der Jurymitglieder formulierte in seinem Votum, diese Szene lese sich „wie der feuchte Traum eines kurzschwänzigen Metzgermeisters“, was mich wiederum auf die Idee brachte, einen Preis für die lustigsten Kritiker der schlechtesten Sex-Szenen in ansonsten guten Romanen auszuloben.

Mir fiel auf, dass erstaunlich viele Autorinnen auf der Shortlist stehen. Man sagt ja immer, nur Männer seien so grob, geschmacklos und oberflächlich, aber das stimmt offenbar gar nicht. Die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert zum Beispiel lässt in ihrem Buch „City of Girls“ ein seltsames Metaphern-Gewitter aufziehen (ja ich weiß, Gewitter ist auch eine Metapher). Elizabeth Gilbert schreibt jedenfalls: „Dann schrie ich, als wäre ich von einem Zug überfahren worden, und er versuchte, mir den Mund zuzuhalten. Und wie ein verwundeter Soldat in eine Kugel beißt, so biss ich in seine Hand. Und ich starb mehr oder weniger.“

Ich persönlich finde es ja gar nicht so schlimm, wenn in einer Sex-Szene mal kurz die Bilder verrutschen. Meinetwegen soll der Soldat in die Kugel beißen, die ihn gerade erwischt hat. Viel mehr stört mich das Herumgeprotze. Ständig regnen irgendwelche Sternschnuppen auf die Liebenden nieder, fühlt man die Lava durch die Lenden rasen. Die Standards dafür, was wir als guten Sex betrachten, werden auf diese Weise unerträglich hoch gesetzt.

Wie oft fühlte ich mich vor allem als junger Mensch schlecht nach dem Sex, weil ich schon wieder keinen Regenbogen gesehen hatte. Weil die Schreie meiner Sexualpartnerin schon wieder nicht hemmungslos, den Sirenen des Odysseus gleich klangen. Sondern einfach nur simuliert.

Meine frühe literarisch-sexuelle Referenz war „Lady Chatterley“ von D. H. Lawrence. Noch heute tut mir meine erste Freundin leid, wenn ich daran denke, was sie mit mir als jugendlichem Lover ertragen musste. In unserer ersten Nacht wollte ich sie im Stile von Lady Chatterleys Liebhaber überwältigen. So versuchte ich, mit meinen Zähnen ihr Hemd aufzureißen, allerdings scheiterte ich an den solide angenähten, ostdeutschen Hemdknöpfen, woraufhin sie zu lachen begann, was mich tief verunsicherte und zu einer längeren Blockade sämtlicher Liebhaber-Qualitäten führte.

Ich finde, solche Geschichten werden in der Literatur viel zu selten erzählt. Geschichten des Scheiterns. Dabei gibt es meines Wissens kaum einen anderen Bereich, in dem so viel schief gehen kann wie beim Sex. Ich persönlich könnte mehrere Bücher darüber schreiben. Vielleicht sollte die „Literary Review“ künftig nicht mehr die schlechtesten Sex-Szenen prämieren, sondern die witzigsten Unglücke und Missverständnisse. Das würde uns alle entspannen.

Vorbildhaft in dieser Hinsicht ist für mich der französische Schriftsteller Didier Decoin, der in seinem Roman „Das Ministerium der Gärten und Teiche“ erzählt, wie eine Frau die Genitalien eines Mannes massiert. Decoin schreibt: „Sie fühlte sich, als würde sie einen kleinen Affen bearbeiten, der seine Pfoten zu niedlichen Fäusten ballt.“ Mit dieser Passage gewann der Franzose übrigens dieses Jahr in London.  

Leo & Gutsch lesen am 5. Januar in den Wühlmäusen.