BerlinDie rote Liste der bedrohten Kultureinrichtungen, die der Kulturrat zwischen 2012 und 2018 geführt hat, gibt es seit diesem Herbst als „Corona-Liste“ wieder. Zu den ersten vier Eintragungen zählen neben der Kölner Kammeroper und dem schwäbischen Theater Lindenhof gleich zwei Berliner Einrichtungen: der Kreuzberger Club Gretchen und das Pankower Mach-mit!-Museum für Kinder. Es werden weitere hinzukommen. Viele weitere. 

Denn die Höhe der durch Corona bedingten Einnahmeneinbußen der Kommunen ist momentan nicht abzusehen. Und Kultur ist keine Pflichtaufgabe. Nicht des Staates und nicht der Kommunen. Aus Bamberg wurde jetzt für 2021 eine 25-prozentige Kürzung der Kulturförderung gemeldet. Die fränkische Stadt mit 77.000 Einwohnern, Stadt des Bieres, des Domes und der als Weltkulturerbe geschützten Altstadt, deren Corona-Ampel am Sonntag auf rot gesprungen ist, hat schon jetzt 45 Millionen Euro eingebüßt und weiß sich nicht anders zu helfen. Am dortigen E.T.A.-Hoffmann-Theater müssen wohl Stellen gestrichen werden. Es geht an die Substanz.

Das Schlimmste wäre ein „Flächenbrand im Selbstverständnis“

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Kulturrates und damit Vater der Corona-Liste, sieht das Geschehen in Bamberg als „Menetekel“, als Zeichen des Unheils, „das auf uns zukommt“. Die Kulturmilliarde der Bundesregierung, das Programm „Neustart Kultur“ von Staatsministerin Monika Grütters, dient ja vor allem der Unterstützung privater Kulturbetriebe. Für den Erhalt öffentlicher Einrichtungen sind die Länder und Kommunen selbst zuständig. Was aber, wenn es an immer mehr Orten demnächst heißt: Entlassen wir Lehrer oder schließen wir die Ballettsparte des Theaters? Das Schlimmste wäre für Zimmermann ein „Flächenbrand im Selbstverständnis“ – im Selbstverständnis der Notwendigkeit.

Aber warum ist Kultur eigentlich notwendig? In Berlin ist es einfach: Da ist Kultur der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Hier also ist es Existenzsicherung, wenn die Senatskulturverwaltung bei ihrer Position bleibt: „Die Krise wird nicht nachgespart.“ Wobei einem schon klar sein müsse, wie der Pressesprecher Daniel Bartsch am Telefon betont, dass es ähnlich erfreuliche finanzielle „Zuwächse“ im Haushalt wie in den letzten Jahren erst mal nicht mehr geben werde. „In den kommenden Jahren werden die Verhandlungen härter.“

Aber was ist mit Städten wie Magdeburg und Karlsruhe, die Opernhäuser haben, aber darüber von außen nicht definiert werden, was ist mit Greifswald oder Heilbronn? Warum ist Kultur, warum sind die großen und ja: teuren Institutionen auch dort notwendig? Dass sich die Frage überhaupt stellt, hat damit zu tun, dass sich die noch zu Beginn der 2000er-Jahre kulturpolitisch immer wieder beschworenen „Stadtgesellschaften“ zunehmend in Nischengemeinschaften auflösen, die auf nebenan.de vitaler und vielfältiger in Erscheinung treten als auf der A-Premiere des Stadttheaters. 

Stehen ernsthaft Orte des Zusammentreffens auf dem Spiel?

Tatsächlich hat der digitalisierte, immer stärker absorbierende Alltag dazu geführt, dass der Anspruch auf Zugänglichkeit von Kultur gestiegen ist – und das Nicht-so-gut-Zugängliche womöglich entbehrlich erscheint. Wer Filme auch streamen kann, wird den Weg in die nächste Kreisstadt nicht mehr auf sich nehmen, um dort ins Kino zu gehen. Das Lichtspielhaus am Marktplatz könnte aber durchaus Ziel eines Abendspaziergangs sein – und einen vielleicht auch noch mit Nebensitzenden ins Gespräch bringen.

Erinnern Sie sich an das „Deutschland spricht“-Programm verschiedener Medien, das letztes Jahr aufwendig inszeniert wurde? Lesen auch Sie täglich vom Auseinanderfallen der Gesellschaft? Wäre es da nicht gut, wenn es weiter Orte des natürlichen Zusammentreffens gäbe? Aber gerade diese lokalen Angebote sind es, die vor allem in Ostdeutschland in den letzten Jahrzehnten Einsparungen und Verwaltungsreformen massiv zum Opfer fielen. Und die aber auch nicht anstelle der großen Häuser wieder ins Leben gerufen werden können. Denn gerade das Dezentrale braucht eine Zentralperspektive. Ein Netz von Zimmertheatern formiert sich nur dann zu einer Theaterlandschaft, wenn es weiterhin die großen Bühnen gibt, die mit großem Aufwand ästhetisch ins Risiko gehen.

Bestandsschutz jener ist, sei den Landtagen hiermit souffliert, die Arbeit am Rückgrat eines Kulturlebens, das aber dann, nach Ende der Corona-Krise, vielfach wieder neu nach unten durchtrainiert werden muss. Ja, eine doppelte Aufgabe also. Denn die Investition soll sich ja lohnen. Und eines muss man wohl nicht extra erwähnen: Es gibt auch bei sogenannten leeren Kassen immer noch viel Geld. Die Frage ist, wofür man es ausgibt.