Lasst die Toten singen

Die slowenische Gruppe Laibach vertont Heiner Müller im HAU: „Wir sind das Volk“. Eine spekulative Einführung.

Berlin-Laibach tragen ihr frühstes künstlerisches Mittel seit ihrer Gründung vor 40 Jahren im Namen, nämlich die Provokation. Denn zuletzt waren es die Nazis, die Ljubljana Laibach nannten. In Jugoslawien war der Name natürlich verpönt, im heutigen Slowenien hat sich daran nichts geändert. 

Martialisch und viieldeutig - eine Szene aus dem Laibach-Musical "Wir sind das Volk"
Martialisch und viieldeutig - eine Szene aus dem Laibach-Musical "Wir sind das Volk"

Laibach gelten vielleicht auch deshalb als wichtigster Einfluss auf die deutschen Feuerwerksrocker Rammstein. Doch Laibach waren oft die besten Deuter ihrer selbst: Sie seien „Rammstein für Erwachsene“, während Rammstein „Laibach für Kinder“ aufführten. Als Anja Quickert von der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft mir von ihrer Idee erzählt hatte, Laibach mit Heiner Müller in ein „Musical“ zu zwingen, schaute ich verblüfft aus der Wäsche.

Das Wort Volk kommt gar nicht vor

Wie immer bei sofort einleuchtenden Ideen fragt man sich, warum noch niemand davor darauf gekommen war. Denn die Liaison passt fast zu gut. Zu verwandt sind ihre Themen, ihr Drängen, das Gespräch mit den Toten nicht ruhen zu lassen. Immer wieder zu horchen, wo die Gespenster der Vergangenheit weiter spuken, wo das Verdrängte von unsauber beerdigten Nationen und zu schnell vergessenen Biografien sein Ärmchen aus der Erde streckt wie das eigensinnige Kind in der Sammlung der Gebrüder Grimm.

Aber dieser Titel: „Wir sind das Volk – Ein Musical“. Der Schlachtruf der besoffenen Wende, der es hier bestimmt an den Kragen geht! Dem Osten wird in der Kunst Gerechtigkeit widerfahren! Oder nicht? Mit solchen Rachegelüsten, seien sie noch so halbherzig ironisiert, lässt sich bei Laibach kein Staat machen. Das Wort Volk kommt gar nicht vor an diesem Abend. Und wenn Laibach eines vermieden haben wie Heiner Müller rauchfreie Bars, dann sind es eindeutige Botschaften an das richtige Leben. Kunst im Vollzug des Guten: nicht ihr Ding.

Laibach war immer schon Band und Brand

Schließlich wussten beide, was die Sehnsucht der Eindeutigkeit mit der Kunst anrichtet: Müller konnte in den 60er-Jahren nicht mehr in der DDR arbeiten, Laibach wurden im Jugoslawien der Achtziger verboten. Damals war es der Staat, der Mehrdeutigkeit nicht aushielt. Heute fordern gesellschaftliche Bewegungen in ihrem Sinn erbauende Kunst. Doch im Hebbel am Ufer wird man kaum einen gesinnungsgemütlichen Abend sehen. Zum einen war die Verbindung von Heiner Müller und Musik und Theater immer dann fruchtbar, wenn Text und Musik und Performance nicht miteinander kuschelten, sondern ihre Autonomie behielten. Nicht aus Desinteresse, im Gegenteil, aus Respekt vor dem Text. Zum Beispiel bei Robert Wilson, der 1986 in Hamburg Müllers „Hamletmaschine“ eine eigene Partitur aus formalisierten Gesten und klassischer Musik zur Seite stellte.

Im HAU vertonen Laibach zum einen Texte von Müller, und zwar nicht mit dem kleinen Besteck: Schlagzeug, zwei Perkussionisten der Band The Stroj, Streicher vom slowenischen Symphonieorchester, Gitarre, Klavier, Laptop und mehr. Und die beiden Schauspielerinnen Agnes Mann und Susanne Sachsse werden andere Texte sprechen. Bei aller handwerklichen Kompetenz auf der Bühne: Der Horror wären schöne Lieder von Laibach mit Texten Heiner Müllers. Von den Laibach-Gründern steht niemand mehr auf der Bühne, auch wenn Milan Fras und Ivan Novak schon lange zum Kern gehören. Aber wovon eigentlich?

Laibach war stets mindestens so sehr eine Band wie ein Brand, eine Marke, wie man es kapitalistisch sagen könnte. Oder ein Kollektiv, wenn man es eher sozialistisch fassen möchte und das Konzept stärker gewichtet als die Namen. Band, Brand, Marke, Kollektiv: Das beschreibt nicht nur die Arbeitsform von Laibach, sondern führt direkt in die ideologische oder, je nach Position des Betrachters, ideologiekritische Ästhetik der Gruppe. Denn Laibach gibt keine Ruhe und forciert Ähnlichkeiten zwischen scheinbaren Gegensätzen wie Kapitalismus und Kommunismus, Demokratie und Diktatur, Freiheitsversprechen und struktureller Gewalt.

Die Fronten verwirren

Laibach spart nichts aus und verwirrt dabei die Fronten. Das Volk zum Beispiel, das sind nicht einfach die andern, Tumben, Grölenden. Um es mit einem Zwischenspiel aus Müllers „Zement“ zu deuten: Du blickst dich selbst an, wenn du deinen Feind suchst. „Der Hass des Ausländers auf die Gemeinschaft“, schrieb Müller und meinte sich selbst als Geflüchteter, sei „grenzenlos. Er mündet in den Wunsch, aufgenommen zu werden in die gehasste Gemeinschaft.“   Heute übernimmt Pop oft eine andere Funktion, er hinkt den gesellschaftlichen Diskussionen hinterher und versucht, die richtigen Knöpfe zu drücken. Laibach kommen aus andern Zeiten. Sie fingen an mit Systemvergleichen im Kalten Krieg.

Nach dem Zusammenbruch des Ostens befragten sie die Scheinliberalität des Westens, oder nahmen solche Fragen sogar vorweg, als sie Westklassiker der Popmoderne wie die Beatles grimmig coverten. Und vielleicht sind sie nun in einer Phase, in der die Kunst selbst in den Vordergrund rückt: als Verfahren, ins Offene zu kommen und das Unvorgesehene zu kalkulieren. Ihre Konzerte in Nordkorea 2015 waren noch einmal ein Versuch, den Kontrollverlust zur Praxis zu erheben. Es ist ein Kontrollverlust über Erzählungen, die wir manchmal als zu Ende erzählt erachten, aber die immerzu ihre Hand aus dem Grab strecken.

Tobi Müller hält eine Einführung zu Laibach und Theater am 9. und am 10. Februar, 19 Uhr, HAU.