Lana Del Rey schreibt Lieder und Gedichte.
Foto: Universal Music

Außer Donald Trump glaubt niemand mehr an Amerika als Lana Del Rey. An ein Land, das weniger als politische Verwaltung besteht, sondern als Fiktion existiert, in Geschichten, die man sich darüber erzählt. Und wie die Geschichten müssen auch die Erzähler in keiner wirklichen Welt leben.

„Ich habe mich als Elisabeth Grant vorgestellt und niemand hat auch nur mit der Wimper gezuckt“, spricht Lana Del Rey im siebenminütigen „Sport Cruiser“, dem längsten Text von „Violet Bent Backwards over the Grass“, der gerade erschienenen Spoken-Word-Version ihres gleichnamigen Gedichtbands. Darin erzählt sie von Flug- und Segelstunden, und sie sinniert darüber, wie sich künstlerische und fliegerische oder nautische Kontrolle zueinander verhalten und was das mit Elizabeth Grant, wie sie getauft ist, und Lana Del Rey, ihrem Künstler-Ich, zu tun hat. „Niemand sagte: ‚Sie sind nicht Kapitän eines Schiffes oder Herrin der Lüfte‘ … Für einen kurzen Moment habe ich mich mehr als ich selbst gefühlt als je zuvor.“ Aber Elizabeth Grant scheitert schon daran, die Richtung des Windes zu spüren. „Kapitäne sind nicht wie Dichter. Sie suchen nicht nach Metaphern zwischen Himmel und Meer. Und als ich das dachte, wurde mir klar – darum schreibe ich.“

Dass Lana Del Rey ihre Texte als Gedichte veröffentlicht, ist nicht wirklich überraschend. Seit ihr nach etwas harmlosen Folkanfängen als Lizzie Grant als Lana Del Rey der Durchbruch mit melancholischen Streicherpanoramen und HipHop-Beats gelang, tauchte sie immer konsequenter in die Pop-Kultur der 50er- und 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts ab, spielte sehnsüchtig mit Bildern zwischen Femme Fatale und Mädchen unter bösen Jungs mit Mustangs und Gitarren. Die Texte spickte sie kunstvoll mit Anspielungen aus Literatur, Film, Musik auf eine Idee von Amerika zwischen altem Hollywood und dem All-American-Kitsch des Malers Norman Rockwell, nach dem sie vergangenes Jahr ihr letztes Album benannt hat. Darüber wurde sie, so das Onlinemagazin „Pitchfork“ über das letzte Album, zu „einer der größten Singer- Songwriterinnen der USA“. Mittlerweile gehört sie auch zu den erfolgreichsten, mit rund 20 Millionen verkauften Alben und milliardenfachen YouTube-Clicks.

Lana Del Rey verweist auf popkulturelle Ikonen

Immer mal umstritten ist dabei nicht zuletzt das seltsam nostalgische Frauenbild ihrer Musik, das sie als eine Art alternativen Feminismus verteidigt, der Platz „für die zerbrechlichere und weichere Weiblichkeit“ lasse. In einer Nussschale bekommt man dieses Weltbild hier im dialogischen „Tessa DiPietro“. Del Rey schwärmt über einen Live-Mitschnitt des Doors-Sängers Jim Morrison von 1968, zweifellos ein „bad boy“ der Rockgeschichte: „Das blaue Licht gab ihm eine Art Heiligenschein … definitiv wie ein Gott auf der Bühne.“ Worauf das Gegenüber, ihre Homöopathin, meint: „Jim starb mit 27 – such dir eine bessere Referenz zum Himmel.“ Und seine Texte seien Quatsch.

Verweise auf popkulturelle Ikonen gibt es, wie auf den Alben auch, hier häufig. Bob Dylan, Georgia O’Keefe, Sylvia Plath tauchen auf, als Projektionen und Hintergrund. Zärtliche Liebesstücke gibt es, in denen sie – oft vergebens, scheint es – auf die Balance zwischen der „festen Vertikalität der Männlichkeit“ und einem Partner hofft, der „meine Weite bezeugen kann“. Manchmal klingen die Texte etwas beflissen poetisch hergerichtet, manchmal hadert – offenbar – Lizzie Grant ein bisschen wehleidig mit den Folgen von Lanas Ruhm. Aber im Ganzen erkennt man einen präzisen Blick und – deshalb ist die Hörversion besser als das Buch – ein feines Ohr für Rhythmus und Fluss der bis zur Prosa frei geformten Gedichte. Ihr Großpop-Produzent Jack Antonoff legt darunter überraschend zurückhaltende Atmosphären aus Keyboards, Gitarre, Streichern.

Neben „Sport Cruiser“ ist das zentrale Stück eine gut fünfminütige rhapsodische Anrufung von Los Angeles als wankelmütige Mutter zu Beginn. Sie zeigt noch deutlicher als der Rest den Einfluss des Beat-Dichters Allen Ginsberg, der in den Fünfzigern wiederum Walt Whitmans Americana in die New Yorker Jazz-Moderne transponiert hat. „Nicht ganz die Stadt, die niemals schläft/ aber auch nicht ganz wach/ Aber ganz sicher die Stadt, die träumt/ wenn du mit Träumen Albträume meinst“, ruft Del Rey und ringt um ihren Platz in der Stadt zwischen Glamour, Neon, Waldbrand und sozialer Kälte. Zum Ende des Albums und Buchs tauchen die Motive dieses Gedichts noch einmal auf, als Notruf für die amerikanische Kultur. „Das Paradies ist ein zerbrechliches/ und es scheint nur schlimmer zu werden“, spricht sie und stellt ihre Vision gegen die des „megalomanen Präsidenten“.

Mit dem teilt sie immerhin die Sehnsucht nach vergangener mythischer Größe, auch wenn ihre Pop-Götter natürlich nicht Indianer töten, sondern Filme und Musik schaffen. „Ich bin eine Träumerin“, spricht Del Rey. „Meine Träume für das Land waren groß – nicht für das, was es tun sollte, sondern dafür, wie es sich anfühlen könnte.“ Gesungen, muss man sagen, hört sich das aber doch besser an.

„Violet Bent Backwards over the Grass“ von Lana Del Rey ist als Buch (Simon & Schuster) und als Musikalbum (Universal Music) erschienen.