Die Rolle Berlins war in der europäischen Kolonialgeschichte von fataler Tragweite. Auf der Westafrika-Konferenz vom November 1884 wurde mit dem Schlussdokument, der sogenannten Kongo-Akte, die Grundlage für die imperialistische Aufteilung Afrikas in Kolonien überhaupt erst geschaffen. Schon deshalb ist es heute geboten, sich nicht nur mit der Herkunft von Kunstwerken aus kolonialer Vergangenheit in Berliner Museen zu befassen, sondern sich auch mit der lange eher abwiegelnd-beschwichtigenden Behandlung der deutschen Kolonialherrschaft sowie deren Folgen auseinanderzusetzen.

Das Thema Kolonialgeschichte soll in Schulen mehr berücksichtigt werden

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“ – wieder scheint das berühmte William-Faulkner-Zitat Geltung zu erlangen und leitmotivisch auch die Berliner Lokalpolitik anzutreiben. In einem Antrag an den Berliner Senat fordert die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen dazu auf, „in enger Zusammenarbeit mit den migrantisch-diasporischen Communities sowie den Akteuren aus Wissenschaft, Schulen und Kultur ein umfassendes ‚Landeskonzept Dekolonisierung‘ zu entwickeln und umzusetzen.“ Weil man das nicht allein machen will, haben sich die Abgeordneten des Kulturausschusses am Montag Experten eingeladen, die Auskunft geben sollten über die Vergangenheit und Gegenwart einer Kolonialpolitik, die mit dem Zwangsverzicht des Deutschen Kaiserreichs auf Kolonialbesitz nicht endete.

Für die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland sprach Tahir Della, der den Antrag der Grünen begrüßte und darauf verwies, dass Flucht und Migration, die im öffentlichen Jargon oft als Krise bezeichnet werden, unmittelbare Folgen der kolonialen Vergangenheit seien. Della führte die bisher eher schwierigen Arbeitsbedingungen zivilgesellschaftlicher Gruppen an und forderte die Einrichtung einer Koordinierungsstelle, die er bei der Organisation Decolonize Berlin angesiedelt wissen wollte. Eine solche Stelle präferierte auch Sylvia Werther vom Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag, die die Koordinierung der vielfältigen Aufgaben aber eher in der Wirtschaftsverwaltung des Senats aufgehoben sah. Ferner müsse das Thema Kolonialgeschichte noch sehr viel stärker in Schulen und Bildungseinrichtungen berücksichtigt werden, so Werher.

AfD betrachtet Aufarbeitung der Kolonialgeschichte als Angelegenheit des Staates

Als dritte Sachverständige der Runde verwies Larissa Förster vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste auf die gerade an den Berliner Universitäten vorhandene Expertise, die jedoch besser zusammengeführt werden könne. So empfahl Förster die Etablierung eines Lehrstuhls, dem die Aufgabe zukommen sollte, die neuen Forschungsagenden in Angriff zu nehmen.

Ganz so einmütig, wie die Zusammenfassung der Ideen erscheinen mag, verlief der Nachmittag im Kulturausschuss allerdings nicht. Die AfD sprach gar von einer Verantwortungsanmaßung. Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte sei eine Angelegenheit des Staates und nicht des Landes Berlin. Das wies Kultursenator Klaus Lederer (Linke) jedoch zurück. Vielmehr handele es sich um eine gesamtstaatliche Herausforderung, an der insbesondere auch die Länder als Träger der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) beteiligt seien. Zudem führte Lederer auch landeseigene Museen wie das Botanische Museum, die Medizinhistorischen Sammlungen und das Naturkundemuseum an, für die Fragen der Provenienzforschung und möglicher Restitutionsforderungen immer wichtiger werden.

Eine Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten ist wichtig

Irgendwann waren alle wichtigen Begriffe im Kulturausschuss einmal gefallen, ohne dass man den Eindruck gewann, diese nun klar geordnet zu wissen. Ohnehin scheint eine Auseinandersetzung über Begrifflichkeiten dringend geboten. Warum zum Beispiel taucht in dem Antrag der Begriff der Diaspora auf, der sich streng genommen auf die Geschichte des jüdischen Volkes im Exil bezieht? Und beim Begriff der Dekolonisierung scheint die Fantasie mitzuschwingen, allein durch die starke Benennung eine Art koloniale Entgiftung zu bewirken, die bloßes Erinnern überbietet.