Berlin - Ein Raumschiff ist in der Berlinischen Galerie gelandet, man darf auf einer schwarzen Leiter hineinklettern. Der Berliner Bildhauer Björn Dahlem hat es in den frisch sanierten Bau an der Alten Jakobstraße gesteuert, der nach fast einem Jahr Sanierungszeit und sechs Millionen Euro Investition am Donnerstagabend wiedereröffnet.

Endlich ist die Zeit des Staubatmens für Direktor Thomas Köhler und seine Mitarbeiter vorbei. Wir gehen vorbei an Landschaften aus Sperrholz , staunen über astrophysikalische Phänomene, umgesetzt in mobileartig schwingende Installationen aus Kunststoff, Draht, Tannenzweigen, Blech, Glas und blitzenden Christbaumkugeln. Man wähnt sich am Rande des Erforschbaren, nahe einer übermächtigen Poesie.

Die defekte Sprinkleranlage war schuld, dass Berlins Landesmuseum für Kunst, Fotografie und Architektur nach zehn guten Jahren im einstigen Glaslager der West-Berliner Senatsreserve die Bautrupps holen musste. Sämtliche Decken wurden geöffnet, um die Leitungen zu erneuern. Damit bekamen die Säle aber auch eine neue Beleuchtung und frische Wandfarben. Was nun gleich vier fulminanten neuen Ausstellungen zugute kommt.

Geschenke für Berlin

Da ist die neue geordnete Dauerausstellung im Obergeschoss, die mit dem Kontrast zwischen gekonnt-akademischer Hofmalerei, impressionistischer, expressionistischer und Dada-Kunst sowie dem Aufbruch figurativer wie abstrakter Kunst der Nachkriegszeit suggeriert, dass Berlin schon seit der Kaiserzeit eine Hauptstadt der Moderne ist. Hier hängen auch die Geschenke pivater Sammler zur Wiedereröffnung: Jörg Thiede überließ dem Haus eine erlesene Kollektion von Gemälden aus der Berliner Secession. Eine Entdeckung ist auch die Morgengabe einer privaten Sammlerfamilie: Werke des heute eher unbekannten, doch in der Kaiserzeit vom namhaften Galeristen Bruno Cassirer vertretenen Expressionisten Benno Berneis wie den fast symbolistischen „Reiter am Meer“. 1914 schon starb der Maler und Pilot im Ersten Weltkrieg.

Die erste große Sonderausstellung im frisch renovierten Haus, in der zentralen Halle und den angrenzenden Erdgeschossgalerien, knüpft an diesen Avantgarde-Ruhm der Kaiserzeit und der Weimarer Republik an. Es geht um die Architektur der durch Kalten Krieg und Mauerbau geteilten Stadt. Zuerst zeigte Berlin in den 1950ern die offensive Konfrontation zwischen Stalinallee und Hansaviertel, sozialistischer „nationaler Tradition“ und kapitalistischem „International Style“. In den 1960ern kam dann auf beiden Seiten der Mauer die Leidenschaft für Großprojekte, Massenwohnungsbau und bunte Pop-Architektur. Der Westen zeigte sich dabei vielfältiger, entsprechend seiner liberalen Gesellschaftsordnung, der Osten strenger, kühler. Aber beide waren geradezu experimentiersüchtig.

In der auffallend schön inszenierten Ausstellung mit Fotografien, Plänen, Zeichnungen und Modellen überraschen Preziosen wie die quirligen Entwürfe Engelbert Kremsers (West) oder die Großhügelhäuser Josef Kaisers (Ost). Oft entdeckt man Bekanntes neu, etwa in Vorentwürfen für den Fernsehturm oder Wohnungsanlagen. Ans Ahornblatt wird erinnert und ans Außenministerium der DDR – waren dessen Fassaden wirklich so filigran wie im Modell?

Die Lust an der Utopie

Eine etwas bösartige Fotoinstallation zeigt die Fenster- und Erkerreihen von Wohnblöcken, - scheiben und -türmen: das Problem der Systemarchitektur. Aber es gab eben auch die beschwingte Organik der West-Berliner Scharoun-Nachfolger Fehling & Gogel, brillante Grundrisslösungen im Massenwohnungsbau und die Lust an der Utopie, etwa am Kulturforum oder am einstigen Lenin-Platz. Die Ausstellung geht breit darauf ein – umso überraschender ist, dass das nicht weniger radikale ICC und die Überbauung der Schlangenbader Straße gänzlich fehlen.

Überraschend ist auch die provinzielle Enge der Perspektive. Berlins Architektur wird wieder einmal als insularer Kosmos begriffen. Dabei hätten schon einige Fotografien etwa aus Warschau die Nähe zwischen dessen Wohnhochhauskultur und derjenigen der DDR gezeigt. Sichtbar geworden wäre so auch, dass die polnische Nachkriegsmoderne der in der DDR ästhetisch oft weit überlegen war. Die Massenwohnungsbauten West-Berlins sind ohne den Einfluss französischer, US-amerikanischer, skandinavischer oder britischer Wohnungsbaureformer undenkbar. Gezeigt werden zwar Fotografien aus Brasilia – das Inspiration für den Umbau des Berliner Stadtzentrums durch die DDR war. Doch Berlins Architektur war auch sonst weit internationaler, als es hier erscheint.

Wenn man dann aber die Enterprise-artig eleganten Entwürfe von Schüler-Witte für ein Turmrestaurant an der Schlossstraße sieht, dazu die witzigen, an Altbauten anzudockenden „Rucksack-WCs“ von Kohlmaier und Satory oder die rosa-blaue Großskulptur Ludwig Leos im Tiergarten, dann scheint der Durchblick zu den surrealen Gemälden des Fred-Thieler-Preisträgers Bernhard Martin in der Ausstellung nebenan nur folgerichtig: Stehen sie doch alle für eine Stadt, die wenigstens manchmal träumen lässt.