Ob es einem passt oder nicht: Die Linke repräsentiert die bürgerliche Mitte in Thüringen. Deshalb gewann sie die Wahlen. Allerdings haben die das immer gleiche herunterbetenden Berliner Spitzen dieser Partei daran keinerlei Anteil – egal, ob sie Wagenknecht oder Bartsch heißen, Riexinger oder Kipping. Denn im Unterschied zu diesen tut sich der Chef der thüringischen Linken weder als ewiger Rechthaber noch als antikapitalistischer Wunderheiler hervor, sondern als prinzipiengebundener Pragmatiker. Das brachte Bodo Ramelow den Sieg: In 38 von 44 Wahlkreisen erhielt seine Partei die meisten Zweitstimmen. Sensationell! Zumal Ramelow im Herbst 2015 Flüchtlinge hilfsbereit und auf Arabisch im Bahnhof Saalfeld willkommen hieß und damit gezeigt hat, dass solche menschlichen Gesten auch in einem ostdeutschen Bundesland honoriert werden.

Wie bei den Landtagswahlen 2014 erwiesen sich die CDU-Oberen als miserable Verlierer. Wie besessen schnatterten sie am Wahlabend, ihre Partei sei zwischen „den beiden Extremen AfD und Linke zerrieben“ worden. Genauso verlogen oder realitätsblind war die ständig wiederholte weinerliche Behauptung, die bürgerliche Mitte hätte nach dieser Wahl „zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik keine Mehrheit mehr“, um gegen die „beiden Extreme“ regieren zu können. Mit solchen Schutzbehauptungen bemäntelt die CDU nicht nur das eigene Versagen: Sie verhöhnt die Wähler. In Thüringen gibt es eben nur ein Extrem: die AfD.

Ramelow konnte aus dem Lager der Nichtwähler deutlich mehr Stimmen holen als die CDU; letztere verlor doppelt so viele Stimmen an die AfD wie die Linke. Allem Geschwätz der CDU- und der FDP-Granden zum Trotz – und anders als in Sachsen, wo die Linke prozentual besonders viele Stimmen an die AfD abgab – konnte die Ramelow-Partei die bürgerliche Mitte erfolgreich festigen. Sie gewann die am besten gebildeten Wähler des Landes, vor allem auch Wählerinnen. Denn es waren neben der regionalen Linken die Thüringerinnen, die den Vormarsch der AfD gebremst haben. Während 29 Prozent der Männer für die AfD stimmten, taten das nur 18 Prozent der Frauen. Dafür meinen speziellen Dank!

Ich empfehle einen Blick auf die Alterszusammensetzung der Thüringer SPD-Wähler

Erwartungsgemäß behauptete die SPD, sie habe auch deshalb so schlecht abgeschnitten, weil die Bundesregierung nicht die von ihr gewollte Grundrente verabschiedet habe. Da empfehle ich einen Blick auf die Alterszusammensetzung der Thüringer SPD-Wähler. Denn trotz des Getöses von Kevin Kühnert und des vermeintlich modernen basokratischen Getues erhielt die SPD bei den Unter-25-Jährigen lediglich fünf Prozent (weniger als die FDP!), wohingegen ihr die Über-60-Jährigen mit elf Prozent die Treue hielten. Die jungen Leute fragen nämlich: Wer soll all diese Wohltaten für die Senioren bezahlen? Und ich behaupte: Mit einer bedingungslosen Grundrente à la Hubertus Heil (SPD) wird man keinen einzigen AfD-Wähler für die demokratische Mitte zurückgewinnen! Vielmehr fehlt es an überzeugenden, klar und problembewusst argumentierenden Politikern. Sie sind, wie man an Bodo Ramelow und wenigen anderen sieht, in der Lage, Wähler zu überzeugen, gleichgültig, welche Partei sie vertreten.

Ob die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zu diesem Kreis gehört, bezweifle ich mittlerweile mit Bedauern. Sie hatte ihre Chance.