Besuch im Fernsehstudio: Rose (Hannelore Elsner, l.), ihre Tochter Nina (Marlene Morreis) und ihr Lebensgefährte Werner (Günther Maria Halmer)
WDR

In ihrem letzten Film spielt die krebskranke  Hannelore Elsner eine krebskranke Frau, die ihr Leben nicht loslassen will. Ein Jahr nach dem Tod der Schauspielerin im April vorigen Jahres kommt dieser Film, den sie selbst nicht mehr vollenden konnte, ins Fernsehen. Was sich nach einem schweren Stück Erinnerungsarbeit anhört, ist in Wahrheit eine leise, manchmal auch laute, aber in jedem Falle lebenszugewandte, tragische Komödie. Sie sei schon ein „seltenes Miststück“ gewesen, sagt Werner (Günther Maria Halmer) einmal über seine Frau Rose (Elsner) und es klingt natürlich wie eine Liebeserklärung.  

Tochter Nina (Marlene Morreis) blickt nicht ganz so entspannt auf die Zeit mit ihr zurück. Von ihrem Therapeuten, den sie seit etlichen Jahren besucht, um ihre Mutter überhaupt ertragen zu können, hat Nina in diesem Zusammenhang das    wunderbare Wort „Alltagssadistin“ gelernt. Als sie das Rose an den Kopf knallt, erwidert diese: „Du machst eine Therapie? Meinetwegen? So ein Quatsch.“ Eine  ganz normale Mutter-Tochter-Beziehung also.

In der auch ein Sohn vorkommt. Der wie in solchen Konstellationen üblich allerdings nicht das Problem ist. Leon (Ole Puppe), ein Musiker, kümmert sich zwar kaum um seine Mutter, spielt aber immer mal ein Lied für sie, das tieftraurige „Miss Otis Regrets“ von Cole Porter zum Beispiel. Am Telefon, kurz nachdem sie gestorben ist. Der Tod steht am Anfang dieses Films und an seinem Ende. Dazwischen findet das Leben statt.

Nina ist Mitte vierzig, sie hat mal Schauspiel studiert, muss sich heute aber als Moderatorin eines Shoppingkanals in bescheuerte Kostüme zwängen, um bescheuerte Produkte zu verkaufen. Kinder hat sie keine, was auch daran liegt, dass es mit den Männern nicht so  klappt. In ihrer Not täuscht sie eine Schwangerschaft vor, um ihre Mutter zu beeindrucken. Was diese sofort durchschaut.

Da wäre also eine Tochter, die alles falsch macht und ein Sohn, der perfekt ist. Ein Leben lang hat diese Konstruktion gehalten. Jeder kannte seine Rolle, jeder war des anderen Souffleur. Und plötzlich fällt alles auseinander. „Ich habe mit Mama telefoniert“, sagt der Bruder. „Du sollst dich nicht aufregen. Sie hat Krebs.“ Dazu muss man wissen, dass Leon in Marseille lebt und Nina in München, ein paar Autominuten von ihrer Mutter entfernt. Warum hat sie nicht mit ihr geredet? Woher diese Distanz?

Bei einer ihrer letzten Begegnungen sagt Rose zu ihrer Mutter: „Ich könnte auf den Mars fliegen oder einen Impfstoff gegen Krebs erfinden, du würdest trotzdem immer noch ein ,aber’ finden!“ Darauf Rose kühl: „Du willst meine Anerkennung? Ich habe doch auch keine bekommen.“ Es ist ein Generationenvertrag der besonderen Art, der sie verbindet. Gespielt wird Rose in dieser Szene nicht von Hannelore Elsner, sondern von Iris Berben. Das ist, wenn man so will, der Clou dieses Filmes. 

Weil Hannelore Elsner aufgrund ihrer Krankheit die Dreharbeiten nicht zu Ende führen konnte, musste man eine honorige, schließlich aber auch praktikable Lösung für diese Problematik finden. Es fehlten nur noch fünf Szenen und so engagierte die Produktion für jede dieser Szenen eine andere Schauspielerin, die nun auf diese Weise ihrer Kollegin Referenz erweisen dürfen. Neben Iris Berben sind Eva Mattes, Gisela Schneeberger, Judy Winter und Hannelore Hoger in zum Teil winzigen Gastauftritten zu sehen.

Da ein Film nicht chronologisch abgearbeitet wird, ziehen sich diese Zwischenspiele durch die gesamte Geschichte, was der Figur der Rose auf eine originelle Weise – falls man das   so sagen darf – Komplexität verleiht. Neben Hannelore Elsner, die in manchen Szenen so zart und zerbrechlich wirkt, dass man ihrem Verschwinden zuzuschauen meint, trumpft Iris Berben als kaltschnäuzige Matriarchin auf, während Hannelore Hoger eine äußerst liebevolle Seite dieser Frau offenbart. Wie sich „Lang lebe die Königin“ (Drehbuch: Gerlinde Wolf; Regie: Richard Huber) überhaupt durch einen subtilen Wechsel der Stimmungen auszeichnet.

In einer lustigen Szene platzt die Mutter unversehens in die Sendung ihrer Tochter hinein, die gerade einen elektrisch betriebenen Massagesessel promotet. Rose lässt sich vor laufender Kamera in das Ding fallen und behauptet, es sei besser als Sex. Klingt geschrieben, na ja, nicht so umwerfend. Ist aber umwerfend gespielt. Todesahnung muss Slapstick nicht ausschließen. Und Peinlichkeit schon gar nicht.

Dass dieser Film die    Balance zwischen Albernheit und Tragik nie so ganz verliert, ist auch ein Verdienst von Marlene Morreis als Tochter Nina. Man tut Hannelore Elsner nicht unrecht, wenn man die jüngere Kollegin als Entdeckung des Films preist. Sie spielt die Frau, die  gerade dabei ist, sich neu zu sortieren, als blöderweise das Sterben der Mutter dazwischenkommt, mit hinreißend verpeiltem Charme.

Ihr Abschied im Krankenhaus ist herzzerreißend. Wenigstens am Ende des Lebens kann es Nina ihrer Mutter einmal recht machen.

In ihrer letzten Filmszene liegt Hannelore Elsner in einem offenen Sarg. Ein Lächeln im Gesicht.

Lang lebe die Königin

29. April 2020, 20.15 Uhr, ARD