Verleger Silke und Holger Friedrich
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

„Langeweile“ …

… ist ein Song der Rockgruppe Pankow aus dem Jahr 1988. Mit seinem Erscheinen wurde deutlich, dass die DDR ein Ende finden würde, ein baldiges Ende womöglich, denn die zentrale Textstelle darin lautet: „Dasselbe Land zu lange geseh'n, dieselbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt. Ich bin rumgerannt, zu viel rumgerannt, ist doch nichts passiert.“

Als uns Alexander Osang unmittelbar nach unserem Kauf des Berliner Verlags für den Spiegel interviewte, startete das Gespräch mit der Feststellung, dass wir eher mit Pankow und deren Song-Heldin Inge Pawelczik als mit Heidegger sozialisiert worden sind. Und dass dies zu Zeiten des Mauerfalls und all die Jahre danach prägend, ja der Kauf des Berliner Verlags eine persönliche Reaktion auf die von uns empfundene strukturelle Langeweile war — gerade mit Blick auf den Diskurs über Berlin, über Deutschland und Europa. Etwas Elementares ist vor 30 Jahren durch den Westen beiseitegeschoben worden, etwas, das heute schmerzlich fehlt. Weshalb diese Stadt, dieses Land und ja, selbst der ganze Kontinent inzwischen auf viele ebenso „langweilig“ nur um sich selbst kreisend wirken wie die DDR in den späten Tagen ihrer Existenz.

Würden wir selbstehrlich und an zukünftigen Herausforderungen ausgerichtet agieren, müsste dieses Land also keineswegs „langweilig“ sein.

Silke und Holger Friedrich

Ungerechtigkeit zwischen den Generationen und umweltpolitische Ignoranz, technologische Hilflosigkeit und Fortschrittsangst, Meinungshysterie, das Auseinanderlaufen der Gesellschaft nach links wie rechts und ein seit Jahren anhaltendes Unvermögen etablierter Parteien, souverän auf solche Eskalationen zu reagieren: Das sind die Symptome dieser Entwicklung. Bei uns im Osten Deutschlands Sozialisierten kommt mittlerweile hinzu, dass wir mit der Erfahrung des friedlichen Systemwechsels von 1989 sehr wohl um die Chancen echter struktureller Veränderungen wissen, zudem ein feines Gespür für doppelte Standards, für Doppelmoral entwickelt haben. Würden wir selbstehrlich und an zukünftigen Herausforderungen ausgerichtet agieren, müsste dieses Land also keineswegs „langweilig“ sein, auch das war Teil des Gesprächs mit dem Spiegel.

Also machten wir uns an die Arbeit. Und fanden uns nach den ersten Reaktionen der Mitarbeiter im Verlag und in der Öffentlichkeit darin bestätigt, dass unsere persönliche Entscheidung für Berlin und gegen ein Leben in London oder Paris richtig war.

Heute lesen Sie die erste Ausgabe der Berliner Zeitung nach ihrer Rückkehr in die Hände von Berlinern. Viele Mitarbeiter des Berliner Verlags haben in den letzten Wochen neben den Tagesausgaben Zusätzliches geleistet, um diesen ersten Impuls zu ermöglichen, dem weitere folgen werden. Als Neu-Verleger möchten wir ihnen ein herzliches DANKE sagen für den Mut, sich auf uns einzulassen, denn vieles ist neu im Umgang miteinander. Stellvertretend für viele seien an dieser Stelle Jochen Arntz, Bettina Cosack und Sabine Rennefanz genannt, die in den letzten Tagen offen und energisch vorangegangen sind. Wir sind gemeinsam der Meinung, dass die vierte Gewalt im Staat angesichts von Globalisierung und Digitalisierung beweisen muss, dass Antworten möglich sind. Auch und gerade eine Berliner Zeitung muss beweisen, dass sie vermitteln kann in der anwachsenden Komplexität; dass sie transparent machen muss, wenn im Trüben gefischt und in den viel zu groß gewordenen Grauzonen unzulässig oft leistungsfrei profitiert wird. Sie sollte denen, die einen friedlichen, leistungsorientierten und nachhaltigen Beitrag leisten, ein professioneller Unterstützer sein. Die vierte Gewalt sollte sich nicht darauf beschränken, mit dem Fahrstuhl auf und ab zu fahren und den primär am Fahrstuhlfahren Interessierten den Weg zu ebnen. Eine vierte Gewalt darf keinesfalls mit doppelten Standards agieren. Dort, wo sie es wiederkehrend und mit großer Selbstgewissheit tut, verliert sie Glaubwürdigkeit, zwangsläufig!

Ute Freudenberg singt „Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt“

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Zurückkommend auf Musik aus der DDR haben wir uns an einen sogar 40 Jahre zurückliegenden Song erinnert, der formuliert, was uns beide Ende August, in der Schlussphase des Kaufs des Berliner Verlags, immer wieder aufs Neue motiviert hat, die Verhandlungen nicht scheitern zu lassen. In „Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt“ von Ute Freudenberg ist die Berliner Zeitung eines der Text-Motive, und es wird mit den Zeilen „…Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt, wie weit ist es, dass man nie die Frage anders stellt, …“ auf sanfte Art ein großer Anspruch formuliert, der auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR in einem wiedervereinigten Deutschland nicht erfüllt scheint. In der DDR war es aus bekannten Gründen bis kurz vor ihrem Ende außer im Sport nicht möglich, diesem Anspruch Raum zu geben. Doch warum realisiert er sich nicht im vereinten Europa, nicht im wiedervereinigten Deutschland oder im hastig zusammengestürzten Berlin?

Wir als neue Verleger fragen uns, warum die lokale wie auch die bundesdeutsche und die europäische Politik nicht adäquat auf eine sich beschleunigende Welt reagiert. Und was uns mehr für die Zukunft hilft: Weiterhin ausufernde Überhangmandate auf Sommerfesten zu diskutieren - oder zu hinterfragen, wie den für die parlamentarische Demokratie als relevant einzuschätzenden Herausforderungen souverän und konsequent begegnet werden kann. Wir fragen uns, ob unsere Politiker tatsächlich annehmen, dass wir als Bürger Europas die undemokratische Verteilung von Posten in Brüssel nicht sehen können; dass uns nichts auffällt, wenn der Bürgermeister Berlins durch die Welt reist und als Anregung den Mietendeckel — woher nochmal? — mitbringt.

Wir fragen uns, ob wir nicht besser alle zwei Jahre und vielleicht auch mit unseren Smartphones wählen sollten, um der Geschwindigkeit um uns herum gerecht zu werden. Oder ob es zwingend durchzusetzen gilt, dass eine exponierte Situation wie die Ratspräsidentschaft, die Bundeskanzlerschaft oder die Bürgermeisterei Berlins nicht mehr als zwei Legislaturperioden durch dieselbe Person besetzt sein dürfen. Das Argument, die Zeit zu benötigen, kennen wir aus der Industrie, von denen, die die eigene Person und nicht die Ergebnisse in den Vordergrund stellen. Denn welche Entscheidung benötigt mehr als zwei Jahre und warum sind wir nicht in der Lage, Entscheidungen und deren Umsetzung strukturell zu trennen?

Wir fragen uns, ob Sachkompetenz in der Politik nicht hochwillkommen sein sollte, auch wenn die Lebensentwürfe kompetenter Menschen mitunter nicht einer Orientierung am kleinsten gemeinsamen Nenner entsprechen. Welchen Preis zahlen wir heute und zahlen morgen unsere Kinder, wenn wir uns diese(r) Frage nicht stellen? Und wir fragen uns, warum der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit dem vielen Geld aus unseren GEZ-Gebühren nicht zählen, messen und wiegen kann. Um daraus abzuleiten, welche Themen in welcher Tonalität übergeordnet moralisch und welche faktenbasiert kommentiert werden sollten. Für diese Ausgabe haben wir selber gezählt, gemessen und gewogen. Um festzustellen, ob die Große Koalition der aktuellen Legislaturperiode als die langsamste, durchsetzungsschwächste und ergebnisärmste seit Helmut Kohls Regierung im Jahre 1990 gilt. Gezählt, gemessen und (ab-)gewogen von Köpfen, die im Hauptberuf Spieler und Spielverläufe für die Sportwelt statistisch erfassen. Herausgekommen ist keine Meinung, sondern der Fakt, dass Frau Merkel die bisher fleißigste und schnellste Regierungschefin war. Es besteht zudem die erhöhte Wahrscheinlichkeit, trotz der Verzögerungen während des Starts der Legislaturperiode, dass sie an ihren erfolgreichen Stil in den späten Phasen einer Legislaturperiode anschließen kann. Merkel muss weg! kann man sagen, rufen, brüllen - doch sollte auch gesagt werden, wie postfaktisch dies bei Betrachtung der Fakten wirkt.

Im Ergebnis müssen wir konstatieren, dass uns diese lauten, faktenarmen Meinungen langsamer machen, während um uns herum so vieles schneller passiert. Dass das Selbstverständnis vieler Politiker und der einsatzfindenden Machtmechanismen nicht mehr den Anforderungen der Realität entsprechen und es zu reagieren gilt. Mangels einleuchtender Alternativen machen längst viele Wähler genau das, mit teils fatalen Konsequenzen für die Verteilung der Kräfte im Land. Vielleicht bietet der sich zusehends leerende Kalender des Bundeskanzleramts Gelegenheit zur kritischen Reflexion im erweiterten Sinne des Heimatschutzes, falls notwendig auch unter Nutzung der Richtlinienkompetenz? Es ist absehbar, dass die Seminargebühr aus dem Handeln der Schlafwandler 1914 bald gezahlt sein wird.

Denn eines wird bei Beobachtung des aktuellen Weltgeschehens deutlich: Die Kriege des letzten Jahrhunderts und mit ihnen der Blutzoll, der Zivilisationsbruch auf allen Seiten, geraten mehr und mehr in Vergessenheit. Neue geostrategische Talente haben sich auf den Weg gemacht, mit den gleichen alten, imperial orientierten Machtmustern. Wie wollen wir denen in den Arm fallen, wenn nicht durch gelehrte Strenge und mit Angeboten, die interessanter sind als ein Appell an Spielregeln einer verstaubten Diplomatie?

Warum etwa haben wir 2001 die ausgestreckte Hand von Herrn Putin nicht ergriffen? Er sprach in unserem Haus und auf Deutsch, es war gut zu verstehen. Auch er dürfte sich nach seiner Rede an die Zeit vor 1989 erinnert gefühlt haben, dürfte ob der Reaktion unserer politischen Eliten gelangweilt gewesen sein. Die russische Aufrüstung der letzten zehn Jahre, die Krim und Donezk sind Folgen von etwas, nicht einfach vom Himmel gefallen. Reden wir darüber? Offen, ehrlich und mit Blick auf die Chancen für Russland und Europa, für Deutschland und Berlin? Und reden wir nicht nur mit ihm darüber, wie verantwortungslos es heute ist, neue Atomwaffen entwickeln zu lassen, obwohl der Gödelsche Unvollständigkeitssatz in Wikipedia für jeden nachlesbar ist. Neue Zeit, alte Muster, auch das wirkt wie von 1988.

Massen von Daten sind verfügbar, ganz öffentlich und legal. Wir beide wissen aus beruflicher Erfahrung um die Macht von Daten, ihren Nutzen im Einsatz beispielsweise im Gesundheitswesen oder bei der agilen Organisation von Arbeit. Wir sehen, wie sich Einzelne auf den Weg machen und auch, dass sich andere verweigern. Wir beobachten insgesamt, dass in Deutschland nicht schnell genug gelernt wird, diesen Datenschatz zum Wohle aller zu nutzen. Als Berliner Zeitung werden wir daher beispielhaft mit den Vertretern der Sozialpartner zu diskutieren haben, wie künftig mit dem Verbot der Verhaltenskontrolle und den an unsere Türen schlagenden Social-Scoring-Systemen umzugehen ist. Die einen nutzen Daten und die anderen verbieten es, Daten zu erheben, obwohl wir das fortschrittlichste Datenschutzrecht zur Durchsetzung unserer informationellen Selbstbestimmung in der EU unser Eigen nennen – Maschinenbauer gegen Maschinenstürmer, Fortschritt gegen Reaktion, Pragmatismus gegen Nostalgie. Auch das „langweilt“ viele in diesem Land, gerade die aus der jüngeren Generation.

Wir fragen uns auch, ob die herkömmliche Mitbestimmung nicht zu einem von Grund auf ungerechten Werkzeug zur Durchsetzung der Interessen von immer älter werdenden Best-Agern gegenüber der jüngeren Generation zu verkommen droht. Was, wenn die 140 Länder der Welt diese Zusammenhänge sehen, die gut ausgebildeten Köpfe der jüngeren Generation umwerben und willkommen heißen? Warum haben wir im Gegenzug in Deutschland wie auch Europa noch immer keine Regelungen für legale Einwanderung, die es verdient, eine gute Regelung genannt zu werden? Könnte es sein, dass wir für das Fehlen solcher Gesetze bereits heute einen enorm hohen Preis zahlen? Denn es ist doch so: Hätten die Eltern von Sergey Brin damals ihren Weg aus Moskau statt in die USA nach Deutschland gefunden, müssten heute keine Kampagnen gegen eine technisch brilliante Firma wie Google geführt werden, die Europas Verlegern die Erträge schmälert. So etwas ärgert, das verstehen wir. Doch pikiert zu reagieren und mittels Lobbyismus Wettbewerb einzuschränken, erinnert im Selbstverständnis an den SED-Chefideologen Kurt Hager. Und wie es endet, besingt Wolf Biermann in der Ballade von den verdorbenen Greisen.

Ballade von den verdorbenen Greisen von Wolf Biermann

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Es ist uns wichtig, an dieser Stelle zu sagen, dass der einzig noch Lebende der hier namentlich Besungenen neben anderen im Herbst 1989 die Größe hatte, doch keinen Befehl zur Anwendung von Gewalt zu geben. Wohl wissend, dass er damit seine hohe soziale Stellung aufs Spiel setzte, auch einen möglichen Verlust des eigenen Lebens in der Entscheidung zu berücksichtigen hatte. Egon Krenz hat mit dieser persönlichen Entscheidung Millionen Menschen selbstbestimmte, positive Lebenswege ermöglicht, die uns unter anderem diesen Text in dieser Zeitung veröffentlichen lassen. Dafür sind wir ihm dankbar und möchten fragen, ob es in gleichem Maße groß war, ihn neben anderen zu viereinhalb Jahren Haft zu verurteilen. Sicher, ein Systemwechsel ohne Tote ist nicht der Verdienst eines Einzelnen. Dennoch, ja gerade deshalb: Vor 30 Jahren ist etwas gelungen, das wir fortschreiben könnten, wenn wir uns auf Wesentliches verständigen.

Gerade zum Jubiläum des Mauerfalls mag es auch wesentlich sein, daran zu erinnern, dass am 18. April 2015 vor Sizilien an einem einzigen Tag dreimal mehr Menschen umgekommen sind, als in 27 Jahren an der Mauer tragisch zu Tode kamen. Wir wissen, wie inhuman eine solche Aufrechnung bleiben muss. Doch wird es nicht Zeit zu fragen, welche Ideologie, welche Religion oder welcher Wirtschaftsraum heute auch nur einen einzigen Toten rechtfertigt? Wir haben den Kannibalismus hinter uns gelassen, das Verbrennen von Frauen auf Scheiterhaufen, auch die Todesstrafe - und doch: wie viel weiter sind wir tatsächlich mit dem Tod des dreijährigen Alan Kurdi im Mittelmeer gekommen?

Es ist gesamtgesellschaftlich akzeptiert, die DDR auch wegen ihres Grenzregimes einen Unrechtsstaat zu nennen. Ist Europa mit all den Toten an seinen Außengrenzen, dem stetigen Aufrüsten zur Überwachung des Mittelmeers demnach ein noch größerer Unrechtsstaat, werden uns später unsere Kinder fragen. Können wir diese Frage mit gleicher moralischer Kraft beantworten? Es gibt noch viele Mauern, die es zu stürzen gilt. Womöglich schafft es ja der deutsche Pavillon bei der kommenden Architektur-Biennale in Venedig, die Aussagekraft von Christoph Büchels diesjähriger Installation „Barca Nostra“ — ein Schiffswrack, in dem an diesem 18. April 2015 mindestens 800 Menschen elendig ertrunken sind — bezüglich unseres europäischen Egoismus fortzuschreiben. Und so wie wir Herrn Krenz dankbar sein müssen, sollten wir Frau Merkel dankbar sein dafür, dass wir im „Sommer des Willkommens“ von 2015 beweisen konnten, auch anders zu können. Er wird späteren Generationen als Zeugnis  zivilen Muts und als Beleg dafür gelten, dass weder regionale noch nationale Egoismen ganz Raum greifen konnten, zumindest nicht in Deutschland.

In diesem erweiterten Kontext sollten wir ebenso fragen, warum Halle passieren konnte. Warum ein junger Mann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohne jeden persönlichen Kontakt zur jüdischen Religion und Kultur diese unverzeihlichen Taten begeht. Vielleicht hat Ronald Lauder bei seinem Besuch nicht nur zwischen den Zeilen hören können, dass es junge Menschen sind, nicht Ältere in bekannten Mustern agierende, die neue Feindbilder entwickeln und zu Taten schreiten. Und bestimmt hat es ihn wütend, noch bestimmter hat es ihn traurig gemacht, dass er in der dritten Generation nach dem Holocaust einen deutschen Ort besuchen muss, an dem gemordet wurde. Und vielleicht gab es einen Moment des Innehaltens, ob die bisherigen Handlungsmuster in dieser sich verändernden Welt noch so exakt tragen, wie es sich jeder, der Verantwortung trägt, wünscht.

Damit wir dauerhaft friedlich und wechselseitig unverdächtig miteinander sein können, braucht es einen erweiterten Lösungsansatz, vielleicht auch ein Agieren in anderen Formaten. Der Ruf nach noch höheren Mauern, nach mehr Polizei und Geld, ja selbst das reflexhafte Verstärken dieser Rufe durch die immer gleichen bedeutenden Menschen, in immer denselben Medien, dazu noch der gern im Befehlston formulierte Ruf nach dem Rechtsstaat — weitergedacht führt uns das wohin, genau?

„Deutschland“ von Rammstein

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Offenbar wurde dieser Konflikt im Reflexhaften beispielhaft nach Veröffentlichung von „Deutschland“ durch Rammstein. Ein Songtext mit den Zeilen „… Deutschland, mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen, Deutschland, dein Atem kalt, so jung, und doch so alt, Deutschland! …“ , mit dem Anspruch vorgetragen, damit vor der Welt erfolgreich zu bestehen: Das ist die Arbeit inspirierter, poetisch wie strategisch versierter Künstler. Sie sollte gesehen werden, und einer Diskreditierung gilt es kopfschüttelnd zu begegnen, sofern man nicht doch gelangweilt abwinken möchte. Wir tragen Scham in uns, für die Taten unserer (Ur-)Großeltern, und wir können stolz auf unsere Kraft sein, zu dieser Scham zu stehen und unsere Schuld abzutragen. Nur wenige Nationen sind in der Lage, kollektiv zu erkennen, dass sie anderen Nationen oder Ethnien Unrecht angetan haben, noch weniger sind bereit, ihrer Opfer zu gedenken, und um wie viele Nationen wissen wir, die es soweit brachten, ihren Opfern Mahnmale zu bauen? Vielleicht haben wir Deutschen mit dem friedlichen Systemwechsel 1989, mit der Einweihung des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlins Mitte 2005 und mit der Öffnung der Grenzen 2015 gezeigt, dass wir auch für andere interessante Gesprächspartner sein können, wenn es scheinbar Auswegloses zu diskutieren gilt.

Und mit der Erfahrung aus einem Schulprojekt sowie als Eltern von drei Kindern stellt sich uns die Frage, wie weit unser Verständnis von moderner Bildung in diesem Land trägt. Einer Bildungspolitik, die Kinder ihrer Möglichkeiten beraubt und in gleichmachende Mechanismen zwingt, die weder ihren Persönlichkeitsmerkmalen noch ihren mentalen Fähigkeiten entsprechen. Einer Bildungspolitik, die sich nicht am Wohl der Kinder orientiert, sondern an Parteiinteressen, weswegen das deutsche Schulsystem heute keine einheitlichen Abiturfragen, geschweige denn eine Kompatibilität zu den Weltsprachen gewährleisten kann. Wir verstehen nicht, warum nicht offen darüber diskutiert werden kann, ob das heutige Bildungssystem das Land stärker spaltet, ob es weit weniger durchlässig ist, als wir es uns alle wünschen. Nur kräftige Kinder oder Eltern, die diese Zwänge erkennen und darauf reagieren, können sich befreien, während andere Kinder oder Eltern der Chance beraubt werden, den passenden Weg in dieser neuen Zeit zu finden. Im Ergebnis produzieren wir damit Verlierer, die der Welt mitunter auch gewalttätig mitteilen, keine Verlierer sein zu wollen. Denn sie haben nicht gelernt, wie man später im Leben gewinnt, beruflich und überhaupt, keiner hat ihnen das Rüstzeug dazu geboten.

Damit verstellen unsere Bildungspolitiker, ob aus Unkenntnis oder mit Vorsatz, viel zu vielen die Chance auf Durchblick, Selbstkenntnis und den daraus folgenden persönlichen Erfolg. Deswegen stellt sich die Frage, warum die in einer sich globalisierenden Welt den Föderalismus kultivierende Kultusminister-Konferenz nicht als eine den Extremismus fördernde Organisation betrachtet wird. Ist das wirklich eine so absurde Frage? Wir haben den weltweit führenden Bildungspolitiker Andreas Schleicher und Erfinder der PISA-Test gebeten, bei der OECD in Paris mit dem Berliner Bildungspolitiker Mark Rackles ins Gespräch zu kommen. Es ist ein Akt zivilen Ungehorsams und ein Versuch aufzuzeigen, warum in heutigen Zeiten eine  Verbeamtung von Lehrern von allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten die am kürzesten gedachte, teuerste und für die Zukunft der Kinder weitaus riskanteste Variante ist. Mit den Werkzeugen preußischer Staatsraison des 18. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert agieren, ist das sinnvoll? Die Idee einer Absicherung durch Verbeamtung folgte damals dem Motiv, den partiell korrupten und, noch wesentlicher, meist inkompetenten Landadel durch Profis zu ersetzen. Wir machen den handelnden Personen keinen Vorwurf, sie wissen es nicht besser. Unsere Frage lautet vielmehr, warum sie nicht lernen wollen, an Zahlen und anderen messbaren Ergebnissen, und dies in Berlin seit mehr als zwanzig Jahren. Und warum sie meinen, mit so viel Unwilligkeit zu lernen, gerade das Lernen verwalten zu können.

Sie merken es: Wir hoffen, mit unserem Erwerb des Berliner Verlags einen Beitrag bürgerlichen Engagements leisten zu können, einen Beitrag zur außerparlamentarischen Opposition in neuem Format, auch im Sinne bürgerlicher Selbstermächtigung. Überraschend für uns, wurden wir von den ersten Minuten an breit unterstützt. Viele Menschen haben sich angeboten zu helfen, weswegen wir überhaupt nur in der Lage waren, beispielsweise die IT-Systeme des Verlags nicht in Dekaden, nicht in Jahren, auch nicht in Monaten, sondern in Wochen zu modernisieren. So konnten wir eine hochsichere digitale Infrastruktur für die Berliner Zeitung integrieren, durch die weltweit mit uns anonym Kontakt aufgenommen werden kann. Die gleiche Technik, die gleichen Sicherungseinrichtungen, wie sie auch The Guardian nutzt, um mit Wikileaks zu kommunizieren. Wir sind also unter uns, wenn wir wollen. Ebenso sind wir in der Lage, Artikel gegenüber Suchmaschinen unsichtbar zu machen, und, sofern notwendig, auch die ganze Zeitung. In einer Auseinandersetzung mit Tech-Plattformen könnten wir also nicht bloß Parolen, sondern technischen Sachverstand nutzen. Wir haben der Zeitung neue Rubriken gegeben, die den neuen Lebenswirklichkeiten näherkommen, und wir laden alle ein, in diesen Rubriken immer wieder Neues und Spannendes zu entdecken. Die geraden und die queren Geschichten, die lauten und die leisen, von guten wie von bösen Menschen. Und da wir annehmen, dass auf diesem Planeten (und vorneweg in Berlin) die Guten nie ganz gut und die Bösen nie ganz böse sind, wollen wir die Redakteure und Autoren der Berliner Zeitung nach Kräften darin unterstützen, diesem Spektrum auch den Raum zu geben, den es verdient.

Lassen Sie uns dankbar dafür sein, dass wir diesen Text straffrei schreiben und Sie diesen Text straffrei lesen dürfen. Diese Freiheit gilt es, in allen Dimensionen zu verteidigen.

Silke und Holger Friedrich

Wir laden ein, die Pluralität dieser Gesellschaft zu beweisen, auch deren Widerstandsfähigkeit. Lassen Sie uns dankbar dafür sein, dass wir diesen Text straffrei schreiben und Sie diesen Text straffrei lesen dürfen. Diese Freiheit gilt es, in allen Dimensionen zu verteidigen. Ja, wir betrachten diesen Schritt auch als einen hinein in den Wettbewerb der Systeme — einen Wettbewerb um die besseren Ideen, keinesfalls als einen zwischen längst diskreditierten oder aktuell ineffizienten Systemen. Denn nein, dieser Wettbewerb ist noch lange nicht zu Ende. Die letzte Spielzeit hat 30 Jahre gedauert, das Ergebnis ist ernüchternd, und nun ist die nächste Spielzeit eröffnet. Union spielt in der Bundesliga, wir haben wieder Klassenkampf in der Stadt, wir gewinnen und bleiben trotzdem fair. Eisern!

Amazon, Google und Siemens kommen nach Berlin, und unsere Politiker dürfen zu Hause die Globalisierung lernen. Berlin weist das größte Wirtschaftswachstum aller Bundesländer auf, deklassiert darin selbst die Bayern, Hessen oder Baden-Württemberg, zudem beherrschen wir das Hochdeutsche.

Und ganz bestimmt schaffen wir es nach der nächsten Wahl, eine Stadt für das 21. Jahrhundert zu bauen. Für alle und jeden, denn jetzt haben wir den Mietendeckel, an dem wir messen, zählen und wiegen können, wieviel neuen Wohnraum er schafft. Gar nicht so langweilig, weil wir Handelnde nun dafür verantwortlich machen können, wie viel Geld, wie viel Baukapazität die Stadt Richtung Umland verlassen wird, statt unsere Stadt moderner und zukunftsfest zu machen, auch mit Hilfe von verantwortlich handelnden Investoren.

Nun haben Sie es also schriftlich: Mit dem Kauf des Berliner Verlags wollen wir versuchen, der sich ausbreitenden strukturellen Langeweile in dieser Stadt, in diesem Land eine mediale Plattform entgegenzusetzen. Und ja, vielleicht sind wir mit unserem Eindruck nicht repräsentativ. Doch wir werden Mühe, Leidenschaft und den versammelten großen Verstand dieses Verlags in die Waagschale werfen, damit es uns gelingt, zu überzeugen. Unser Ziel ist, dass niemand mehr unserer Stadt den Rücken kehren möchte, weil sie im Sinne des gleichnamigen Pankow-Songs „langweilt“. Wir wünschen uns, als Land für die Klugen, Anständigen und Ehrgeizigen dieser Welt ein Wunschort zu werden, weil hier Selbstbestimmung mit sozialer Sicherung und Eigenverantwortlichkeit mit Fairness in Harmonie gebracht werden. Wir spüren nicht bloß, wir wissen, dass in dieser Stadt und in diesem Land mehr möglich war und wieder sein sollte.

Fühlen Sie sich daher eingeladen, mitzugestalten. Geben Sie uns Hinweise, damit wir berichten können; reichen Sie Artikel ein; kaufen Sie diese Zeitung im Netz, am Kiosk oder, besser noch, abonnieren Sie uns als Akt kultureller Selbstvergewisserung. Fordern Sie den Verlag, holen Sie das Beste aus uns heraus! Und vielleicht probieren wir es als Berliner miteinander, egal wo wir leben, und ziehen zeitnah Bilanz. Denn ob Sie es glauben oder nicht: Langweilig ist uns seit ein paar Tagen nicht mehr!

Daher verbleiben wir mit den besten Wünschen und mit dem Gedanken: von Berlinern, für Berliner!

Silke und Holger Friedrich

silke.friedrich@berlinerverlag.com

holger.friedrich@berlinerverlag.com