Berlin - „Wie spreche ich divers? Wie schreibe ich gendergerecht?“ – das frisch erschienene „Praxis-Handbuch für Gender und Sprache“ von Lann Hornscheidt und Ja’n Sammla fügt der Debatte ums „Gendern“ eine vernachlässigte Dimension hinzu: Es berücksichtigt Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau verstehen und für die das Deutsche allenfalls via Gendersternchen Platz schafft. Sabine Rohlf traf Lann Hornscheidt am Landwehrkanal zum coronakorrekten Gespräch über Pronomen, Privilegien und einen Briefwechsel mit der GEZ.

Lann Hornscheidt, Sie forschten und lehrten auf einem Lehrstuhl für Gender und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität. Mit dem akademischen Titel Profex stellten Sie klar, dass Sie sich weder als Professor noch als Professorin verstehen und wurden dafür heftig angefeindet. Was halten Sie davon, dass der Online-Duden angekündigt hat, Wörter wie „Professor“ ausdrücklich als männliche Personenbezeichnung zu definieren und ihr eine weibliche Form zur Seite zu stellen?

Ich finde es revolutionär, dass der Duden das macht, weil es für mich tatsächlich die Aufhebung der vermeintlichen Allgemeinmenschlichkeit von Männlichkeit ist. Das öffnet andere Möglichkeiten als bisher. Denken Sie zum Beispiel an das Bundesgerichtshofurteil für Marlies Krämer, die gesagt hat, ich fühle mich von dem Wort Kontoinhaber nicht angesprochen. Jetzt, mit dieser Dudenänderung, müsste sie Recht bekommen, glaube ich, auch wenn der Duden keine staatliche Institution ist.

Mit Ihrem Buch, das Sie zusammen mit Ja’n Sammla geschrieben haben, schalten Sie sich auf noch grundsätzlichere Art in die Debatte ein.

Unser Ausgangspunkt war die Frage: Wie kann es sein, dass der Staat vor zwei, fast drei Jahren die Personenstandskategorie ‚divers‘ einführte und sich dann in Bezug auf die sprachliche Umsetzung tot stellte und stellt. Es gab eine unglaubliche Verunsicherung. Unternehmen fragten sich, wie sollen wir das denn bitte ausdrücken? Wie soll ich denn diverse Menschen ansprechen oder anschreiben?

Welche staatliche Instanz wäre denn für so etwas zuständig?

Das Justizministerium gibt ein Handbuch der Rechtsförmlichkeit heraus, wo Empfehlungen für den Schriftverkehr drinstehen, auch zu Geschlecht. Dieses Handbuch wurde seitdem nicht neu aufgelegt. Und ich finde, das Ministerium hätte sagen müssen, dieses Handbuch muss überarbeitet werden. Wir werden sonst unseren eigenen Gesetzen nicht mehr gerecht.

Foto: Volkmar Otto
Zur Person

Lann Hornscheidt arbeitet zu Sprache und Diskriminierung, von 2009 bis 2017 auf dem Lehrstuhl für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität, und prägte dort für sich die Anrede Profex. Hornscheidt leitet heute zusammen mit Ja’n Sammla den Verlag w_orten & meer und bietet Workshops zu Sprache und Gewalt, Genderfreiheit und Lieben als politisches Handeln an und schreibt.

Das Buch: Lann Hornscheidt & Ja’n Sammla „Wie schreibe ich divers? Wie spreche ich gendergerecht? Ein Praxis-Handbuch zu Gender und Sprache“, w_orten & meer, Berlin 2021. 

Lässt sich Sprache denn über solche ministeriellen Anordnungen ändern?

Sprache ist für mich eine Handlung, kein starres Regelsystem und wir können selbst Sprache gestalten. Dennoch finde ich es wichtig, dass es bei einer Änderung der Personenstandsregelungen von staatlicher Seite heißt: Es gibt neuerdings mit ‚divers‘ eine dritte Geschlechter-Kategorie, daher müssen sich auch die Sprachhandlungen ändern. Zumindest für die Verwaltungen müsste es Vorschläge geben.

Wie erleben Sie die aktuellen Sprachänderungen als Person, für die in unserer Grammatik bislang schlicht kein Platz war?

Dass in der Tagesschau die Sternchenform benutzt wird, damit hätte ich vor ein paar Jahren nicht gerechnet. Es ist auch einfacher geworden, bei einer Bank anzurufen und zu sagen: Können Sie bitte die Anrede Mann oder Frau streichen? Dann heißt es jetzt oft: Ja, machen wir sofort!

Wirklich?

Ja. Wenn ich in einem Telefongespräch sage, ich verstehe mich nicht als Frau oder Mann, dann entschuldigen sich viele sofort. Es ist keine Diskussion mehr. Natürlich hat das auch so Blüten, wie dass die GEZ nach mehrmaligen Aufforderungen, die gegenderte Anrede sein zu lassen, mir im letzten Brief geschrieben hat, ich könne sicher sein, dass sie mich nicht diskriminieren wollen, aber damit sie es nicht machen, würden sei jetzt nicht mehr mit mir kommunizieren. Das habe ich jetzt weitergegeben an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Vielleicht sollten Sie denen Ihr Buch schicken. Es zeigt, wie Formulare, Geschäftsbriefe, Stellenanzeigen, Gespräche und vieles andere ohne Geschlechterzuschreibung gestaltet werden können. Sie stellen alle gängigen Möglichkeiten innovativen Formulierens vor. Sternchenformen scheinen Sie nicht unbedingt zu favorisieren. Ihr Buch präsentiert stattdessen eine ganz neue geschlechterübergreifende Idee.

Genau, wir schlagen eine neue Form und eine neue Endung vor, die alle Menschen meint, entkoppelt vom grammatikalischen Geschlecht. Frauen können sich weiterhin über ein feminines Genus ausdrücken. Die Studentin beispielsweise, Männer über maskulines, der Student. Menschen, die solche Geschlechter hinter sich lassen, zum Beispiel über ex oder they. Und für alle Menschen schlagen wir – jenseits der eigenen Geschlechtereinordnung – als neue, allgemeine Form vor, -ens als Endung zu nehmen. „Ens“ ist der Mittelteil aus „Mensch“. „Studens“ wäre das, „Lesens“, „Hörens“. Und das Pronomen ist dann „ens“, der bestimmte Artikel ist „dens“, der unbestimmte ist „einens“. Wir haben das genderfrei genannt.

Lässt sich das mit dem neuen Pronomen hen im Schwedischen vergleichen?

Ja, neben den Pronomen „er“ und „sie“, „han“ und „hon“, ist im Schwedischen vor etwa zehn Jahren „hen“ eingeführt worden. Es wurde vorher schon lange von Menschen verwendet, die sich weder als Mann noch Frau verstehen. Heute steht es in den großen Grammatiken, wird immer mehr verwendet, und zwar nicht nur von Menschen, die sich als divers verstehen, sondern als progressive, allgemeinmenschliche Form. Und wird auch in Schulen gelehrt.

Wenn „ens“ ähnlich gut funktioniert, wäre es ungewohnt, aber praktisch. Keine Sternchen, keine Sprechpausen.

Wir bieten auch andere genderneutrale Lösungen an: Ich kann vieles einfach als Handlung statt als Identität benennen, indem ich statt Läuf*erin. Lehrerin oder Journalist sage: Eine Person, die läuft, die lehrt, die journalistisch schreibt. Es wäre schön, mehr darüber nachzudenken: Sind das Handlungen oder Identitäten, über die ich spreche? Also wegzukommen davon, dass wir immer alles zu einer Substanz machen, sondern uns eher als Menschen wahrzunehmen, die etwas tun.

Gleichzeitig wird es immer üblicher, andere über das eigene Geschlecht zu informieren.

Ja. In Mails zum Beispiel oder bei Zoom-Meetings, da stehen Namen und Pronomen, das entnormalisiert Privilegien.

Das heißt, es geht darum, diese Selbstauskunft nicht länger jenen zuzuschieben, die im Moment als „Ausnahme“ diskriminiert werden. Auch über solche neuen Umgangsformen informiert Ihr Buch. Wie passt diese verstärkte Markierung des Geschlechts zu einem geschlechterneutralen Pronomen?

Auf Dauer wünsche ich mir, dass Pronomen keine Rolle spielen, alle erstmal ens sind, und nur, wenn Menschen es wichtig finden, sich über Geschlecht in einer konkreten Situation zu identifizieren, das explizit zu machen. Das würde dazu inspirieren, nachzudenken, warum finde ich Geschlecht gerade relevant? Das wäre eine ganz große Veränderung.

Ihr Buch ist sehr zugänglich und alltagstauglich, finde ich. Gleichzeitig zielt es auf eine weitreichende Änderung der Gesellschaft und der Sprache. Viele Menschen reagieren schon auf weniger radikale Vorschläge mit Abwehr.

Das Wichtigste finde ich bei allem: Es geht nicht darum, eine neue Regel zu schaffen, die einen Zwang auf Menschen ausübt, sondern darum, dass Menschen selbst entscheiden können – müssen, wollen, was sie machen wollen. Das ist sehr sehr wichtig. Es geht darum, Menschen eine Option zu eröffnen, zu sagen, was würde es machen, wenn ich eine Situation genderfrei formulieren würde. Die große, häufig emotionale Abwehr zeigt ja nur, wie wichtig Sprachveränderungen sind – sonst gäbe es nicht solche Reaktionen.