BerlinWer ist eigentlich süchtiger nach wem: Berlin nach Lars Eidinger oder Lars Eidinger nach Berlin? Wer den Instagram-Account des Schaubühnen-Schauspielers kennt, weiß, was gemeint ist: Der Flaneur bildet sein Leben, seine Beobachtungen, seinen schrägen Blick in kleinen Foto-Piècen ab, die er in dem sozialen Netzwerk als Story teilt. 

Es sind Schnappschüsse, die nur 24 Stunden erhalten bleiben und dann wieder verschwinden. Alltagsaufnahmen vom kaputten Berlin, von poetisch angelegten Müllbergen, schrill sortierten Kaffeebechern, von der wach werdenden Großstadt, dem Scherbenhaufen nach Partynächten oder müden Menschen in flirrenden Zuständen an Randzonen der Stadt.

Lars Eidinger hat jetzt eine kuratierte Auswahl seiner Aufnahmen in einem Fotoband versammelt. Die Veröffentlichung ist nach seiner legendären Partyreihe an der Schaubühne benannt: „Autistic Disco“. Das Autistische an den 125 Fotos, die in dem Fotoband abgedruckt sind, muss man mehrdeutig, ja geradezu augenzwinkernd interpretieren.

Denn einerseits sind die Aufnahmen ein Spiegel von Eidingers entrückter, zwangsneurotischer Weltsicht, seinem ganz eigenen, selbstreferenziellen Humor, seinem individuellen Zugang zur Welt. Andererseits steckt in dem Autismus eine Sehnsucht, mit der Welt zu verschmelzen, eins zu werden, in ihr aufzugehen, sie zu verstehen, sich ihr bedingungslos und liebevoll zu nähern. 

Foto: Hatje Cantz
Lars Eidinger fallen die kuriosesten Dinge auf. Etwa ein Mann, der auf einem Einkaufswagen sitzt. 

Reiner Animismus in Bildform

Wer Eidinger bei Instagram folgt, der weiß, dass sich der Schauspieler mittlerweile eine eigene Bildsprache erarbeitet hat. Man kann sie sogar imitieren. Berlin erscheint in ihr als groteske Stadt, in die man sich hassliebend fallen lassen, sie abstoßen und wieder umarmen will. Am Ende siegt dann aber doch immer die Zuneigung, trotz aller Widersprüche. Armut neben Reichtum, Abgefucktheit neben Glanz, Traurigkeit neben Sehnsucht. 

Die Motive sind abwechslungsreich, konzentrieren sich vor allem auf Berlin, aber auch auf andere Großstädte wie Lissabon, Seoul oder New York. Die Motive wirken wie Fundstücke eines begeisterungsfähigen Flaneurs. Eidinger erblickt einen Bilderrahmen, der verlassen an einer kleinen Mauer steht. Ein paar Poller, die eine Art Straßen-Choreographie bilden. Plötzlich stolpert man über zwei zusammengesackte Straßenstangen, die wie schlapp werdende Penisse wirken.

Foto: Hatje Cantz
Ein Bild von einem Friedhof. Aufgenommen von Lars Eidinger.

Staunen und schmunzeln

Das ist Animismus in Bildform. Der Schauspieler sieht Ordnung im Chaos und folgt einer Motivik, die im Zufall einen unsichtbaren Regisseur erkennt. Es ist der naive Blick, der der Perspektive eines Kindes gleicht, dem sich die Realität noch magisch erschließt. Die toten Bilder scheinen zu sprechen, Bedeutung zu atmen. Mal kreischen, mal lachen, mal weinen sie.

Ob Gegenstände oder Menschen – die Objekte fordern den Betrachter heraus und rufen nach Exegese: Was ist mit dem riesengroßen Teddybär, der sich hinter einem Schaufenster, wie tot mit dem Gesicht zu Boden liegend, seinem Schicksal ergibt? Und was will uns die kleine grüne Pflanze sagen, die ihren Kopf aus einem Rinnstein reckt und sich den Weg zum Tageslicht bahnt? Man kann förmlich ahnen, wie spontan sich Eidinger auf die Dinge einlässt, wie er beim Spaziergang Halt macht, sein Handy zückt und staunend auf den Auslöser drückt. Dieses Staunen, es ist auf den Bildern mit Händen zu greifen. Die Leidenschaft überträgt sich auf den Betrachter und lässt ihn beseelt und schmunzelnd zurück. 

Foto: Hatje Cantz
Das Bild einer Frau, die sich am Strand sonnt. 

Lars Eidinger: „Autistic Disco“. Hatje Cantz, 128 Seiten, 30 Euro.