Im Zeittunnel.
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BerlinDas Fremde im Vertrauten ist ein Phänomen der Stunde. Da wird es höchste Zeit, zu Lars Gustafssons nachgelassenem Romanfragment „Dr. Weiss’ letzter Auftrag“ zu greifen. Der Ich-Erzähler und Titelheld ist offenbar nicht freiwillig – eventuell durch eigenen Leichtsinn – zum Zeitenwandler und „Überschreiter“ geworden. Eine unklar bleibende Macht, leicht pseudoreligiös aufgemotzt, kann ihn in einem Hilbert-Raum festhalten, dessen mathematische Gegebenheiten man nicht verstehen muss, um ihn als unkomfortablen Aufenthaltsort zu begreifen.

„Meine Existenz ist im Grunde ein langgezogener Zustand des Ertrinkens“, erklärt der Erzähler. „Wie wurde ich eigentlich in diese unerträgliche Geschichte hineingezogen? Wie bin ich hier gelandet?“ Nach Art von Romanfiguren, die zu sehr ihre Ahnungslosigkeit beteuern, weiß er das zwar irgendwo doch – wie gesagt, ist er wohl nicht lediglich das Opfer fremder Übermächte. Aber beim Lesen des schmalen Buches wird das Publikum daraus nicht schlau werden können. Denn Gustafsson, der 2016 starb, legt immer wieder neue Fährten, setzt an, bricht ab.

Die Form des Fragments ist dafür wie gemacht, auch wenn Michael Krüger in einem kurzen Nachwort darauf hinweist, „was dieses Buch hätte werden können. Es sollte ein Buch werden, in dem er (der Autor, d. Red.) all sein Wissen ausbreiten wollte, seine vielen Begabungen, Interessen und Fähigkeiten“. Tatsächlich kann Gustafsson all das dunkel funkeln lassen, aber nicht ausführen. Andererseits: Keine Lösung oder Abrundung könnte von Nutzen sein über das hinaus, was an bizarren, auch unterhaltsamen Begebenheiten und Überlegungen vor uns liegt.

Vermutlich vor uns liegt. Denn die Zeit wirft Falten, im Großen wie im Kleinen. Im Kleinen führt es dazu, dass ein Strippenzieher im Hintergrund Dr. Alberstein heißt, als wäre ein Teil von Albert Einsteins Namen verschluckt oder weggeklappt worden. Im Großen gibt es dem Romantitel einen ironischen Einschlag: Nicht nur bleibt im Vagen, worin genau der „letzte“ Auftrag an Dr. Weiss besteht, es ist auch mehr als fragwürdig, ob es der letzte ist. Ohnehin heißt das erste Kapitel „Das letzte Kapitel“. Selbstverständlich wird man zuerst annehmen, dass bloß das Ende vorausgenommen wird. Wie sich zeigt, befinden wir uns mit Dr. Weiss gemeinsam aber in einer verknäuelten Spirale.

Oft bleibt reizvoll unklar, ob nun das Fragment einen Sprung macht oder ob Dr. Weiss sich auch im vervollständigten Roman wieder in einer neuen Situation hätte zurechtfinden müssen. Dr. Weiss kennt das schaurige Spiel bereits. Wie im schönsten Zeitreisen-Kinofilm ist er auf einmal irgendwo, muss aber erst feststellen, ob es sich um einen realen Raum handelt – also um das, was gemeinhin für einen realen Raum gehalten wird. Dann schaut er, wie sich die Menschen kleiden und fortbewegen und schätzt den Zeitpunkt, sofern er Dinge wiedererkennt.





Das Buch

Lars Gustafsson:
Dr. Weiss’ letzter Auftrag.
Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel.
Wallstein-Verlag, Göttingen 2020. 146 S., 20 Euro.

Der Auftrag scheint am ehesten die Wiederbeschaffung einer gewissen Eisenkrone aus Vorzeiten zu sein. Sie diente oder dient einer windigen Bruderschaft als „Intelligenzverstärker“. Bei übermäßigem Gebrauch ist die Folge allerdings „die Einsicht in die totale Nichtigkeit der menschlichen Existenz“. Der sich seiner Nichtigkeit bewusste, aber dennoch vorhandene Dr. Weiss begegnet wunderlichen Gestalten und Gegenständen: einer Luftschiffwerft in wüstenartiger Gegend, einem zwergenhaften Volk, einem Mädchen, das vielleicht schon eine Maschine ist. Denn der reisende, der geworfene Weiss gerät möglicherweise auch enorm weit in die Zukunft. Jene Welt, die um der besseren Übersicht willen als Zukunft bezeichnet wird.

„Hier gibt es keine Menschen“, sagt das Mädchen, als Weiss sie nach den Zwergen fragt. „Aber was sind sie dann? – Etwas, das übrig geblieben ist. – Ich bin nicht ganz sicher, ob du ein Mensch bist oder ... – Aber du selbst weißt, dass du keine Maschine bist? – Aber die Menschen. Irgendwo hier in diesem großen Gebiet ... – Sie sind nirgendwo. Sie sind weg. Dies hier ist die Landschaft danach.“

Nicht nur elegant, sondern furios bewegt sich Gustafsson selbst zwischen den Zeiten: „Dr. Weiss’ letzter Auftrag“ ist eine veritable fantastische Geschichte aus den Sphären der Abenteuer- und Science-Fiction-Romane Jules Vernes, aber auch die Bücher von Tolkien und Michael Ende schwingen mit. Letzterer, sobald Gustafsson, auch dies mit einer gewissen Ironie, Verständnisangebote liefert, handliche Philosophie und Lebensweisheit. Selbst ein Mozart-Stück für „ein Orgelwerk in einer Uhr“ wird eingebaut, als ob dann Tom Hanks den Dr. Weiss spielen und das Mysterium am Ende aufklären könnte. „Am Ende“? Da kann man nach der Lektüre bloß lächeln.