Milo Rau, Regisseur, Theaterautor, Essayist und Wissenschaftler.
Foto: Sabine Gudath

BerlinDer Blick in einen leeren Zuschauerraum wie am Donnerstagabend beim Stream der 5. „Berliner Korrespondenzen“ aus dem Gorki-Theater hat ja noch immer etwas Vorwurfsvolles. Tatsächlich war diese Sache online aber perfekt. Man brauchte keinen Babysitter, hatte keinen Weg und konnte die Akteure in Großaufnahme sehen. Ganz wie Milo Rau, einer der beiden Gesprächspartner, später an diesem Abend sagte: „Wir müssen uns fragen, ob wir in die gleichen Räume zurückkehren wollen. Es müssen nicht vier Dramaturgen durch die Welt fliegen, um etwas zu besprechen, was sie in 15 Minuten über Zoom auch klären können.“

Die Veranstaltung der Allianz-Kulturstiftung befasste sich mit den „Vielen Gesichtern einer Krise“. Die Moderatorin Catherine Newmark saß auf der Bühne und hatte auf einem Großbildschirm ihre Gäste „aus West-Berlin“ zugeschaltet: die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von ihrem Arbeitsplatz an der TU vom Ernst-Reuter-Platz und den Theaterregisseur Milo Rau in Schaubühnennähe vom Adenauerplatz.

Beide haben einen internationalen Wahrnehmungshorizont und konnten die Frage nach dem Aufkommen von Verschwörungstheorien als deutsches Phänomen abtun. Die stammten von Menschen, in deren Familien niemand gestorben sei, für die die Pandemie abstrakt sei, sagte Savoy. Und es gebe Wichtigeres als das. Denn der Moment, an dem „die Maschine zum Stillstand gekommen sei“, an dem die Menschen erfahren hätte, „dass sie selbst entscheiden können und nicht der Markt alles macht“ (Rau), bzw. der „Moment Null, an dem man wie in einem Streiflicht plötzlich alle Unebenheiten des Systems sieht“ (Savoy), vergehe ja schon wieder. Schon sei es in der Uni nicht mehr möglich, Unterlagen online einzureichen, schon starteten wieder Flugzeuge.

„Lasst uns Forderungen stellen!“, verlangte Rau: Alles, was alle brauchten, müsste vergesellschaftet werden. Medikamente! Und die Internet-Technologie. Künstler sollten vom Zwang befreit werden, dauerproduzieren zu müssen. Und Wissenschaftler sollten fürs Nachdenken bezahlt werden, nicht fürs Projekteinreichen, sekundierte Savoy. „Wir brauchen eine Ökonomie des Lebens und keine Ökonomie des Mehrwerts!“ – Milo Rau.

Interessant fand Rau, dass das Theater in der Krise „sofort die üblichen Zwangshandlungen“ vorgenommen und sich Schauspieler mit der „Pest“ von Camus vor Handykameras gesetzt hätten, dass aber keiner den „Ödipus“ des Sophokles vorgezogen habe, die Geschichte eines Herrschers, der herausfindet, dass er selbst die Ursache für die Seuche ist, die in seinem Reich wütet. Und dass er das hätte wissen können. Genau das nämlich, ein Wissen zu haben, das sich nicht in Handeln übersetze, so Rau abschließend, sei der Grund, „an dem Zivilisationen sterben“.