„Last and First Men“ von Jóhann Jóhannsson.
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BerlinAm 9. Februar 2018 starb in Berlin der aus Island gebürtige Komponist Jóhann Gunnar Jóhannsson im Alter von 48 Jahren. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden war er in den Jahren zuvor vor allem mit der Musik, die er fürs Kino geschrieben hatte, darunter die Scores für „Prisoners“ (2013), „Sicario“ (2015) und „Arrival“ (2016) von Denis Villeneuve. Jóhannssons Filmmusiken sind treibend-wabernde, filigran gearbeitete, subkutan wirkende Klangteppiche mit Ecken und Kanten, schimmernd zwischen bedrohlich und erhaben. Und sie sind meilenweit entfernt von den manipulativen Attacken, die von einem durchschnittlichen Score Hollywood’scher Prägung gen Zuschauerempfinden geführt werden.

Kein Einhämmern auf die Gefühlsklaviatur also und auch kein klangliches Auserzählen der jeweiligen szenischen Intention – der Vorschlag und die Verführung waren Jóhannssons Metier. So gelang es ihm, an das filmische Geschehen eine abstrakte musikalische Perspektive anzulegen, die den Interpretationsraum der Zuschauer intellektuell wie emotional erweitert anstatt ihn zuzuschmieren; anstelle von Instant-Interpretationen bietet sie der Vorstellungskraft ungeahnte Möglichkeiten des (Mit-)Denkens und (Mit-)Fühlens.

Jóhannsson, der in seiner musikalischen Praxis jenseits der Filmvertonung gerne visuelle Elemente einsetzte, drehte mehrere Kurzfilme auf Super 8 und 16-mm-Film. Seit 2012 arbeitete er an seinem Langfilmdebüt, dessen Fertigstellung er nicht mehr erleben sollte, und das im Februar 2020 bei der Berlinale seine Uraufführung feierte. „Last and First Men“, basierend auf dem titelgebenden, 1930 erschienenen Zukunftsroman des englischen Schriftstellers Olaf Stapledon ist Jóhannssons Vermächtnis: Eine Elegie für Kamera, Orchester und Stimme, die den Essay- mit dem Science-Fiction-Film verbindet, ein atmosphärisch-sphärisches Gesamtkunstwerk, das Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod gleichermaßen umgreift.

Die Kompositionsmittel setzen sich zusammen aus einem von Tilda Swinton mit hypnotischer Wirkung vorgetragenen Voiceover, einer von Jóhannsson gemeinsam mit Yair Elazar Glotman komponierten, tief melancholischen Musik sowie Aufnahmen monumentaler Denkmäler, unter dem Namen Spomenik bekannt, die auf dem Gebiet des vormaligen Jugoslawien massenhaft von vergangenem sozialistischem Glanz und Gloria zeugen. Im vorliegenden Kontext aber legen die von Sturla Brandth Grøvlens Kamera in schwebenden Fahrten eingefangenen brutalistischen Konstrukte von Untergang und Hybris gleich der gesamten Menschheit Zeugnis ab. Swinton nämlich leiht ihre Ohrwurmstimme einem der Letzten der Humanoiden, die, zwei Milliarden Jahre in der Zukunft, nunmehr endgültig ihrer Auslöschung entgegen sehen. Selten sah und hörte sich das Weltende rauschhafter an.

Last and First Men (Island 2017). Regie: Jóhann Jóhannsson,  Deutsche Grammophon (CD + Blu-ray), ca. 21 Euro.