Laurel Halo beim Kiezsalon im Haus der Kulturen der Welt.
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinWir wollen ja nicht allzu offensichtlich werden, aber es ist schon merkwürdig, sich als Konzertkritiker das Jahr 2020 ohne Pandemie vorzustellen – und daran zu denken, wie man sonst um diese Jahreszeit am Ende eines ermüdend Berliner Musikfestivalsommers die Kalender mit viel zu vielen Herbstkonzertterminen füllte, die gar nicht alle zur Beachtung hätten kommen können.

Angesichts der Sehnsucht zum dauerhaften Kultur-Overkill war es so irgendwie passend, sich im echten 2020 am Ende eines warmen Sommertags bei kühlen Böen auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt wiederzufinden und – von Mithörern durch Sicherheitsabstand getrennt – den unheilvoll wabernden Klängen einer Künstlerin zu lauschen, deren Debütalbum von 2012 „Quarantine”(zu deutsch: Quarantäne) hieß.

Laurel Halo spielte beim Kiezsalon an Laptop und Synthesizer.
Foto: Roland Owsnitzki

So also am Mittwochabend, als die in Berlin lebende und aus Ann Arbour, Michigan stammende Laurel Anne Chartow alias Laurel Halo auftrat. Ihre Laptop-Klänge unterschieden sich nicht wesentlich von den unzähligen Waber-Klangwellen, die uns seit einem Vierteljahrhundert bei Laptop-dominierten Musikdarbietungen von Leuten entgegenschwappen, welche dann jeweils mehr oder weniger berechtigterweise als künstlerische Vordenker gehandelt werden. Und unter normaleren Bedingungen hätte man gedacht, das Konzert sei ein wenig langweilig! Dafür glich die Musik dem Soundtrack einer clever aussehenden, den Geist letztlich aber nicht fundamental fordernden Streaming-Serie mit Netflix-Ästhetik an. Sie war die Hintergrundkulisse zu der mit Böen durchwehten Abschiedsszene, mit der wir auf dieser Terrasse den vergleichsweise lebenszugewandten Corona-Kultursommer verabschiedeten und uns auf ein ewig kaltes, isoliertes Dunkel einstellten – das uns nun zweifelsohne erwartet und uns gewiss viel Netflix-Seriengenuss mit ähnlichem Klangdesign bescheren wird.

Auch versteht Laurel Halo sich darauf, Jazz-Akkorde in digitale Hallverwehungen hineinzustellen. Das entfernte Echo des Jazz wird bei ihr von der Böe aus dem Software-Effekt abgetragen, Jazz-Erosion gewissermaßen. An anderer Stelle bearbeitete Laurel Halo, die auf ihrem Debüt noch viel Gebrauch vom eigenen Live-Gesang machte, aufgenommene Stimmenschnipsel, die irgendetwas über „success“, also „Erfolg“, zu sagen schienen und von einem undefinierten Rumpeln verschluckt wurden.

Die das Gehör wenig verschreckende Balance aus Harmonie und Geräusch, aus vertraut emotionaler Spannung, deren seichter Brechung, aus Worten und deren behutsamer Dekonstruktion war klanglich vertraut. Pop-Avantgarde von gestern. Aber in diesem Moment fühlte es sich an, als sei sie für unser aktuelles Heute entworfen worden.

Der nächste Kiezsalon findet am 30. September in der Musikbrauerei statt. Weitere Infos und Tickets unter: www.kiezsalon.de