Ithaca, New York/Berlin - Der Debütroman der 30-jährigen Essayistin und Autorin Lauren Oyler „Fake Accounts“ könnte zeitgemäßer kaum sein: Er handelt von Verschwörungstheorien im Internet-Zeitalter. Die Protagonistin des Buches klickt sich am Vorabend der Amtseinführung von Donald Trump heimlich durch das Smartphone ihres Freundes und macht dabei eine niederschmetternde Entdeckung: Er ist anonymer Instagram-Verschwörungstheoretiker, ein populärer noch dazu. Der Roman, der zwischen Berlin und New York spielt, zeichnet so die Effekte sozialer Medien auf Beziehungen nach. „Fake Accounts“ erscheint Anfang Februar auf Englisch und im Frühjahr 2022 im Berlin Verlag auf Deutsch. Wir sprachen mit Lauren Oyler via Zoom.

Lauren Oyler, wo befinden Sie sich gerade?

Ich lebe neuerdings mit meinem Partner in Ithaca, im Bundesstaat New York.

In der Autorenbeschreibung Ihres Romans „Fake Accounts“ steht, Sie teilen sich Ihre Zeit zwischen New York und Berlin auf?

Ich habe zwischen 2012 und 2014 in Berlin gelebt. Normalerweise komme ich jeden Sommer für mindestens einen Monat nach Berlin. Das geht momentan natürlich nicht. Dennoch habe ich manchmal dieses seltsame Gefühl, Berlin irgendwie besser zu kennen als New York. Und ich nehme jetzt auch wieder Deutschunterricht.

Wie würden Sie Ihre Berlin-Erfahrungen beschreiben?

Wenn man als US-Amerikanerin oder als Ausländer nach Berlin will, sagen einem Leute: „Jeder spricht Englisch dort, man muss sich keine Sorgen machen.“ Aber wenn man dann ankommt, merkt man: Ja, fast jeder spricht Englisch, aber es ist nicht unbedingt angemessen, überall Englisch zu sprechen. Ich denke, „Anglo-Expats“, also vor allem Briten, Amerikaner und Australier, sehen Deutschland nicht als „echte“ Kultur, sondern als eine Art Erweiterung des Westens.

Auch weite Teile Ihres Romans spielen in Berlin. Was macht Berlin für Sie so interessant?

Ich halte Berlin einfach für einen sehr spannenden Ort, über den ich gern schreiben wollte, aber nicht mit dieser klischeehaften Expat-Faszination. Das wollte ich nicht noch aufbauschen. Gleichzeitig halte ich Berlin für eine fruchtbare Umgebung für viele meiner Ideen über das Internet. Teile des Romans nach Berlin zu versetzen, war auch deshalb so interessant, weil man sich damit in einen relativ analogen Raum bewegt. Ich hatte oft den Eindruck, Leute in Berlin sind weniger süchtig nach ihren Handys. Die Expats, die zur selben Zeit in Berlin lebten wie ich, sagten oft: „Ich bin Expat in Berlin, mir ist Social Media egal!“

Foto: Pete Voelker
Lauren Oyler

Lauren Oyler arbeitet als Essayistin und Autorin für verschiedene englischsprachige Zeitungen und Magazine wie The New Yorker, die New York Times und den Guardian. Zuvor lebte und arbeitete die heute 30-Jährige mehrere Jahre lang als freie Redakteurin in Berlin. Ihr messerscharfer Verriss von Jia Tolentinos Bestseller-Essayband „Trick Mirror“ für die Zeitschrift London Review of Books machte Oyler zur gefürchteten Kritikerin.

Ihr Roman handelt von einer Frau, die herausfindet, dass ihr Freund insgeheim Verschwörungstheoretiker ist. Das Thema wirkt extrem aktuell. In den USA – aber auch in Deutschland – gewannen Verschwörungstheorien in der Pandemie immer mehr Anhänger. Hatten Sie schon am Anfang vor, über dieses Thema zu schreiben?

Ich hatte mir vorgenommen, einen Roman über das Internet zu schreiben. Als ich damit anfing, gab es QAnon (rechtsextreme Verschwörungstheorien) noch nicht. Stattdessen gab es diese irgendwie witzige, aber auch seltsame Verschwörungskultur auf Instagram. Mich interessierte die Frage: Glauben diese Leute wirklich daran? Es ist nahezu unmöglich, das zu beantworten. Ein Freund von mir hat 2016 einen Artikel über das Phänomen für Vice geschrieben. Er hat mit Verschwörungstheoretikern geredet. Aber selbst er konnte kein wirkliches Gefühl dafür bekommen, ob sie glauben, was sie predigen. Ich denke, die Frage geht aber über Verschwörungstheorien hinaus. Sie durchdringt alle Aspekte sozialer Medien. Immer, wenn jemand online eine bizarre Position vertritt oder eine politische Meinung sehr direkt äußert, frage ich mich: Meinst du das ernst? Denkst du das wirklich? Die Unsicherheit, die daraus resultiert, wirkt sich auf alle sozialen Beziehungen aus.

Diese Tendenz ließ sich mit der Trump-Präsidentschaft ja beispielhaft beobachten.

Genau. Und um auf Ihre Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich habe das als Herausforderung verstanden, einen zeitgemäßen Roman zu schreiben. Ich wollte sehen, ob ich das schaffe. Ich glaube auch, dass diese Probleme nicht einfach verschwinden werden. Selbst wenn Verschwörungstheoretiker in den USA derzeit sehr verwirrt sind. Sie fragen sich: Was bedeutet es, dass Joe Biden Präsident ist? Wie können wir unsere Erzählung anpassen?

Sie sprechen von „Erzählungen“. Tatsächlich werden Verschwörungstheorien ja durch Fiktionen angetrieben, etwa, dass eine kleine Elite die Welt kontrolliert. Wie hat sich diese Spannung auf Ihr Schreiben ausgewirkt – Fiktionen zu fiktionalisieren?

Ich habe versucht, mich nicht zu sehr auf die Details dieser Erzählungen zu konzentrieren. Stattdessen wollte ich überlegen, welche Effekte die Verschwörungstheorien auf die Menschen haben. Wie wirken sie sich auf unser Vertrauen aus? Auf zwischenmenschliche Gefühle? Verschwörungstheorien sind schlechte Geschichten, obendrein ziemlich schnulzig, wenn auch nicht unbedingt simpel, weil meistens mit viel Kreativität und Liebe fürs Detail entworfen. Aber eben nicht glaubhaft. Die Kernfrage, die ich mir gestellt habe, war, wie ich einen glaubwürdigen Roman über so unglaubwürdige Dinge schreiben kann.

Foto: HarperCollins
Cover der englischsprachigen Ausgabe des Romans „Fake Accounts“.

Wie sah Ihre Recherche aus?

Es war ziemlich einfach. Verschwörungstheoretiker wollen ja, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt. Ich habe einfach viel Zeit auf Onlineforen verbracht, vor allem auf Reddit. Das war nicht groß anders, als durch meinen Instagram-Account zu scrollen. Man kann sich auch einfach nur langweilige Bilder oder coole Schuhe auf Instagram anschauen und recht schnell in diesen sehr bizarren Raum abdriften. Ich wollte aber wie gesagt eher meine eigene Version von dem entwerfen, was dort verbreitet wird.

Sie beschreiben Charaktere, die ständig auf sozialen Medien abhängen. Ich habe bisher noch nie einen Roman gelesen, der das Vokabular des Scrollens, Tippens, Textens und Checkens so haptisch integriert. War das schwer?

Es war peinlich! Allein zuzugeben, dass man so viel Zeit mit seinem Smartphone verbringt. Jetzt ist die Pandemie ja lange genug im Gange, dass alle recht unverblümt zugeben, im Schnitt etwa sieben Stunden pro Tag mit dem Smartphone zu verbringen. Aber natürlich war ich schon davor andauernd am Tippen und Scrollen. Noch peinlicher sind all diese dummen Kontroversen, die sich über Smartphones entspinnen. Man könnte in derselben Zeit ja Proust lesen oder Fernsehen gucken. Selbst Letzteres wäre wahrscheinlich gesünder. Und ja, es ist nicht ganz so leicht, darüber zu schreiben. Die Schwierigkeit liegt darin, zu zeigen, dass das ernsthafte Sachverhalte sind, selbst wenn sie belanglos und oberflächlich erscheinen. Ich denke, was auf dem Kapitol passiert ist, zeigt das sehr gut. Trump hat ja schon davor die ganze Zeit Twitter benutzt und seine Nachrichten daraus bezogen. Auch viele Journalisten beziehen ihre Nachrichten und Ideen von Twitter. Zu sagen, soziale Medien seien ein vernachlässigbares Element unserer Kultur, ist auch eine Weise zu unterschlagen, welche weitreichenden Effekte sie auf uns haben.

Sie sprechen den Sturm aufs Kapitol an. Viele der Teilnehmenden stammten aus den Reihen der QAnon-Bewegung. Hat sie das Ereignis überrascht?

Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Klar, es war irgendwie bizarr und unglaublich. Mein Partner und ich haben das Ganze auf CNN live mitverfolgt. Es fühlte sich an wie ein extrem langsames Zugunglück, wo man sich andauernd fragt: „Warum zieht hier keiner die Notbremse?“ Aber nein, ich war nicht überrascht, auch weil ich mit solchen Leute aufgewachsen bin, in einem sehr abgelegenen Teil von West Virginia. Und ich meine, denken Sie mal darüber nach: Etwa 75 Millionen Menschen haben für Trump gestimmt. Es war doch klar, dass ein Teil von denen das Kapitol stürmt.

Die Protagonistin Ihres Buchs hegt von Anfang an Misstrauen gegenüber Felix, dem Verschwörungstheoretiker, mit dem sie eine Beziehung führt. Gibt es eine Ähnlichkeit zwischen ihrem Misstrauen ihm gegenüber – und seinem Misstrauen gegenüber der Welt? Anders gesagt: Laufen wir alle irgendwie Gefahr, Verschwörungstheorien zum Opfer zu fallen?

Ja, absolut. Aber nicht nur, weil wir Smartphones benutzen, die sind ja gewissermaßen nur eine Erweiterung des Instinkts, zu verdächtigen, zu verschwören, alles um uns herum überzuinterpretieren. Ich denke, wenn man aus irgendeinem Grund den Leuten in seinem Umfeld nicht traut, wird man woanders nach Antworten suchen. Verschwörungstheorien sind offensichtlich falsch. Aber strukturell sagen sie etwas sehr Wahres über das Leben aus.

Foto: Pete Voelker
Die US-Autorin und Essayistin Lauren Oyler.

An einer Stelle im Buch äußert Felix nostalgische Gefühle über die DDR. Gemeinhin stellen Leute sich die DDR als einen vergangenen Ort vor, wo der Staat alles wusste. Felix dagegen ist ein junger Mann voller Geheimnisse. Wie passt das zusammen?

Ich habe an der Stelle versucht, mich über eine spezifisch amerikanische Form von „Ostalgie“ lustig zu machen. Die Art, wie US-Amerikaner sich die DDR vorstellen, geht letztlich nicht sehr weit über den Film „Das Leben der Anderen“ hinaus. Die DDR wird als Kultur der Intrigen und des Misstrauens gesehen, aber auf eine irgendwie aufregende Art, mit Spionen und Kaltem Krieg und so weiter, nur etwas weniger direkt als bei den Russen. Felix muss sich nicht damit auseinandersetzen, wie schmerzhaft es in Wirklichkeit war. Als Amerikaner ist das nicht seine Kultur, er kann ein- und auftauchen, wie es ihm passt. Er hat diese Klischee-Vorstellung der DDR im Kopf.

In der Beziehung, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, werden immer wieder auch alte Gewissheiten von Männlichkeit und Weiblichkeit infrage gestellt. Wäre es zutreffend, das Buch als feministischen Roman zu bezeichnen?

Ich denke schon. Ich habe früher viel für Frauen-Websites geschrieben. Dort habe ich darüber nachgedacht, wie Frauen-Medien heute Ideen von Weiblichkeit vermitteln, im Gegensatz zu früher. Auch über die Kritik daran, dass Feminismus zu so einer Art Mainstream-Meinung geworden ist. Feminismus wird inzwischen ja sehr breit gefasst. Was aber außer Frage steht, ist, dass er umkämpft ist. Was bedeutet das für gegenwärtige Beziehungen, insbesondere für heterosexuelle? Was bedeutet es für Frauen wie die Protagonistin? Sie tut ja weitestgehend, was sie will. Aber sie ist auch in der Lage, die Vorstellung, unterdrückt zu sein, zu ihrem Vorteil zu nutzen und die Leute damit zu täuschen. Ich wollte einen dieser „Junge Frauen in einer schlechten Beziehung“-Romane schreiben, aber eben auf eine schräge und aufregende Weise.

Das Gespräch führte Hanno Hauenstein.