Nachts in Chinatown in Los Angeles. Die Autorinnen schicken ihre Figuren in die dunklen Ecken der USA.
Foto: imago images/Ringo Chiu

Marie Mitchell wird von der CIA auf den afrikanischen Politrebellen Thomas Sankara angesetzt, um ihn zu diskreditieren. Sie arbeitet schon länger als Bürokraft beim FBI in New York, genauso wie ihr Onkel, der in den 60er-Jahren die Bürgerrechtsbewegung ausspionierte. Marie ist schwarz, auch wie ihr Onkel. Jetzt wird sie für die heikle Aufgabe nach Afrika geschickt. Natürlich kommt in diesem Buch alles anders als geplant. Thomas Sankara ist eine historische Figur, er galt als der Che Guevara Afrikas, setzte als Präsident Burkina Fasos radikale emanzipatorische Projekte um, bis er 1987 bei einem Staatsstreich ermordet wurde.

Lauren Wilkinson, schwarze Amerikanerin, geht mit ihrer Melange aus historischem Roman und bodenständigem Spionagethriller in „American Spy“ ein hohes Risiko ein. Sie spinnt eine komplexe Erzählung um die Rekrutierungsvorgänge von CIA und FBI – Hotspots des institutionalisierten Rassismus weißer Männer –, kippt dabei den alten Spionageroman in Schräglage und gewinnt ihm völlig neue Perspektiven ab. Da geht sie ähnlich radikal vor wie John le Carré vor einem halben Jahrhundert. Sie wagt sich dabei sogar noch an eine schwierige Form, indem sie alles als Erzählung einer Mutter an ihre vierjährigen Zwillinge präsentiert. Und sie gewinnt: In „American Spy“ zeigt sich die Zukunft des Politthrillers.

Lauren Wilkinson:
American Spy.

Thriller. Deutsch von Jenny Merling, Antje Althans, Anne Emmert und Katrin Harlass. Tropen, Stuttgart 2020. 366 S., 16 Euro.

Jung-Ja Han wird vor ihrer Apotheke angeschossen – urplötzlich ist sie wieder im Leben der Matthews’ präsent, nach 27 Jahren. Zwei Familien, eine afroamerikanische, eine koreanische, beide leben sie an den ausfransenden Rändern von Los Angeles. Als Außenseiter könnte sie vieles verbinden, eine Tat jedoch trennt sie für immer: 1992 hat Jung-Ja Han die 16-jährige Ava Matthews erschossen und ist mit einer läppischen Strafe davongekommen. Versucht sich jetzt jemand an Selbstjustiz und später Gerechtigkeit?

In Steph Chas intensivem Debütroman „Brandsätze“ stoßen die Gegensätze knallhart aufeinander: die Generationen, die Hautfarben, die Wohnviertel. Traditionelle Vorstellungen der Eltern – Konfuzius hier, Christus dort – reiben sich am Hedonismus und Aufsteigertum der Kinder; das bemühte Wegducken der koreanischen Gemeinde sträubt sich gegen das Rebellische der afroamerikanischen Nachbarn. Steph Cha, 1986 als Tochter koreanischer Eltern in der Nähe von Los Angeles geboren und in Kalifornien aufgewachsen, erzählt diese Geschichte von Wut, Rache und Bestürzung aus der Perspektive zweier Nebenfiguren, die erleben müssen, wie sich vieles um den Mord als Lüge oder Schönfärberei entpuppt. Begriffe wie Schuld und Gerechtigkeit schillern plötzlich wie gefährliche Schlangen. Mit „Brandsätze“ wirft sie einen entlarvenden Blick auf die amerikanische Geschichte der Gewalt.

Steph Cha:
Brandsätze.

Roman. Deutsch von Karen Witthuhn. Ars Vivendi, Cadolzburg 2020. 336 S., 22 Euro.