Er gesteht es ihr in einer Auto-Waschanlage. Die Bürsten wälzen sich über die Scheiben, Wassertropfen zerspringen in heißer Luft. Drinnen sitzt ein Liebespaar, keine Lebenspartnerschaft. Sie sind übermütig und unzertrennlich, einig in ihrer Hingabe und Achtung füreinander, Zwillingsplaneten, die jeder für sich und umeinander kreisen. Und dann zerbirst ihr Kosmos mit einem Satz. Laurence (Melvil Poupaud) sagt Fred (Suzanne Clément), dass er sich im falschen Körper fühlt. Dass er schon in seiner Kindheit ein Mädchen sein wollte, und dass es jetzt an der Zeit sei, sein Geschlecht zu ändern. Fred weint, versteht, hadert, kämpft. Und sagt: Wir schaffen das zusammen, „unsere Generation schafft das.“

Xavier Dolan , 24 Jahre jung und einer der produktivsten und aufregendsten Regisseure Kanadas, legt mit „Laurence Anyways“ ein bildtrunkenes Liebesepos hin. So wie einen Schriftsteller nicht seine Biografie zum Schreiben bringt, sondern seine Liebe zu den Wörtern, so ist Xavier Dolan ein Regisseur, der Bilder liebt, und dabei völlig promisk ist. Videoclips, Mode, Kunst, die Architektur Montreals, seiner Stadt – aus all diesen Zuströmungen gewinnt Dolan eine eigene visuelle Kraft, die er in „Laurence Anyways“ verschwenderisch ausbreitet. Üppige Party-Inszenierungen von barocker Pracht finden sich darin ebenso wie surreale Momente, in denen Kleider vom Himmel fallen. Die Interieurs und ein Soundtrack, der die Hits der 1990er neben Brahms, Vivaldi und Tschaikowski stellt, umreißen eine eklektizistische Dekade. Kritiker haben Dolan für seine früheren Filme als substanzlosen „Stylisten“ gescholten. Was für „Herzenbrecher“, einen kleinen Zwischenfilm nach seinem ersten großen Wurf „I killed my mother“ zum Teil auch zutraf. „Laurence Anyways“ aber vereint das, was der Punk-Pate Malcolm McLaren einmal als Qualitäten der Kunst bezeichnet hatte: „Subversiv, sexy und stilvoll“ sei sie. Dieser Film hat das alles. Weil er nichts proklamieren will, und weil er rückhaltlos ehrlich ist mit den Gefühlen seiner Figuren. Dolan gibt jeder einzelnen Gestalt in diesem großartigen Ensemble Raum, ihre Ambivalenzen zu zeigen.

Die Liebe, auch die einer Mutter (gespielt von der wundersamen Nathalie Baye), ist hier nicht, was sie ist – sie besteht aus der Unergründlichkeit des anderen, einer Loyalität, die immer fragil ist, ganz gleich, ob nun jemand so dramatische Änderungen an sich vornimmt wie Laurence es tut oder es um andere, üblichere Erosionen und Wandlungen geht. Dolan erzählt keine Emanzipationsgeschichte mit politischem Impetus. Er stellt eine universelle Frage: Wie weit bin ich bereit, dem anderen in seinen Entwicklungen zu folgen? Fred spürt bald, dass sie an Grenzen kommt. Ein anderes Paar, in dem der Mann zur Frau geworden ist, kann sie in seiner politisch-korrekten Auskunft „Ich liebe den Menschen, nicht das Geschlecht“ nur abstoßen. Fred ist eine leidenschaftliche Frau, sie verrät ihr Begehren nicht. Aber Laurence ist mit seiner Transformation genau dieses Risiko eingegangen.

Laurence Anyways Kanada 2012. Drehbuch & Regie: Xavier Dolan, Kamera: Yves Bélanger, Darsteller: Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye u. a.; 159 Minuten, Farbe. FSK ab 6.