Ein zweifaches „Fuck off!“ charakterisiere ihre Haltung, so Mona Eltahawy am Sonntagabend im Haus der Berliner Festspiele. Das eine richte sich gegen Islamophobie, das andere gegen islamische Sexisten. Die in Ägypten geborene, in England und Saudi-Arabien aufgewachsene Journalistin beschrieb ihren Spagat zwischen den Fronten in deftigen Worten. Ihre Wut sei ihr wichtig, sagte sie, denn fluchende Frauen sind immer noch die Ausnahme. Sie ist schon länger im Geschäft, schreibt u. a. für die New York Times und ist Gastkommentatorin bei CNN, Al-Dschasira oder BBC. 2011 wurde sie in Kairo inhaftiert und misshandelt, war aber auch in New York verhaftet, weil sie ein islamfeindliches Plakat übersprühte. Im Mai erschien bei uns ihr Buch: „Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt.“

Bei der Diskussionsrunde „Zur Lage des Feminismus“ saß neben ihr die Engländerin Laurie Penny. Mit ihren Blogs, den Büchern „Fleischmarkt“ und „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ traf Penny besonders bei jüngeren Frauen einen Nerv. Im Internet und in der Wirtschaftskrise groß geworden, hat sie einen scharfen Blick für die ökonomische Dimension der Geschlechterfrage und jede Menge Erfahrungen mit Online-Sexismus.

Die Dritte auf dem Podium war die amerikanische Filmemacherin und Performance-Künstlerin Josephine Decker, deren Filme „Butter on the Latch“ (2013) und "Thou Wast Mild and Lovely" (2014) preisgekrönte neue Wege finden, Frauen und ihre Sexualität zu präsentieren.

Vielen gilt ihre Arbeit als feministisch, was sie selbst so gar nicht angepeilt habe, so Decker. Sie nehme das Label aber gerne an. Diese Kombination dreier doch sehr unterschiedlicher Frauen, die sich auf der ilb auch jede einzeln vorstellten, wurde im Laufe des Abends noch sehr interessant.

Keine Lust mehr, sich um Männer zu kümmern

Eltahawy und Penny, beide auf ihre Art ein feministischer Star, bliesen temperamentvoll zur Attacke und lachten viel. Das Publikum im krachvollen großen Saal des Festspiel-Hauses reagierte entzückt. Als Eltahawy rief, die Sittenwächter aller Religionen sollten ihre Vagina nicht behelligen („Stay off my vagina!“) wurde gejohlt. Als Penny die Gefühlsarbeit für „fucked up guys“ eine Zumutung nannte oder konstatierte, dass die viel beschworene „work life balance“ für Frauen eine „work work balance“ sei, wurde begeistert gepfiffen.

Beide liefern komplexe Analysen, beide haben das Talent, Kompliziertes in eingängige Formeln zu bringen. Es machte Spaß, ihnen zu applaudieren. Als Eltahawy das Publikum animierte, ihre Fragen nach gleichem Lohn, weiblicher Macht usw. in Deutschland im Chor mit schallenden „No“-Rufen zu beantworten, wurde die kollektive Einigkeit aber doch ein bisschen unheimlich.

Decker saß sie wie zögernder Gedankenstrich daneben. Sie sprach anders, suchte nach Worten, machte Pausen. Nachdem Eltahawy wie Penny betonte, sie habe keine Lust mehr, sich um Männer zu kümmern und auch dafür jede Menge Applaus bekam, stellte die Filmemacherin sich gegen die Stimmung im Saal. Sie erzählte, dass sie sich mit einem Mann, der sie sexuell belästigt hatte, auseinandersetzte, ja ihm verzieh. Wie in ihren Filmen bestand sie auf Ambivalenz und schwierige Gefühle. Die Welt sei nicht nur schwarz oder weiß, sagte sie. Außerdem brach sie in Tränen aus – überwältigt von der Situation, den Gefühlen, der Geschichte, die sie zuvor nie öffentlich erzählt habe.

Die ohnehin wundervolle Schriftstellerin Priya Basil, die den Abend moderierte, fing dem Moment umsichtig auf. Eltahawy wie Penny blieben bei ihren Positionen, zeigten aber Mitgefühl. Das war natürlich professionell und eine feministische Selbstverständlichkeit, aber gleichzeitig erkennbar herzlich. Während im Publikum hier und da eine gewisse Ablehnung zu spüren war (immerhin plädierte die Weinende für Empathie für einen Täter) schien das Podium enger zusammenzurücken und diskutierte kurz danach munter und konzentriert weiter. Und so war dieser Abend nicht nur sehr unterhaltsam und machte neugierig auf die Arbeiten aller Beteiligten, sondern zeigte die Widersprüche und Chancen der aktuellen feministischen Debatten:

Zwischen Frauen und ihren Ansichten mögen Welten liegen. Aber das heißt nicht, dass sie aufhören miteinander zu reden.