Daniel Blumberg.
Foto: Steve Gullick

BerlinSeine Reifeprüfung hat Daniel Blumberg schon vor zwei Jahren mit dem letzten Album „Minus“ abgelegt. Auf dem nun folgenden „On & On“ vertieft und verdichtet der 1990 geborene Londoner eindrucksvoll die musikalischen Motive und Verfahrensweisen, die er auf „Minus“ erprobt hatte: Man hörte einigermaßen klassisch gefügte Songs in Stadien der Auflösung, er stürzte sie gewissermaßen musikalisch ins Siechtum und schaute, wo der Punkt lag, an dem sie kaputt gehen würden.

Blumberg bewies, dass man auch in diesen ergebnisorientierten Zeiten durch Rumprobieren, Neugier und Offenheit erfolgreich sein kann – vielleicht nicht unbedingt in messbaren Zahlen, aber dafür künstlerisch. Spannend war „Minus“ aber auch, wie man nun sieht, als Moment, in dem Blumberg ernsthaft eine Karriere begann, die bis dahin schon eine zehnjährige Abfolge von Anfängen war. Blumberg hat schon 2005 mit einer Indierockband namens Cajun Dance Band begonnen, die zwar weder mit Cajun noch Dance viel zu tun hatte, aber sogleich einen Vertrag beim Major-Indie XL bekam. Seither veröffentlichte er projektweise Alben mit David Berman (Silver Jews) und David Wagner (Lambchop), spielte mit Neil Hegarty (Royal Trux) als Hebronix, und gründete die Postrocker Yuck, die er 2013 verließ, als die Band nach dem ersten Album so richtig in die Gänge kam.

Frustriert von der Band- und Repertoireroutine entdeckte er in der Londoner Avantgarde-Institution Café Oto, auf Konzerten von Extremmusikern wie dem japanischen Gitarristen Keiji Haino oder dem deutschen Saxofonisten Peter Brötzmann, eine Welt jenseits der geschlossenen Songformen, das Versprechen offener Räume. Blumberg zog in einen öffentlichen Kunstraum, der dem Café Oto angeschlossenen war, vertiefte sich in Improvisation und Zeichnung (bis er als Schulabbrecher 2015 ein Stipendium an der renommierten Royal School of Drawing bekam).

Eine seiner wankend-dysplastischen Figuren sieht man nun auch auf dem Cover von „On & On“: Alles da, nur beulend und gekrakelt, dafür eigenartig bewegt. So ähnlich klingen auch die Songs des Albums, das wie schon „Minus“ fürs Post-Punk-Traditionslabel Mute eingespielt wurde. Unterbrochen von mehreren zerlaufenden Erweiterungen des Titelstücks hört man verletzliche und verletzte Lieder, die manchmal an den kunstvollen britischen Progfolker Roy Harper, manchmal an Neil Youngs bröcklige Countrynummern der Ditch-Trilogie erinnern. Das Klavier, sonst wichtiger Bestandteil bei Blumberg, fehlt ganz; die Drums wirken eher nervös verwischt und flüchtig. Dominiert werden die Sounds von Blumbergs geräumiger akustischer Gitarre und den improvisationssicheren Musikern, die schon „Minus“ geprägt haben: von Ute Kannegiessers Cello und Billy Stiegers Geige, die schmelzen, schaben, schrillen können; von Tom Wheatley und seinem bauchig schnarrenden Standbass.

Anders als bei „Minus“ hat man hier nie den Eindruck einer Aufgabenteilung von Song und geräuschiger Auflösung. Das Aufregende und Berührende dieses Album liegt vielmehr darin, wie Blumberg beides integriert, wie er aus den improvisierenden Momenten zu einer Songform findet, die so offen gestaltet ist, dass sie – wie die prekären Zwischenmenschlichkeiten der Texte – immer weiter, weiter und noch weiter gehen könnten.

Daniel Blomberg: On & On, Mute / PIAS (Rough Trade)