"Ich trinke, um zu vergessen. Weil das Hirn sonst nicht zur Ruhe kommt."

Herr Haußmann, wann haben Sie Bob Dylan für sich entdeckt? Dylan ist ja im September 1987 in Berlin im Treptower Park aufgetreten. Waren Sie dort?

Haussmann: Nein, ich hatte keine Karte. Dylan ist für mich eine klare Markierung. Von oberflächlicher Musik hin zum bewussten Hören von Musik. Ich war 14, 15 und bin in die Lehre gekommen. Ich war auf der legendären Rudi Arndt-Schule für Drucker und Schriftsetzer, und da kam ich an die Platte „Little White Wonder“. Das war eine Bootleg-Pressung. Und dass man so singen konnte, dass man so eine Ausstrahlung haben konnte, das hatte eine extreme Macht darüber, wie ich denken, wie ich leben wollte. Ich habe kein Wort verstanden, und es war doch nur ’ne Gitarre und ’ne Mundharmonika. Es war Sommer, das Fenster stand offen, der Sommerwind kam sacht hindurch, und alles war da: Sexualität und eine Ahnung davon, wie das Leben vielleicht weitergehen könnte. Das ist für mich Dylan.

Regener: Und es geht eben nicht um die Texte, es geht um den Sound, er gibt dir ein Bild vom Leben, das du vorher nicht hattest, und das ist der entscheidende Punkt. Und darum konntest du auch als Kind, das noch kein Wort Englisch konnte, wie ich damals, sofort verstehen, was Bob Dylan meinte. Das ist die Kraft der Kunst.

Haussmann: Ich warte auf den Moment, wo du hier singen wirst.

Waren Sie einander sofort sympathisch? Ihr erstes Zusammentreffen war ja professionell, Element of Crime machte die Musik zu Leander Haußmanns Inszenierung von „Peter Pan“ am Bochumer Schauspielhaus.

Haussmann: Die Sympathie war da. Aber ich war derjenige, der was wollte, und er war der derjenige, der die Bedingungen gestellt hat.

Regener: Ich lebte damals in Hamburg, er in Bochum, und wir trafen uns auf halbem Wege in Bremen, im Übersee-Museum, sein Dramaturg Boris Naujoks war auch dabei. Das waren inspirierende Leute, und mehr will man ja nicht. Die hatten was vor, die hatten das Feuer in den Augen, die hatten Energie, die wollten was machen. Und das ist hier auch so, ich erlebe hier gerade sehr gute Schauspieler, das spornt mich an, das ist sehr inspirierend. Wie oft habe ich jetzt das Wort inspirierend gesagt?

Haussmann: Ja, als wir jung waren, waren wir so voll von diesen Ideen. Aber es gibt eine Zeit, das treibt man nicht mehr selbst, da wird man getrieben und ist nicht mehr Herr des Verfahrens. Diese Zeit ist zum Glück vorbei. Ich hätte mit Fünfzig nie gedacht, dass ich ein paar Jahre später noch mal so einen Rock’n’Roll erlebe und das hier am BE. Das ist schon außerordentlich.

Sie sind jetzt hier zwei Tage in diesem Raum gewesen. Kriegen Sie mit, was draußen passiert?

Haussmann: Nee, und das ist doch herrlich.

Regener: Das ist die Idee von Kunst. Wenn ich zu Hause bin und ein Lied schreibe, kann draußen auch passieren, was will, das ist mir egal. Es gibt viele solche Distanzmittel. Religion, Kunst, Spiel, Sport. Auch der Sport kann über das Leben hinausweisen. Deshalb finde ich die Forderung, die Kunst müsse politisch sein, auch so ein bisschen stumpf.

Das sind Sie widersprüchlich. Auf Ihrer Website schreiben Sie, Herr Regener, unter Ihr Foto: „Kann ja sein, dass dieser Mann bequem sitzt, aber wenn die Welt sich noch ein bisschen weiter nach rechts unten dreht, wird er aufstehen müssen. Und dann gibt’s was auf die Literaturmütze, dass es scheppert!“

Regener: Interessant, wie Sie das interpretieren. Vielleicht geht es ja bloß darum, dass das Bild schräg ist. Und im Herbst ein neuer Roman von mir kommt. Naja, und irgendwann gibt’s natürlich auch mal den Moment, an dem man die Gummistiefel anziehen und in die Kloake runter muss. Das Leben ist eben nicht nur Gesang, Spiel und Tanz.

Haussmann: Die aktuelle Politik ist nicht das Thema von Faust I oder II, da geht es um universelle Menschheitsfragen, die so übergreifend sind, dass die Gegenwart dagegen verblasst. Als ’89 die Leute aus der DDR wegliefen, wurden die Theaterleute konfus. Da wollten sie in die Krankenhäuser und fehlendes Personal ersetzen. Ich habe gesagt: Ick seh uns schon reihenweise umfallen, wenn wir vor geöffneten Bäuchen stehen, wir sind doch bloß Theaterblut gewöhnt. Wir haben im Grunde mit dem Leben nichts zu tun. Dafür sind wir da. Wenn man von uns fordert, mit dem Wimpel voran anderen Tätigkeiten nachzugehen, kommt doch nichts dabei raus.

Regener: Man kann das machen, aber es ist eben kein Muss. Ein Künstler muss keine Verbindung herstellen zwischen seiner Kunst und seiner Teilnahme an Politik. Da gibt es keinen Zusammenhang. Denn die Kunst ist immer auch Geschmackssache, die Politik nicht. In der Kunst geht’s um Gefühle.

Wenn die Politik aber mit den Mitteln der Kunst arbeitet, mit Gefühlen und Fiktion – was dann?

Regener: Ja, das ist das Problem. Der Populismus besteht genau darin, dass man die Mittel der Kunst auf die Politik anwendet. Wir wollen aber Vernunft in der Politik. Wenn wir in der Politik Vernunft wollen, dann können wir in ihr keine Kunst wollen, denn die Kunst ist nicht dafür da, vernünftig zu sein. Sie ist dafür da, unvernünftig zu sein.

Haussmann: Den Staat machen am meisten die Leute nervös, die Quatsch machen. So war das auch in der DDR. Wer im Osten schon extrem angeeckt ist, der eckt auch heute an. Ob Schule, Schauspielschule, Lehre, Theater. Ich wurde immer wie ein Idiot behandelt, und ich werde auch heute wie ein Idiot behandelt. An wem liegt das wohl?

Regener: Na an dir natürlich, du bist ja auch ein Idiot.

Haussmann: Na darauf kann man doch stolz sein. Prost!

Wollen Sie noch ein Schlusswort sprechen?

Haussmann: Ne, ich antworte nur auf Fragen. Aber ich möchte sagen, dass ich mich jetzt langweile und in der Kantine Bier trinken und besoffen sein möchte. Heute ist so ein Tag, an dem ich saufe.

Aus Lust oder aus Verzweiflung?

Haussmann: Jedenfalls nicht, weil mich der Staat dazu zwingt.

Regener: Ich trinke, um zu vergessen. Weil das Hirn sonst nicht zur Ruhe kommt. Mir hat mal ein Neurologe erklärt, dass unser Gehirn über ein Bremssystem gesteuert wird. Und ich glaube, dass bei mir manche dieser Bremsen etwas unterentwickelt sind. Das Gehirn rattert die ganze Zeit – und deshalb trinken wir, nicht weil es uns klüger macht, sondern weil es uns dümmer macht. Wir ziehen zusätzliche Bremsen ein, sonst ist einfach zu viel da oben unterwegs.