Gute Filme bieten verschiedene Ansichten. Benoît Jacquots „Leb wohl, meine Königin!“ war der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, und im Rahmen dieses Festivals verstand man ihn als politischen Film: als Ansicht der Französischen Revolution von 1789 aus einer zugleich privilegierten wie untergeordneten Perspektive. Die Geschichte spielt in Versailles, wird aber aus der Perspektive der Vorleserin von Königin Marie Antoinette erzählt. Aus Sidonies Sicht, aus ihren Beobachtungen in Gängen und Sälen, ihren Gesprächen mit der Königin, höheren und niederen Chargen erscheint das historische Geschehen unübersichtlich und daher bedrohlich: Es geht etwas vor da draußen, das die bestehende feudale Ordnung ohne Angst vor dem Chaos stürzt. Und dieser Eindruck macht den Film unangenehm aktuell.

Differenzierter Blick auf das Seelenleben einer jungen Frau

Wie Sidonie durch das Schloss eilt, einerseits ihre Arbeit erledigend, andererseits auf der Suche nach Wahrheiten – das gleicht doch sehr unserem Bemühen, neben dem Alltag Orientierung zu gewinnen in einer nur noch im medialen Gerücht erfahrenen, ins wirre Mosaik von Informationen zerrissenen Welt. Sieht man den Film ein zweites Mal, ohne den Rahmen eines Festivals, das politisch Stellung nehmen will, kann man „Leb wohl, meine Königin!“ indes auch anders verstehen: als differenzierten Blick auf das Seelenleben einer jungen Frau.

Differenziert ist die Lage schon aus Gründen des Protokolls: Eine Unzahl von Vorschriften ist im Umgang mit der Königin einzuhalten, das reguliert den allgemeinen Drang in ihre Nähe. Ein weiblicher Drache wacht vor dem königlichen Gemach, fragt Sidonie, was sie Marie Antoinette vorlesen wolle und hält keinen ihrer Vorschläge für passend. Marie Antoinette selbst lümmelt aber ganz zwanglos im Bett, zerrt Sidonie ungeniert neben sich aufs Kissen und lässt es sich nicht nehmen, deren Mückenstiche zu behandeln. Was empfindet man einer solchen Frau gegenüber, deren Umfeld auf Distanz achtet, die sich aber selbst ganz formlos verhält? Sidonie deutet das als Ausdruck echter Nähe, fühlt sich privilegiert – um wenig später schroff zurückgestoßen zu werden. Unversehens findet sie sich am alten ständischen Platz wieder. Der Umsturz der Verhältnisse im Gemach der Königin scheitert. Tatsächlich liebt Marie Antoinette die Gräfin Polignac; andere Menschen sind für sie nur Statisten ihrer Launen.

Krugers Besetzung als Marie Antoinette macht Sinn

Aus dieser Sicht ergibt die Besetzung der Marie Antoinette mit Diane Kruger Sinn. Natürlich ist das keine Darstellerin für ein royales Frauenschicksal – das hat Kirsten Dunst in Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ um Dimensionen besser gespielt. Aber als Model verkörpert Kruger trefflich das Begehrtwerden mit allen Möglichkeiten zur Irritation im Spektrum zwischen Anziehung und Angst. Léa Seydoux als Sidonie bringt dieses Spektrum präzise zum Ausdruck: die stille Euphorie, die Hoffnung, die Opferbereitschaft, die Verzweiflung. Durch Intellekt und Sensibilität zeichnet sich Sidonie aus nicht nur vor ihrer Dienstherrin, sondern auch vor ihresgleichen, der Dienerschaft, die vor allem daran interessiert ist, vor gut gebauten Soldaten die Röcke zu heben. Sidonie versucht auch das einmal, scheitert aber kläglich.

Neben dem politischen Schicksal steht das private – beide sind indes vermittelt durch eine eindrucksvolle Bildregie, die in ihren gewundenen Fahrten und engen Blickwinkeln viel vom Druck in Versailles und im Inneren dieser jungen Frau erzählt. Auch beim zweiten Sehen bleibt „Leb wohl, meine Königin!“ ein Historien-Liebes-Thriller der innovativen Art, der ein großes historisches Ereignis auf ein paar Tage und Quadratkilometer komprimiert. Ihn ein drittes Mal zu sehen, ist kein Fehler.

Leb wohl, meine Königin! (Les Adieux à la Reine) Frankr./Spanien 2012. Regie: Benoît Jacquot, Kamera: Romain Winding; 100 Minuten, Farbe. FSK ab 6.