„Ich wollte meine Kinder selbst betreuen“

Judith Kerr weiß, dass es auf Details ankommt, wenn man anschaulich erzählen möchte. Das kommt vermutlich von ihrem ersten Beruf, den sie gern als ihren eigentlichen angibt – sie ist Zeichnerin. Nach dem Krieg hatte sie an der Central School of Arts and Crafts studiert, dann als Zeichenlehrerin gearbeitet. Weil sie nicht nur unterrichten wollte, ging sie auf ein Angebot ein, bei der BBC Drehbücher zu lektorieren.

Dort lernte sie ihren Mann kennen. Als sie Kinder bekam, blieb sie zu Hause. Im Gespräch passiert ihr an dieser Stelle ein lustiger Fehler. „Ich wollte meine Kinder selbst bedrohen“, sagt Judith Kerr, „nein, bedrohen ist ganz falsch.“ Betreuen ist das richtige Wort. Sie lacht über sich selbst. Sie spreche gerne deutsch, müsse die Sprache aber immer erst wiederfinden.

Ein Robbenbaby gibt es auch

Als die Kinder in die Schule kamen, sei es ihr langweilig geworden. Da schrieb sie eine Geschichte auf, die sie ihrer Tochter vorher oft erzählt hatte, „Ein Tiger kommt zum Tee“, und zeichnete ausdrucksstarke Bilder dazu. Diesem witzigen bunten Erstling um einen Überraschungsbesuch folgten viele Bilderbücher über einen etwas schusseligen Kater Mog, in dem zusammenfloss, was sie im Laufe der Jahre mit ihren Katzen erlebt hat.

In Artikeln über Judith Kerr in englischen Zeitungen ist immer zuerst von der Autorin der Mog-Bücher und des Tigers die Rede, obwohl auch dort das rosa Kaninchen hoch angesehen ist.

Noch ein anderes Tier ist in der Kerr’schen Wohnung in Berlin zurückgeblieben. Ein ausgestopftes Robbenbaby. „Es machte mir großen Spaß, mich auf ihn zu setzen und sein Fell zu streicheln“, schreibt sie im Nachwort ihres jüngsten Buches „Ein Seehund für Herrn Albert“. Mit dem Buch ist sie auf dem Festival zu Gast.

„Ich habe sehr ängstlich angefangen“

Im Hotel macht sie mit beiden Armen eine Kreisbewegung, mit der sie die Größe des Tiers andeutet. Alfred Kerr hatte als junger Mann in der Normandie einen Fischer begleitet, der Seehunde erschoss, weil die zu viele Fische fraßen. Als er versehentlich ein Muttertier erwischte, hätte er dessen Baby ebenfalls töten müssen. Ihr Vater nahm es mit nach Berlin, wo er es vergeblich beim Zoo unterzubringen versuchte. Judith Kerr erzählt diese Geschichte nun abgewandelt und mit einem guten Ende.

In ihrem Werk fehlte etwas für Achtjährige, „die schon lesen können, die sich aber noch nicht trauen, mit 250 Seiten anzufangen“, sagt sie. Für die wollte sie immer etwas machen. Auch habe es sie gereizt, einmal nur mit dem Bleistift zu arbeiten. „Ich habe sehr ängstlich angefangen, aber als ich halbwegs fertig war, dachte ich, jetzt muss ich es zu Ende schreiben.“

Der Herr Albert nimmt also den jungen Seehund mit in die Stadt, hält ihn auf dem Balkon und in der Badewanne, so dass die Wohnung in der Etage darunter Wasser abbekommt, was ihm die Bekanntschaft seiner reizenden Nachbarin beschert: Gemeinsam retten sie das Tier und einen Zoo gleich mit. Von einem missgünstigen Hausmeister und Leuten mit großem Herzen erzählt dieses kleine Buch, von glücklichen Zufällen und Beharrlichkeit, von der Liebe zu Tieren und zwischen Menschen.

„Das Leben nutzen“

Es passt in das Werk einer Frau, die sich den guten Blick auf die Zukunft verordnet hat. In seinem letzten Brief an Judith schrieb Alfred Kerr: „Du musst glücklich werden. Tu es.“

Ihr Vater starb, nachdem er nach dem Krieg noch einmal in Hamburg im Theater war. Ihre Mutter ging nach Deutschland zurück. Michael und Judith Kerr blieben in London. Sie erzählt, dass sie sich mit „dem Michel“ damals über ein Buch des Amerikaners John Hersey unterhielt, „The Wall“.

Es sei das erste gewesen, das persönlich erzählte, nicht über das Schlimmste, über die Lager, sondern über das Warschauer Ghetto. „Wir haben damals beide gedacht, dass wir das Leben nicht verschwenden dürfen. Nicht nur wegen unserer Eltern, sondern wegen all dieser Menschen, die alles gegeben hätten, um ein bisschen mehr Zeit zum Leben zu haben. Dieses Gewissen hatten wir immer im Hinterkopf. Wir wollten das Leben so gut wie möglich nutzen.“

Fragen, die ein „noch“ beinhalten, das auf ihr Alter gemünzt ist, lächelt sie weg. Sie gehe viel spazieren und denke nach, dann setze sie sich wieder an ihren Zeichentisch oben in ihrem Haus. Sie sei ja nun allein, ihr Mann ist vor zehn Jahren gestorben, da müsse sie sich beschäftigen.

Was sie über ihre jetzige Katze zu erzählen habe, würde ihr aber keiner glauben. Die gehe mit grünen Bohnen so um, als wären es Mäuse. „Sie behandelt Bohnen wie Beute!“ Ob sie noch mehr Bücher schreiben werde, möchte ein Junge von Judith Kerr nach der Lesung wissen. „Natürlich, ich bin doch erst 93.“