Malik (Reda Kateb,l.) und Bruno (Vincent Cassel, r.) betreuen autistische Kinder.
Foto: Prokino

BerlinDie Pferde schaffen, was Menschen nahezu unmöglich ist: Die Aufmerksamkeit eines Kindes mit schwerer autistischer Störung auf sich zu ziehen. Es dauert lange, bis der Junge mit dem Schutzhelm eine Hand auf den Kopf des Tieres legt. Als es dann geschieht, ist das ein großer Moment, nicht nur für den Jungen, sondern auch für seinen etwa 20-jährigen Betreuer, der in seinem Leben selbst bisher wenig Erfolg hatte. Innerhalb einer einzigen diskret beobachtenden Szene zeigen die beiden Regisseure Eric Toledano und Olivier Nakache, wie die Methode zweier ungewöhnlicher, wirklich existierender Sozialarbeiter funktioniert. 

Stéphane Benhamou und Daoud Tatou arbeiten seit vielen Jahren Hand in Hand.   Benhamou mit seinem Verein „Le Silence des Justes“(Das Schweigen der Gerechten), der Familien mit autistischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen entlastet, indem er diese tageweise oder auch länger in Obhut nimmt. Daoud Tatou mit seiner Initiative „Le Relais Ile-de-France“, die jungen Leuten ohne Diplom die Möglichkeit gibt, Verantwortung als Betreuer zu übernehmen und in die Ausbildung zum Pfleger oder Sozialarbeiter hineinzuwachsen. Im Film werden diese Männer von den beiden Schauspielern Vincent Cassel (Bruno) und Reda Kateb (Malik) höchst uneitel dargestellt. Helden sind sie nicht, eher Getriebene, Pragmatiker ohne das Bedürfnis, sich ständig nach oben abzusichern. Harsch im Ton (Malik) und unfähig zum Rückzug ins Private (Bruno).

Der Witz ist stiller

Natürlich ist das riskant, und natürlich muss es professionelle Standards geben im Umgang mit stark eingeschränkten, oft auch aggressiven Menschen. Gut, dass das Gesundheitsministerium seine Inspektoren schickt, und so lässt der Film zwei Prüfer dieser Behörde keineswegs als Abgesandte einer stupiden Bürokratie dastehen. „Alles außer gewöhnlich“ braucht keine dramatische Zuspitzung nach simplen Freund-Feind-Mustern. Die Dramatik liefert der Alltag, die Komik auch. Der Witz ist stiller, beiläufiger als in „Ziemlich beste Freunde“, dem großen Wurf des französischen Regie-Duos. Sagenhaften Reichtum oder wenigstens Opulenz der Lebensausstattung gibt es hier nicht zu bestaunen, nicht einmal aus der Sicht des Personals wie in ihrer Komödie „Das Leben ist ein Fest“.

Der Trailer zu „Alles außer gewöhnlich“

Quelle: Youtube

Das neue Gemeinschaftswerk von Toledano und Nakache knüpft eher an ihren Film „Heute bin ich Samba“ an, der ebenfalls in eine der trüben Dienstleistungszonen hineinstieß, die sich die etablierte Gesellschaft zunutze macht. War es in „Samba“ die Schwarzarbeit der Illegalen, der sogenannten Sans Papiers, die einen Großteil der Hotels, Restaurants und Baustellen in Betrieb hält, so sind es hier die beiden vor allem aus Spenden finanzierten Vereine, die dem Gesundheitswesen Patienten abnehmen, die es nicht aushält. Viele werden in der Psychiatrie mehr verwahrt als behandelt.   Mit welchen Folgen, das hat die Schauspielerin Sandrine Bonnaire 2007 in ihrem Dokumentarfilm „Elle s’appelle Sabine“ gezeigt, einem Porträt ihrer autistischen Schwester. Nach fünf Jahren Psychiatrie war aus der schönen, talentierten aber durch ihre Störung aggressiven jungen Frau ein schwer übergewichtiges, lethargisches Wrack geworden.  

Die Regisseure als unauffällige Begleiter

Toledano und Nakache haben vor einigen Jahren schon einen Dokumentarfilm über die Arbeit von Benhamou und Tatou gedreht, „On devrait en faire un film“ (Darüber müsste man einen Film machen), lautete der sperrige Titel. Er ist nicht nur das Zeugnis einer mehr als zwanzig Jahre währenden Verbindung mit Stéphane Benhamou, den Toledano und Nakache als junge Freiwillige in einem Feriencamp kennenlernten: Er ist auch die Urzelle des aktuellen Spielfilms. Ohne detaillierte Kenntnis der Realität wäre „Alles außer gewöhnlich“ in seiner guten Absicht stecken geblieben, wie so viele Filme, die kurz in soziale Projekte einfallen wie Kriegsfotografen in einen Konfliktherd. Toledano und Nakache agieren als Regisseure wie unauffällige Begleiter.

Alles außer gewöhnlich

 Frankreich 2019. Buch und Regie: Eric Toledano und Olivier Nakache. Darsteller: Vincent Cassel, Reda Kateb, Bryan Mialoundama, Benjamin Lesieur u.a., 113 Minuten, Farbe

Die Inszenierung unterliegt nicht ihrem gewohnten handwerklich glänzenden Stil: Sie folgt den desaströsen Zuständen: Zwei Leben in Dauerbereitschaft, immer am Limit, junge Leute, die nie strukturiert gelernt und gearbeitet haben, überforderte Ärzte, völlig erschöpfte Eltern, eine räumliche Enge, wie sie dort entsteht, wo permanent Geldmangel herrscht. Die Handkamera läuft den Sozialarbeitern auf ihren Wegen durch ein kaum kenntliches Paris gleichsam hinterher, hält Abstand, wo alles andere obszön wäre. Bruno, gläubiger Jude, ständig wechselnd zwischen Kippa und Basecap, wird vom Restaurant seiner Synagoge unterstützt. Malik ist dort ebenso willkommen, wie das höchst diverse Ensemble der Helfer. Was wie eine Konstruktion aussieht, findet seine Entsprechung ebenfalls in der Realität – die beiden Vereine praktizieren seit Jahren muslimisch-jüdische Solidarität. Nichts daran stellt dieser Film aus. Für Selbstdarstellung im Gewand sozialen Engagements ist hier kein Platz.