Szene im Haus eines pensionierten Pfarrers: Über dem schlicht, aber schön gedeckten Esstisch hängt eine Grafik von Käthe Kollwitz. Kinder recken um eine verzweifelte Frau herum die Ärmchen und rufen „Brot“. Wie kann man darunter noch „Guten Appetit“ haben, fröhlich nehmen, „was uns der Herr bescheret hat“? Ein ungeheuerlicher Anspruch ist diese Inszenierung: Jede Stulle soll man im Bewusstsein „genießen“, dass es anderen schlechter geht. Das man vorbildlich zurückhaltend zu sein hat. Welche Selbstdisziplinierung der Familie ist hier aber auch zu sehen, die Kollwitz-Grafik nicht einfach abzuhängen. Und welche Moral-Folter für Gäste, die nur plaudern wollten.

Genau um solche Ansprüche und Selbstansprüche geht es im Wesentlichen in der neuesten Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Die „Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses“ ist ihr Thema. Wobei „evangelisch“ vor allem als Staatskirchen-Lutherisch nach kontinental- und nordeuropäischer Tradition zu lesen ist.

Freikirchliche Sekten nämlich können sich nur selten Pfarr-Strukturen leisten. Immerhin, das grandiose Gemälde der norwegischen Haugianer-Sekte von Adolf Tiedemand ist zu sehen – mit tief versunkenem Wikinger im Zentrum. Toll. Was müssen diese Leute gelitten haben unter den strengen Gottesdienst-Regeln der Staatskirchen, den Hausverhören, wie sie der Däne Kurt Anker gemalt hat – oder der idyllisch von Bengt Nordenber dargestellten Abgabe des Zehnten im schwedischen Schonen.

Das Pfarrhaus als Wurzel der Aufklärung

Überhaupt haben die Kuratoren um Bodo-Michael Baumunk eine ganze Galerie herausragender Gemälde aus den nordischen Ländern nach Berlin gebracht. Schon sie lohnt den Besuch der Ausstellung. Etwa die Predigt am Strand von Uusimaa, 1881 von dem großen finnischen Maler Albert Edelfeld geschaffen. Eine Nationalikone, die im Pariser Musée d’ Orsay hängt. Natur und Religion gehen hier Hand in Hand. So wie es sich die Romantik erträumte. Edelfelds Gemälde zeigt aber auch eine Reaktion der Staatskirchen auf jene Sehnsucht nach Spiritualität, die die Strenge der Pastoren-Lehre oft nicht befriedigte. Gerade in den nordischen Ländern grassieren deswegen bis heute Freikirchen und Sekten, und vielleicht gibt es deswegen dort auch so viel gemaltes Gemeindeleben.

Und tatsächlich, ist dieser anglikanische Pfarrer auf seinem edlen Jagdpferd nicht unerträglich arrogant? Dabei war auch das anglikanische Pfarrhaus eine Wurzel der bürgerlichen Aufklärung. Wir lernen von der Bedeutung, die die Predigt für das Alltagsleben hatte, mit den unterschiedlichen Kircheneinrichtungen bei Reformierten und Lutherischen, den Sanduhren, die Pfarrer auf der Kanzel zur Würze in Kürze anregten, dem geheiligten Arbeitszimmer, in dem das Sonntags-Werk vorbereitet wurde. Mal biedermeierlich schlicht und klar, mal vollgeräumt mit Bibliothek.

Gezeigt wird die ökonomisch oft harte Realität, die kulturelle und politische Wirkung, aber auch das Selbstbild jener, die in den Pfarrhäusern ihres Amtes walteten und gleichzeitig ein Modellleben vorführen sollten. Mit gütig-patriarchalem Familienchef, der arbeitsamen, dem gemeinsamen Werk auch ohne Bezahlung ergebenen Gattin, den Kindern: Ein erschütterndes Foto zeigt eine Schulklasse zu DDR-Zeiten, auf dem nur ein Kind kein Pionier-Tuch trägt. Das des Pastors, es steht ganz am Rand.

Kritisch ohne Zeigefinger

Auch das Kind muss sich in das evangelische „Hier stehe ich und kann nicht anders“-Selbstbewusstsein einfügen. Und immer mit der Behauptung, so und nicht anders habe Luther selbst gelebt.

Klar wird allerdings schnell: Luthers Familie, die der Ex-Mönch mit der geschäftstüchtigen Ex-Nonne Katharina von Bora gründete, wurde erst im 19. Jahrhundert zum bildungsbürgerlichen Vorbildleben mit Hausmusik, Büchern und Weihnachtsbaum stilisiert. Herrlich die Grafiken zu Heinrich Voss Pfarrtochter-Idyll „Luise“, die milde-verhärmten Pastoren-Frauen aus Braunschweig und Lübeck, das Gemälde des Herrn Pastor Otto van Bijleveld, um den nette, dumme Schafe nach Führung verlangen.

Ein im Auftrag der Evangelischen Kirche und der Internationalen Martin-Luther-Stiftung entstandenes Panorama, wie man es in diesem Museum viel öfter sehen möchte: Detailreich, aber nicht detailverliebt, kritisch, ohne den Zeigefinger zu erheben. Umso überraschender, dass das 20. Jahrhundert doch sehr kurz abgehandelt wird.

Eine Büste des Pfarrerssohns Horst Wessel, die Verstrickung der Evangelischen in die Nazizeit, auch der Widerstand dagegen, die Antikirchen-Politik der SED, ein „Schwerter zu Pflugscharen-Aufnäher“ aus der DDR, das RAF-Suchplakat mit der Pfarrerstocher Gudrun Ensslin, dann das ikonengleich präsentierte Spiegel-Titelblatt mit Bundespräsident Gauck. Hier hätte man sich die gleiche Tiefe wie bei der Darstellung des pfarrherrlichen Forscherdrangs gewünscht. Was wäre etwa die DDR-Schwulenbewegung ohne den Schutz der Pastoren gewesen, wie streiten sich doch die Gemeinden mit den Oberkirchenräten, wenn zwei Männer oder zwei Frauen ins Pfarrhaus einziehen?

Andererseits: Gerade das 20. Jahrhundert der Pfarrergeschichte ist recht gut bekannt. Dass Pfarrhäuser aber schon im 18. Jahrhundert Reformmotoren der deutschen Gesellschaft waren, das weit weniger. Also kurz: Unbedingt ansehen.

Leben nach Luther – Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses Ausstellung bis 2. März 2014 im Deutschen Historischen Museum. Geöffnet täglich von 10 – 18 Uhr. Eintritt 8 Euro/ermäßigt 4 Euro, Katalog 25 Euro.